"Die Schwulen waren einfach nichts"

Wie viele homosexuelle NS-Opfer es in Wien gab, ist offen - auch wegen "homophober Ignoranz" nach dem Krieg: Nun wird seit Jänner geforscht

Sie jagten sie in Bädern, in Parks oder auf öffentlichen Toilettenanlagen, auch "Logen" genannt. Unter den Nationalsozialisten galten Homosexuelle als krank, als Schädlinge, die vernichtet gehörten. Menschen, die gleichgeschlechtlich liebten, drohte schwerer Kerker, Entmannung, Konzentrationslager oder gleich der Tod.

Wie viele Homosexuelle in Österreich Opfer der Nazis wurden, ist bis heute nicht aufgearbeitet. Seit Anfang des Jahres arbeitet Qwien, das Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte, erstmals an der Gesamterfassung der homosexuellen Opfern der NS-Zeit - allerdings eingeschränkt auf Wien.

Während in anderen Bundesländer eine derartige Forschung kaum mehr möglich ist - in Salzburg sind beispielsweise nur noch Einzelakten vorhanden, in Graz wurden die meisten Akten zerstört oder sind verschimmelt - konnten Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher von Qwien etwa 2000 Akten aus Wiener Landesarchiven zusammengetragen, die sie nun abarbeiten.

Liesbeth L.

"Eine Zeitungsannonce wird der Erzieherin Liesbeth L. zum Verhängnis. "28-jährige Dame wünscht Freundin zwecks Kino und Theater", steht darin. Die Gestapo fängt im Rahmen einer Postkontrolle ein Antwortschreiben ab. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung werden Briefe der 41-jährigen Kremserin Maria K. gefunden. Beide kommen in Untersuchungshaft. Das Urteil, gefällt am 22. Mai 1942: Liesbeth L. fasst fünf Monate schweren Kerker aus, Maria K. drei Monate. Beide berufen - und das mit Erfolg. Das Gericht reduziert das Strafmaß von Maria K. um einen Monat, Liesbeth L. gelingt es durch krankheitsbedingten Aufschub, nie die Haft antreten zu müssen."

Warum die österreichische Geschichtsforschung schwule und lesbische NS-Opfer so lange ignorierte, erklärt Sulzenbacher mit der "homophoben Ignoranz" des Nachkriegsösterreichs: "Es wird ja auch nicht jeder Ladendiebstahlsakt dauerhaft archiviert. Bei wegen Homosexualität Verfolgten sah man ebenso null gesellschaftliche Relevanz." In Wien begann erst 1986 das Umdenken. So konnte zumindest der Aktenstand ab dem Jahr 1936 erhalten bleiben.

Auffallend ist für die beiden Wissenschafter, dass die Gestapo einschlägige Lokale meist in Ruhe ließ. "Natürlich haben die Nazis gewusst, wo die Homosexuellen sich treffen. Trotzdem gab es dort nicht jeden zweiten Tag eine Razzia", sagt Sulzenbacher. Im Paulanerhof in der Schleifmühlgasse etwa - dort, wo sich heute eine Bankfiliale findet. Oder im Hubertuskeller in der Mariahilfer Straße, derzeit ist dort ein Sexshop beheimatet. Warum die Nazis diese Szenetreffs nicht schließen ließen, ist den Qwien-Mitarbeitern ein Rätsel. Eine mögliche Erklärung: " In den Lokalen haben sich die Leute ja nur getroffen. In den Bädern oder auf Toiletten geht es hingegen ganz klar in Richtung Sex", meint Brunner - der Verhaftungsgrund sei offensichtlich.

Franz D.

