Zum Opernball die passende Toilette

Kommentar der anderen25. Jänner 2013, 18:50
60 Postings

Der Ballbesuch - stets eine Frage der passenden Toilette. Eine scheinbare Nebensächlichkeit zeigt: Das Detail scheidet die Geister

Es ist wieder einmal hoch an der Zeit, die Leistungen des österreichischen Innovationsgeistes ins rechte Licht zu rücken. Nach einer quälend langen Periode des Schimpfens und Räsonierens darüber, dass in unserem Land nichts weitergeht, dass die Parteien ausschließlich mit ihren Korruptionsskandalen beschäftigt sind, dass sich die Regierung gar nicht mehr daran erinnern kann, wann sie das letzte Mal etwas entschieden hat, muss man endlich einmal fair sein und mit großer Freude und Genugtuung feststellen, dass es in unserem Land noch Menschen gibt, die zupacken und etwas verändern können.

Desirée Treichl-Stürgkh zeigte Leadership und ersetzte für den Opernball die Mitternachtseinlage durch eine dritte Quadrille. Roma locuta - causa finita. Sollte man glauben. Aber der Operndirektor Meyer, der, wie man schon am Namen erkennen kann, Franzose ist, setzte noch einen drauf: "Es ist doch eine Beleidigung", sagte er "wenn alle schön angezogen sind, nur die Wartefrauen nicht."

Falls Sie jetzt verwirrt sein sollten und nicht wissen, was "Wartefrauen" sind, kann ich Sie aufklären: Das sind unsere guten, alten Häuslfrauen.

In Autobahn-Raststätten werden sie abgeschafft, und hier? Hier sind sie wahrscheinlich wirklich notwendiger, wenn man bedenkt, dass Bälle im Allgemeinen, der Opernball im Besonderen, purgierend wirken. Aber was ist für die elegante Dame und den eleganten Herrn eine Beleidigung? Vielleicht hat es Herr Meyer nicht so gemeint. Vielleicht glaubt er nur, dass so eleganten Gästen wie Roberto Blanco und Richard Lugner samt Begleitung eine "Häuslfrau" in einem alten Kittel ästhetisch nicht zumutbar ist. Vielleicht glaubt er auch, dass Herren, die, wie man aus deutschen Krimis weiß, wichtige Gespräche nur während des Urinierens führen und deren letzte Dialogworte durch das lange Abbeuteln unverständlich sind, dass diese Herren also durch den Anblick der "Wartefrau" derart erschrecken und ihnen dadurch einige Tropfen in die Frackhose gehen.

Vielleicht sollte man auf den Herrentoiletten nur "Warteherren" Dienst machen lassen. Selbstverständlich im Frack, damit das Auge nicht beleidigt wird. Dennoch verbirgt sich hier eine große Gefahr: Man könnte unter Umständen den "Warteherrn" mit dem honorigen Opernballbesucher verwechseln. Um derartigen Peinlichkeiten vorzubeugen, müssten die "Warteherren" unbedingt ein unmissverständliches Symbol am Revers tragen. So etwas lässt sich unschwer im Fundus des Live-Balls auftreiben.

Viel komplizierter ist das bei den Damen. Gott sei Dank gibt es in der Oper eine "Haus und Hof"-Kostümbildnerin namens Annette Beaufays. Sie hat schon vor 30 Jahren jene Arbeitskleider der "Wartefrauen" entworfen, durch die sich heute ein festliches Publikum beleidigt fühlen könnte. Für die Repertoirevorstellungen genügen sie offensichtlich, aber für den Opernball ... ich bitte Sie!

Leicht wird es für die Designerin jedenfalls nicht. Wie sollen die neuen "Wartekleider" aussehen? Auf jeden Fall natürlich festlich. Aber wie festlich? Doch nicht zu viel! Weniger ist mehr - auch bei "Wartefrauen". Könnten es Roben sein? Nein, nein, nein. Da hätten wir ja dasselbe Problem wie bei den Männern: Man könnte nur allzu leicht die "Wartefrauen" mit den Damen der Gesellschaft verwechseln ... Aber auch hier könnte man Abhilfe schaffen. Mit einem Abzeichen, das die Dienstleistung signalisiert. Apart wäre ein Krönchen. Mit einer Doppelnull.

Auf der anderen Seite wären Roben für die "Wartefrauen" auch sehr praktisch: So ein Rocksaum wirkt auf einem Kachelboden wahre Wunder. Wisch und weg.

Wie auch immer. Toi, toi, toi, Frau Annette Beaufays. Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken, aber als Faustregel: "Kleidsam, aber nicht allzu elegant." Dann können, wie ich hoffe, die "Wartedamen und -herren" bei der dritten Quadrille mittanzen, ohne aufzufallen.

In diesem Sinne: Alles Walzer! (Thaddäus Podgorski/DER STANDARD, 26./27.1.2013)

Zur Person

Thaddäus Podgorski ist Schauspieler, Autor und Regisseur, von 1986 bis 1990 ORF-Generalintendant.

  • "Nicht alle finden Einlass, und für die drinnen gelten strenge Kleiderregeln. Für alle? Nein, hinter den Türen in den kleinen Örtchen besteht sichtlich noch Handlungsbedarf", berichtet Thaddäus Podgorski.
    foto: der standard/andy urban

    "Nicht alle finden Einlass, und für die drinnen gelten strenge Kleiderregeln. Für alle? Nein, hinter den Türen in den kleinen Örtchen besteht sichtlich noch Handlungsbedarf", berichtet Thaddäus Podgorski.

Share if you care.