Szenen einer "Machtergreifung"

25. Jänner 2013, 18:55
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Vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler Reichskanzler: Man spricht von seiner "Machtergreifung", aber die Macht wurde ihm eher von einer reaktionären Kamarilla übertragen

Die Herren waren durch die Gärten des Berliner Regierungsviertels über den Hintereingang in das Palais des greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gekommen. Um elf Uhr sollte der Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, vom Reichspräsidenten als Kanzler des Deutschen Reiches angelobt werden.

Steigbügelhalter dabei sollten einige Vertreter der traditionellen, ultrakonservativen Parteien sein; als wichtigste Figuren der katholische Zentrumspolitiker Franz von Papen - ein erzreaktionärer "Herrenreiter", der in der Illusion, als Vizekanzler die eigentliche Macht in der Regierung zu sein, Hindenburg zur Bestellung Hitlers überredet hatte - und der Zeitungsmagnat Alfred Hugenberg von der ultranationalistischen Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP), zusätzlich der Chef der Armee, Werner von Blomberg.

Dazwischen Adolf Hitler, ein halbverachteter Emporkömmling, den die Erzkonservativen aber brauchten, um in Deutschland die Republik zu kippen. Hitlers NSDAP war die stärkste Partei, aber er war auf die Zustimmung des Reichspräsidenten angewiesen, der über ungewöhnlich starke (Sonder-)Rechte verfügte. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt schon keine wirkliche Demokratie mehr, sondern eine Präsidialherrschaft.

Was nun folgte, war das atemberaubende Beispiel für das blitzartige Abrutschen in die größte Schreckensherrschaft aller Zei-ten.

Es war bereits nach elf Uhr, als Papen mit einer entscheidenden Eröffnung herausrückte, die er den anderen Herren wohlweislich verschwiegen hatte: Hitlers Bedingung, möglichst bald Neuwahlen auszurufen. Hugenberg musste fürchten, dabei beträchtliche Stimmenverluste zu erleiden. Außerdem stand auch er dem weit erfolgreicheren Konkurrenten im "nationalen Lager" misstrauisch gegenüber. Verbissen weigerte er sich, unter diesen Umständen an der Regierungsbildung teilzunehmen (er war als Superwirtschaftsminister vorgesehen). Auch als ihm Hitler mit seinem charakteristischen Tremolo in der Stimme sein "feierliches Ehrenwort" gab, er werde ihn unabhängig vom Wahlausgang im Kabinett behalten, gab Hugenberg nicht nach. Die ganze hauptsächlich von Papen im Laufe des Jänner 1933 inszenierte listenreiche Kabale, Hitler zum Kanzler zu machen, schien im allerletzten Moment zu scheitern.

Da betrat der Leiter der Präsidialkanzlei, Staatssekretär Otto Meißner, den Raum, deutete auf die Uhr und sagte erregt: "Meine Herren, die Vereidigung durch den Herrn Reichspräsidenten war um elf Uhr angesetzt. Es ist elf Uhr 15! Sie können den Herrn Reichspräsidenten nicht länger warten lassen!"

Den 85-jährigen Hindenburg, der schon als junger Leutnant 1866 (!) an der Schlacht von Königgrätz gegen die Österreicher teilgenommen hatte, der 1914 im Ersten Weltkrieg in der Schlacht bei Tannenberg in Ostpreußen den Einbruch der russischen Armee nach Deutschland verhindert hatte - den konnten echte deutsche, nationale Männer wirklich nicht warten lassen. Hugenberg gab nach und Adolf Hitler wurde Kanzler des Deutschen Reiches.

Es war noch nicht die ganze, die totale Macht. Aber es war die Voraussetzung dafür, und schon in den nächsten Tagen begann Hitler einen Blitzkrieg gegen die letzten Reste von Demokratie und Rechtsstaat. Er manövrierte mühelos die konservativen und deutschnationalen Traditionspolitiker aus, die geglaubt hatten, sie könnten ihn und seine Massenbewegung als Mittel zur Errichtung einer autoritären Herrschaft von "Schlotbaronen und Junkern" (Großindustriellen und Großgrundbesitzern) benutzen. Er schuf die Voraussetzungen für eine viel radikalere, brutalere Politik, als es selbst die ärgsten Stehkragen- und Monokelträger aus Deutschlands reaktionären Eliten zu denken gewagt hätten.

Zunächst war aber Feiern angesagt. Von sieben Uhr abends bis ein Uhr früh marschierten Hitlers Anhänger großteils in SA-Uniform in einem gigantischen Fackelzug durch Berlin und vorbei an der Reichskanzlei. Dort stand, im fahlen Scheinwerferlicht, Hitler an einem Fenster. Später wechselte er vom Cut in das braune Parteihemd. Er hatte die erste Etappe auf dem Weg zur totalen Macht erreicht.