"Der Wiener Praterstrizzi hat das erste Mal mit der Justiz zu tun, als ihn seine Nachbarin als "Warmen" denunziert. Laut Akt soll er gesagt haben: "Ich verdiene mir mit dem Arsch mehr Geld als mit der Arbeit. Und mich kann der Hitler am Arsch lecken und der Hitler bekommt mich nicht zum Arbeitsdienst." Das Gericht kann ihm die "Führerbeleidigung" nicht nachweisen, D. wird aber wegen "Unzucht wider die Natur" bedingt verurteilt. Ein Jahr später wird D. vom Jugendgericht wegen homosexueller Handlungen zu einem Jahr schwerem Kerker verurteilt. 1943, kaum aus der Haft, steht D. wieder von einem Richter. Ein Liebhaber gibt zu Protokoll, dass D. dessen blechernen Wecker gestohlen haben soll. D. gesteht schließlich mehrere Sexualdelikte. Das Sondergericht urteilt, seine Handlungen seien "derart verwerflich und seine sittliche Halt- und Hemmungslosigkeit derart tiefgehend", dass auch zum "Schutz der Volksgemeinschaft" die Todesstrafe verhängt wird. Am 7. Februar 1944 wird der 21-Jährige hingerichtet. Der Wecker geht zurück an den Liebhaber - der selbst wegen gleichgeschlechtlicher "Unzucht" einsitzt."

Eines zeige sich schon jetzt deutlich, sagen die Qwien-Mitarbeiter: "Die ganze Verfolgung von Homosexuellen ist im Grunde Klassenjustiz." Noch haben die Forscher weder einen Arzt oder einen Rechtsanwalt in den Unterlagen entdeckt, dafür Landarbeiter und jede Menge Arbeitslose. Brunner: "Es ist ein Unterschichtsphänomen. Wir haben großteils ,arme Hund', die es erwischt." Die Armen hatten oft keine eigene Wohnung, lebten bei ihrer Familie. Wer hingegen reich und berühmt war, hatte gute Chancen, auch als Homosexueller das Naziregime unbeschadet zu überstehen. "Es gibt einen Riesenakt, in dem es um die Denunziation von Prominenten geht. Da werden vormals Adelige, Schauspieler verraten. Und was ist passiert? Gar nichts", erzählt Brunner.

Hans Adolf B.

"Auch eine Parteikarriere schützt nicht: Hans Adolf B. wird 1920 NSDAP-Mitglied, tritt aber 1926 wieder aus. 1935 kommt er im Auftrag des Propagandaministeriums nach Wien, beginnt wenig später wieder als Sänger zu arbeiten. 1937 lernt er Karl F. kennen. Am 8. Juli 1938 werden beide verhaftet. Der Richter verurteilt B. zu fast zehn Monaten schweren Kerkers, F. erhält nur fünf, weil er als der "Verführte" gilt. Nach der Haft wird B. ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Allerdings wird B. auf Intervention von Winifred Wagner, bis zum Jahr 1944 Leiterin der Bayreuther Festspiele, wieder aus dem Konzentrationslager entlassen."

Homosexualität wurde nicht erst von den Nazis verboten. Der Strafrechtsparagraf 129Ib ("Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts") galt seit Mitte des 19. Jahrhunderts und blieb auch nach der NS-Zeit im Nachkriegsösterreich in Kraft. Erst 1971 wird das Totalverbot der Homosexualität abgeschafft.

Das macht die Arbeit an den Fällen zum Teil sehr schwierig. "Nehmen wir zum Beispiel den Akt eines Mannes, der in den Jahren 1932, 1942 und 1952 wegen des gleichen Delikts belangt wird. Jedes Mal wird er zur ungefähr gleichen Strafe verurteilt. Ist er ein NS-Opfer?", fragt Sulzenbacher. Nein, meinen beide Wissenschafter: "Es gibt hier sicher einen Graubereich." Viele während der Nazizeit verurteilte Homosexuelle hätten nach dem Krieg rasch geheiratet, "um die Spuren nur ja zu verwischen", oder hätten einfach in Abrede gestellt, den rosa Winkel im KZ getragen zu haben. "Schwule hatten keine Lobby. Auch im Konzentrationslager nicht. Das ist auch ein Grund, warum ihre Mortalitätsrate zum Teil höher war. Sie konnten innerhalb der Lager keine gefestigten Strukturen aufbauen. Die Politischen konnten sich organisieren. Die Bibelforscher, die Kriminellen waren eine abgeschlossene Gruppe. Die Schwulen waren einfach nichts", sagt Brunner. Ein Bild, das sich in Österreich auch später lange fortzeichnet. So stieg zum Beispiel die Zahl der Anklagen wegen Homosexualität in Wien Mitte der 1950er-Jahre auf denselben Stand wie im Jahr 1940. Die tatsächliche Anerkennung in der Opferfürsorge mit allen verbundenen Rechten, wie etwa die Anrechnung der KZ-Haft auf die Pensionszeiten, erfolgt erst im Jahr 2005. Den Richtern aus der NS-Zeit hat ihre Arbeit wenig geschadet - auch ihre Karrieren möchte Qwien nun genauer untersuchen.

