"Man kann sich doch nicht in Sack und Asche hüllen"

Interview27. Jänner 2013, 18:37
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Desirée Treichl-Stürgkh über den Opernball als Staatsaffäre, Mildtätigkeit und Stil und Wiener Gemeinheiten. Über ihren Ehemann, den "besten Banker des Landes", identifiziere sie sich nicht

STANDARD: Sie haben bei der Opernball-PK demonstrativ Staatsopernchef Dominique Meyer gelobt. Warum? War sein Vorgänger Holender für Sie so unerträglich?

Treichl-Stürgkh: Nein, das war er nicht. Aber Dominique Meyer hat sich bei der Pressekonferenz spontan hingestellt und die Wichtigkeit des Opernballes für die Oper betont. Ich fand das schön, wenn man das ganze Jahr gratis für diese Veranstaltung schuftet, und dann ist da jemand, der sagt, was wir hier machen, ist gut und macht Spaß. Das ist doch etwas anderes, als wenn jemand neben einem sitzt, der sagt, er würde das ganze Ding am liebsten abschaffen, und wozu brauchen wir das überhaupt. Daher habe ich mich auch spontan bei Direktor Meyer bedankt.

STANDARD: Am Opernball geht es um Roben, Schmuck, Rechts- oder Linkswalzer, die Tiaren der Debütantinnen - wird da nicht ein Bild vom Österreich des 19. Jahrhunderts transportiert?

Treichl-Stürgkh: Das ist doch sehr schön! Die Opernballtradition geht tatsächlich zurück ins 19. Jahrhundert. Das kann man, finde ich, auch heute noch spüren. Wir haben aber natürlich einiges verändert, der Opernball ist moderner geworden. Wir haben viele junge Künstler, wo immer wir können, unterstützen wir die österreichische Wirtschaft mit Aufträgen, spannenden Designern et cetera. Leider bleibt manchmal, auch aufgrund dessen, was die Medien transportieren, das Etablierte, Klassische, Glamouröse, Elegante übrig - das geht in Wien halt dann leicht in Richtung k. u. k. Glanz. Das wird aber auch medial verlangt, da ist dann schon die Wertung drinnen. Man will eben dieses Märchenhafte eines Balles, mit all den Verkleidungen.

STANDARD: Aber auch der Life Ball vermittelt Märchenhaftes, dennoch wirkt er moderner. Warum ist es nicht möglich, den Opernball radikal zu modernisieren?

Treichl-Stürgkh: Der Life Ball ist gut, weil er so ist, wie er ist. Der Opernball ist anders - und ist ebenfalls gut so, wie er ist. Diese Tradition mit der künstlerischen Eröffnung im Mittelpunkt und dem gleichbleibenden Ablauf ist wunderschön. Das hat alles genauso seine Berechtigung wie der poppige Life Ball. Und ich habe im Hintergrund schon viel modernisiert, mit dem Red Carpet, neuen Tanzschulen, neuen Bars - aber ich würde nie Augenfälliges ändern, wie den Dresscode. Dieser Ball ist 150 Jahre alt, wenn er den Leuten nicht gefallen würde, wäre er schon längst gestorben. Vielleicht gefällt das den Menschen gerade, dass in Zeiten, in denen sich dauernd alles ändert, auch einmal etwas gleich bleiben darf.

STANDARD: Sie und Meyer betonen gerne, dass der Opernball ein "Ball der Künstler" sei. Ist es nicht viel eher ein Ball der Superreichen und der Mächtigen?

Treichl-Stürgkh: Das ist ein Ball der Künstler, der mittlerweile auch als solcher wahrgenommen wird. Wir verkaufen 6000 Karten auf dem Opernball, die Karten sind teuer, aber Gott sei Dank gibt es viele, die sie sich leisten wollen. Ich glaube, wir haben eine gute Mischung. Die Logen, die ich teuer verkaufe, kommen der Oper und damit den Steuerzahlern zugute, genauso wie der gesamte Umsatz der Wirtschaft nützt - immerhin rund 1,1 Millionen Euro pro Jahr. Die neuen Räume, die wir kreiert haben, sind aber gerade für jene Leute, die sich keine Loge und keinen Tisch leisten können oder wollen. Der Opernball hatte immer auch den Installateur aus Innsbruck zu Gast oder die Friseurin aus Favoriten - und genau diese Mischung macht es ja so interessant.