Wie war das möglich? Es gibt mehrere Erklärungsmuster, die alle etwas für sich haben. Die alte und neue Linke ist überzeugt, dass Hitler nur ein Popanz mächtiger Kapitalistenkreise war. Die meisten verweisen auf die fürchterliche Not der Wirtschaftskrise, deren die demokratischen Parteien nicht Herr werden konnten; die Liberalen beklagen den Mangel an demokratischem Denken in der damaligen Bevölkerung; und die Rechten (aber nicht nur sie) verweisen hämisch auf die Tatsache, dass Hitler ja durch Wahlen an die Macht gekommen sei. Und viele glauben, dass Hitler so gut wie unvermeidlich gewesen sei.

Aber es war eher eine Machtübertragung durch einen umnachteten reaktionären Klüngel als eine Machtergreifung; und sie war auch nicht unvermeidlich.

Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler: "Nicht zwangsläufig war die Machtübertragung an Hitler. Aber um die Katastrophe abzuwenden, die am 30. Januar 1933 begann, hätte es eines tragfähigen antitotalitären Konsenses zwischen der Präsidialmacht und der demokratischen Minderheit des Parlaments bedurft. Daß es dieses Mindestmaß an Übereinstimmung nicht gab, hat den Weg für Hitler frei gemacht".

Der amerikanische Historiker Henry Ashton Turner: "Wie so vieles im mythologischen Fundus des Dritten Reiches war auch der Glaube, der 30. Januar 1933 markiere den Tag einer Machtergreifung, falsch. In Wahrheit hatte Hitler die Macht nicht ergriffen, sie war ihm von den Männern in den Schoß gelegt worden, in deren Händen damals das Schicksal Deutschlands lag."

Und Joachim Fest in seiner großen Hitler-Biografie: "Selten in der modernen Staatengeschichte ist eine Wendung von so unabsehbarem Gewicht stärker von persönlichen Faktoren, von den Launen, Vorurteilen und Affek-ten einer winzigen Minderheit bestimmt worden ... Ohne die präsidentiale Kamarilla ist die Kanzlerschaft Hitlers kaum denkbar".

Aber um überhaupt für eine solche Rolle infrage zu kommen, musste Hitler vorher eine bestimmte politische Bedeutung erlangt, d. h. Wahlen gewonnen haben. Und das tat er auch ab 1930. Bei den Wahlen im September dieses Jahres erzielte die NSDAP mit 6,4 Millionen Wählern 18,3 Prozent, ihre Mandatszahl stieg von 12 auf 107. Damit war sie zweitstärkste Partei hinter der SPD (24,5 Prozent) und vor dem katholischen Zentrum. " Innerhalb von zwei Jahren war die NSDAP von einer radikalen Splitterpartei zu einer Massenbewegung geworden, die die politische Landschaft völlig durcheinander gebracht hatte" (Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945). Zwei Jahre später, bei den Juli-Wahlen 1932 konnten die Nationalsozialisten ihre Stimmenanzahl noch einmal verdoppeln - von 18,3 auf 37,3 Prozent - und waren damit die bei weitem stärkste Fraktion im Reichstag. Zur Erklärung - und oft Entschuldigung - dieses Phänomens werden die 1930 losbrechende Wirtschaftskrise mit sechs Millionen Arbeitslosen, die autoritäre Mentalität sehr vieler Deutschen mit ihrer Anfälligkeit für "starke Männer" und Hitlers Propagandagenie mitsamt der hypnotisierenden Kraft seiner Rede genannt.

Dazu kam noch, dass die deutsche Mittelschicht von Abstiegsängsten gebeutelt war und die Jungen das Versagen der Elterngeneration im verlorenen Weltkrieg und in der Krise erlebten. Die Nazis waren überdies modern: Sie verwendeten Rundfunk, Kino, Flugzeug ("Hitler über Deutschland") als Beeinflussungsmittel. Aber nicht alles ist rational: " Hitlers Überlegenheit bestand gerade in der Einsicht, dass Denken und Verhalten der Menschen nicht allein von ökonomischen Interessen geleitet ist. Die Nationalsozialisten setzten vielmehr auf das Bedürfnis nach immateriellen und emotionalen Bezügen, auf Paro-len von Ehre, Größe, Heroismus, Opferbereitschaft und Hingabe" (Thamer).

Nicht zu vergessen die gewalttätige Einschüchterungspolitik durch die SA-Schläger auf den Straßen und in den Versammlungshallen, die so manche Bürgerliche vom Widerstand abhielt.