Adalbert H.

"Der Wiener wird wegen seiner Homosexualität zu einem Jahr Kerker verurteilt, meldet sich aber im Jahr 1940 zu einer Bewährungskompanie an die Front und kann so einen Aufschub der Kerkerhaft erwirken. Den Richter, der ihn verurteilt hat, wird Adalbert H. nach dem Krieg wieder treffen. H. überlebt den Dienst an der Front und beantragt im Rahmen der Generalamnestie 1946 die Löschung dieser Strafe - ohne Erfolg. Der Eintrag im Strafregister sollte Folgen haben: 1949 landet H. wegen angeblicher Urkundenfälschung vor Gericht. Und findet sich vor genau jenem Richter wieder, der ihn schon während der Nazizeit verurteilt hat. Der Strafaufschub wird widerrufen. H. muss 1952 ein Jahr in den Kerker - nach einem NS-Urteil aus dem Jahr 1940."

Wien will 2015 ein Denkmal für die homosexuellen NS-Opfer errichtet haben - ein erstes Projekt konnte nicht verwirklicht werden. "Wenn die Politik ein Denkmal wünscht, dann sollte sie vielleicht auch wissen, wessen sie gedenkt", sagt Brunner. Die selbstgestellte Vorgabe lautet: " Wir bringen die Zahlen und die Schicksale an die Öffentlichkeit, nicht die Namen." Letzteres berge nämlich die Gefahr eines unfreiwilligen posthumen Outings.

Wie schwer sich Österreich noch immer tut, kann an einem kleinen, aber doch symbolischen Akt abgelesen werden: Beim KZ Mauthausen wurde 1984 weltweit die erste Gedenktafel für die homosexuellen NS-Opfer angebracht. Zahlreiche Denkmäler für die Opfer werden auch auf der Gedenkstätten-Homepage des zuständigen Innenministeriums mit einem Bild angeführt: Die Gedenktafel für die homosexuellen Opfer fehlt. (Peter Mayr/DER STANDARD, 26./27. 1. 2013)

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"Warum die Nazis diese Szenetreffs nicht schließen ließen, ist den Qwien-Mitarbeitern ein Rätsel."

Schwule und Lesben waren den Nazis einfach wurscht. Wenn sie wegen des damals, vorher und nachher gültigen Gesetzes angeklagt wurden, dann nicht wegen der Nazis, sondern wegen irgendwelcher netter Mitmenschen, die das Verbot einfach missbraucht haben, um persönliche Racheakte zu setzen. Das war zu allen Zeiten so, wo es solche Verbote gab, und hatte nicht speziell etwas mit den Nazis zu tun.

Die Aussage halte ich für gleichermaßen gewagt wie unsinnig. Homosexuelle waren den Nazis sehr wohl ein Dorn im Auge, konnten sie doch nichts zur Erhaltung der deutschen Rasse beitragen. Klarerweise hatten sie in der Propaganda nicht den gleichen Stellenwert wie die Juden und Kommunisten, aber sie wurden genauso systematisch eingesperrt und ermordet.

So gscheit waren die Nazis glaub ich schon, dass sie wussten, dass nicht eine karnickelmäßige Fortpflanzung allein das deutsche Volk erhalten kann, sondern auch Arbeitskraft war gefragt, und da konnten sich Schwule sehr wohl einbringen.
Fakt ist auf jeden Fall, dass man vor und nach den Nazis genauso Homosexuelle verfolgt hat. Das gibt es auch heute noch zB in Saudi-Arabien, ganz ohne Nazis.

"Unzucht wider die Natur" ist ein blöder Begriff für Homosexualität.

Weil diese nämlich ein natürlicher Teil der Sexualität an sich ist, und sich bei allen möglichen Lebewesen zeigt.

Homophopie hingegen ist schon eher wider der Natur, weil diese auf einem persönlichen Gesellschaftsbild basiert, dass sich jeder selbst machen kann.