STANDARD: Ein anderer Ball, der Akademikerball in der Hofburg, den die FPÖ veranstaltet, sorgt für Aufregung. Vielfach wird kritisiert, dies sei eine Veranstaltung der Rechten in den Prunkräumen der Republik. Was meinen Sie dazu?

Treichl-Stürgkh: Die Hofburg-Geschäftsführerin Frau Danler tut mir leid. Das ist eine schwierige Entscheidung. Denn einerseits findet dieser Burschenschafter-Ball seit vielen Jahren in der Hofburg statt, warum also erst jetzt die Aufregung. Andererseits muss man natürlich bedenken, dass gerade die Hofburg historisch sensibles Terrain ist. Man sollte den Burschenschaftern vielleicht einen anderen Ort anbieten.

STANDARD: Als Sie den Opernball 2008 übernahmen, sagten Sie, es sei für Sie nicht leicht gewesen, denn die Kombination aus Wirtschaftskrise und Ihrem Mann, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, habe viele Neider auf den Plan gerufen. Beides gilt noch immer: die Krise und Ihr Mann, der Banker. Fühlen Sie sich nach wie vor angefeindet?

Treichl-Stürgkh: Mein Mann ist der beste Banker des Landes. Punkt. Das macht die Situation für mich viel einfacher. Er ist höchst seriös und nennt die Dinge rechtzeitig beim Namen, auch, wenn es ungemütlich ist. Es war anfangs für mich nicht einfach, aber ich habe mich daran gewöhnt. Solange mir etwas einfällt und ich das Gefühl habe, dass ich dem Opernball etwas Gutes tun kann, mache ich gerne weiter. Was die Leute sagen - mein Gott. Ich identifiziere mich nicht über meinen Mann. Ich finde es nur unfair, wenn man alle Banker in einen Topf wirft.

STANDARD: Wurde nie diskutiert, den Opernball ausfallen zu lassen, weil die wirtschaftliche Lage trist ist oder das Land andere Probleme hat?

Treichl-Stürgkh: Fragen Sie einmal den Friseur um die Ecke, den Taxifahrer, den Würstelstandbesitzer, was sie sagen, wenn der Opernball nicht stattfinden würde. Man vergisst sehr rasch die enorme Umwegrentabilität, die der Opernball bewirkt. Und man kann sich doch nicht in Sack und Asche hüllen und in den Schützengraben zurückziehen und warten, bis die Krise vorbei ist. Wo bleibt denn da die Wirtschaft, wer verdient dann überhaupt noch etwas? Nein, das wäre das falsche Signal. Der Opernball ist der Opernball. Aber wenn wir schon von Krise sprechen: Wissen Sie, was mich wirklich berührt? Die Flüchtlinge in der Votivkirche.

STANDARD: Warum sammeln Sie nicht für sie am Opernball?

Treichl-Stürgkh: Das dürfen wir leider nicht. Jede Art von Charity ist uns untersagt.

STANDARD: Das kann man ändern.

Treichl-Stürgkh: Das liegt zwar nicht in meinem Ermessen, aber wir haben das schon mit Direktor Holender diskutiert, da wollten wir eine Charity für Künstler machen. Das ging aber auch nicht, denn das ist eben ganz klar ein Ball, dessen Einnahmen in das öffentlich subventionierte Haus fließen müssen. Und es gibt auch noch eine andere Ebene: Wenn sich der Opernball das Charity-Schleifchen umhängt, besteht halt die Gefahr, dass das einen falschen Ton ergibt.

STANDARD: Inwiefern?

Treichl-Stürgkh: Man macht sich künstlich herzig. Das ist ein Staatsball, da tanzen Leute, die viel Geld dafür ausgeben, da soll man niemanden verdonnern.