Dementsprechend gehört eigentlich die Ablehnung von Homosexuellen unter Strafe gestellt, wenn man so naturverbunden sein will^^

"Die Schwulen waren einfach nichts"

"Die Schwulen waren einfach nichts" damals galten sie als nichts, aber nicht nur sie, kein Mensch war etwas. Nur die Nazi-Führungsriege war etwas, alle anderen waren nichts. Und die Schwulen und Lesben waren nicht einal Untermnschen. Sie waren nichts.
http://unterwoelfen.blogspot.co.at/

Interessanter Artikel des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland

http://lsvd.de/690.0.html#c3708

Röhm war schwul, Fräulein Anna Hess ebenso

Und eine ganze Nazi-Riege. Die Schwulen wurden auch verfolgt, weil sie in der Lage waren "die da oben" aufzudecken!
"It takes a thief to catch a thief"

Es sollte Redakteuren möglich sein zu wissen, dass es in Wien nur ein Landesarchiv geben kann. Soviel Wissen kann man verlangen.

Und warum heißt es dann "Stadt- und Landesarchiv"?

Und was ist dann das "Haus-, Hof-, und Staatsarchiv"?

Auf diese Klarstellung hat die Welt gewartet.

Wie das ganze so zusammen passt ist mir schon laenger ein Raetsel. Ein grosser Teil der SA, allen voran deren "Kommandant" Ernst Roehm, war ja bekantlicherweise nicht nur zu Gefechtsuebungen im Wald. Boese Zungen behaupte ja auch dass diesen Herren und den spaeteren Fuehrer mehr als nur die politische Ansichten und Ambitionen verbunden hat...

So, wie Du schreibst, bist Du eine "Böse Zunge" ...

Gibt's für Ihren letzten Satz irgendwelche Quellen? Ich finde die Geschichte um Ernst Röhm sehr interessant!Hatte aber bisher den Eindruck, dass seine offen ausgelebte Homosexualität von Hitler einfach akzeptiert wurde, solange Röhm ihm nützlich war. Bzw. konnte so eine "Schwachstelle" dann auch einfach für Röhm's Ausschaltung benutzt werden, sobald Röhm mit seiner Idee einer eigenständigen, von der Partei unabhängigen SA zu gefährlich wurde.

Jede/r sollte das Recht haben seine Sexualität auszuleben, ausser sie/er schadet jemandem bzw. tut das gegen den Willen der/des Anderen.

naja, prinzipiell...

grün, jedoch gibt es perversionen die wohl auch diesen Rahmen sprengen.....
Man denke zB an Nekrophilie.

und...

was wünschen FPÖ-funktionäre heute noch den Homosexuellen? Aktueller Fall von Wiederbetätigung in Oberösterreich:
http://ooe.orf.at/news/stor... s/2568613/

Wiederbetätigung wäre es, wenn Schwulenhass eine Spezialität der Nazis gewesen wäre.

das..

...entscheidet jetzt die staatsanwaltschaft ob es wiederbetätigung ist und homosexuelle waren eine gezielte opfergruppe des nationalsozialsums!

Im Artikel steht, dass es anscheinend nicht so war, und es gibt viele Hinweise, dass Homosexuelle in den eigenen Reihen wohlgelitten waren.

hab ich das richtig verstanden? man hat 1952, Urteile vollstreckt die 1940 vom NS Regime gefällt wurden?

Hast Du nicht richtig verstanden:

"Nehmen wir zum Beispiel den Akt eines Mannes, der in den Jahren 1932, 1942 und 1952 wegen des gleichen Delikts belangt wird. Jedes Mal wird er zur ungefähr gleichen Strafe verurteilt."

Drei Urteile, vermutlich drei Strafvollstreckungen.

Er hat schon richtig verstanden. 1940 wurde durch die freiwillige Meldung zu einer Gefechtseinheit seine Strafe aufgeschoben. Nachdem er 1949 wegen eines anderen Deliktes angeklagt worden war, wurde (vom selben Richter wie 1940) die in der Nazizeit verhängte Kerkerstrafe durch Widerruf des Aufschubes angeordnet.

Du und "SterzinOz", ihr habt recht!

the_suck hat das schon richtig verstanden, denke ich,

er bezieht sich auf den Fall "Adalbert H.", nicht auf die Stelle, die Sie zitieren.

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