STANDARD: Glauben Sie, dass Missgunst und schlechte Nachrede Wien-Spezifika sind?

Treichl-Stürgkh: Das gibt es zwar überall, aber Wien hat schon eine besondere Neigung dafür. Als mein ältester Sohn ein Baby war und im Kinderbuggy saß, stieg ich einmal in die Straßenbahn ein. Plötzlich ging die Tür zu, der Kinderwagen wurde eingezwickt. Und während ich verzweifelt versucht habe, ihn da rauszubekommen, sitzen ein paar Menschen seelenruhig da, und eine Person sagt zur anderen: "Recht g'schieht's dem Trampel." Die haben sich gefreut, dass mein Kind eingequetscht wird. Das werde ich nie vergessen. Vielleicht meinen die Menschen das nicht einmal so zu hundert Prozent böse. Aber diesen mangelnden Respekt füreinander finde ich ganz schrecklich.

STANDARD: Apropos Mitgefühl: Sie haben ein Buch geschrieben: "Lebensstil - wie Sie mit Charme und Eleganz besser durchs Leben kommen". Darin gibt es einen "Stil-Selbsttest", und eine Testfrage lautet, ob man einem Bettler Geld geben soll. Gleich danach die Frage, ob man seinen Hund zu einem Dinner mitnehmen soll. Halten Sie Mildtätigkeit für eine Stilfrage?

Treichl-Stürgkh: Vielleicht ist die Anordnung nicht glücklich, aber der Sinn war, aus jedem Buchkapitel eine Frage herauszudestillieren. Und in einem Kapitel ging es mir eben um Herzenswärme. Dass man einander in die Augen sieht und sich wirklich für sein Gegenüber interessiert. Und wie wir wissen, sind den Wienern ja die Tiere vielfach wichtiger als die Menschen, insofern hat das dann eh wieder seine Berechtigung.

STANDARD: Sind Sie eine emanzipierte Frau?

Treichl-Stürgkh: Ja, absolut.

STANDARD: Wieso ...

Treichl-Stürgkh: Wieso?!

STANDARD: Wieso schreiben Sie ein Buch darüber, wie man "mit Charme und Eleganz" besser durchs Leben kommt? Ist das immer noch relevant für Frauen?

Treichl-Stürgkh: Den Titel hat mir der Verlag eingeredet. Ich finde es auch ein bisserl altvaterisch. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Wer sagt, dass gescheite, fleißige, durchsetzungsstarke Frauen nicht auch charmant und elegant sein können?

STANDARD: Was halten Sie von Frauenquoten für Aufsichtsräte?

Treichl-Stürgkh: Einerseits bin ich total dafür. Wenn gute Frauen da sind, dann klar. Aber wenn es diese Frauen nicht gibt, wenn die nicht zur Verfügung stehen, weil sie sich doch für Kind und Familie entscheiden, dann sollte man das nicht übers Knie brechen. Aber man muss Frauen und Männer auf jeden Fall gleich bezahlen.

STANDARD: Wie soll der Opernball in 50 Jahren aussehen?

Treichl-Stürgkh: Genau so wie jetzt. (Petra Stuiber/DER STANDARD, 26./27.1.2013)

Zur Person

Desirée Treichl-Stürgkh (48) organisiert seit 2008 den Wiener Opernball. Treichl-Stürgkh gibt auch das Design-Magazin "Home" heraus. Die gebürtige Steirerin ist dreifache Mutter, sie machte ihr Diplom als Werbefachfrau an der WU-Wien und begann ihre Berufslaufbahn als Modejournalistin. Sie arbeitete unter anderem für "Diva" und "Männer Vogue" in München.

 

  • Desirée Treichl-Stürgkh in ihrem Lieblingscafé Tirolerhof zum Thema Wien und Wiener: "Diesen mangelnden Respekt finde ich schrecklich."
    foto: der standard/regine hendrich

    Desirée Treichl-Stürgkh in ihrem Lieblingscafé Tirolerhof zum Thema Wien und Wiener: "Diesen mangelnden Respekt finde ich schrecklich."

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