Dass Hitler gar kein Hehl daraus machte, das traditionelle System wegfegen zu wollen ("Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.") übte auf viele einen perversen Sog aus.

Die sensationellen Wahlerfolge Hitlers im Jahre 1932 fielen in eine Zeit des Endstadiums im Siechtum der Republik: "Die parlamentarische Demokratie zerbrach daran, daß sie das Gros der Machteliten gegen sich und die demokratischen Parteien nicht mehr entschieden hinter sich hatte" (Heinrich August Winkler). Die alten Eliten waren ohnehin immer gegen die Demokratie gewesen, und die Wählermassen verloren das Vertrauen in sie.

Dennoch: Hitlers NSDAP war zwar die stärkste Partei, hätte aber durch eine "Koalition der Vernünftigen", wie sie der SP-Ministerpräsident von Preußen, Otto Braun, vorschlug, von der Macht ferngehalten werden können. Das kam nicht zustande. Was aber heute zu wenig beachtet wird: Seit 1930 war die Weimarer Republik keine vollwertige parlamentarische Demokratie mehr.

Die Verfassung ließ es zu, dass der Reichspräsident eine ungewöhnlich starke exekutive Rolle übernehmen konnte. Als sich 1930 die Parteien nicht einigen konnten, "wurde Hindenburg von seinen engsten Beratern, hochrangigen Militärs, gedrängt, mit dem parlamentarischen System zu bre- chen und die Linke von der Regierungsarbeit auszuschließen" (Turner).

Von nun an setzte der Reichspräsident nach eigenem Gutdünken ihm genehme Kanzler ein und stattete sie mit umfassenden Notstandsvollmachten aus, die ihnen erlaubten, ohne parlamentarische Mehrheit zu regieren. Es begann ein Reigen von "Präsidialkanzlern", der erste war der katholische Zentrumspolitiker Heinrich Brüning (der von der SPD toleriert wurde). Doch er wurde von dem Adeligen Franz von Papen vom extrem rechten Flügel des katholischen Zentrums abgelöst - auf Betreiben des Generals Kurt von Schleicher, des Chefs der Reichswehr.

Brüning, der mit einer keynesianischen Arbeitsbeschaffungspolitik und der Reduktion der Kriegsreparationen erste wirtschaftliche Erfolge erzielt hatte, wurde "hundert Meter vor dem Ziel" geschasst.

General Schleicher wollte in völliger Verkennung der Natur der NSDAP und Hitlers die Partei als Hilfswillige für den antidemokratischen Umbau heranziehen. Aber hier stieß er auf Hitlers Prinzip des "Alles oder Nichts", auf das Hasardieren mit vollem Einsatz. Hitler ging nicht als Zweiter in eine Regierung, er wollte nur der Erste sein.

Hitler hatte jetzt Prinzipientreue dringend notwendig. Denn bei den neuerlichen Wahlen, die am 6. November 1932 stattfanden, brach die NSDAP um zwei Millionen Stimmen auf 33,1 Prozent ein. Die leise Verbesserung der Wirtschaftslage und eine gewisse Enttäuschung, dass Hitler nicht in eine Regierung ging, mögen die Ursachen sein. Es brodelte auch innerparteilich. Ein revolutionär-sozialistischer Flügel wollte endlich die Machtübernahme. Das wäre aber schwer mit den Spenden der Industrie vereinbar gewesen, die Hitler seit einiger Zeit bekam - allerdings bei weitem nicht von einer Mehrheit der deutschen Großindustrie, die skeptisch blieb.

Inzwischen war auch Papen als Kanzler an mangelnder Unterstützung gescheitert, und der Drahtzieher Schleicher ließ sich am 2. Dezember 1932 von Hindenburg zum Kanzler ernennen.

Das Jahr ging denkbar trist für Hitler und die NSDAP zu Ende: Ende des Sturmlaufs bei den Wahlen, Finanzprobleme, innerparteilichen Unruhen. Jetzt brach Hitlers Nihilismus durch: "Wenn die Partei einmal zerfällt, dann mache ich in drei Minuten mit der Pistole Schluss."

Auch die Jahresendebilanzkommentare in den wichtigsten Zeitungen schrieben Hitler ab: "Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen" (die liberale Frankfurter Zeitung). Der sozialdemokratische Vorwärts: "Hitlers Aufstieg und Untergang".

Aber ausgerechnet jetzt, in einer Stunde eines zumindest relativen Abstiegs, wurde Hitler von den Vertretern des reaktionären alten Deutschland gerettet, indem man ihn wieder ins Spiel brachte. Sowohl Schleicher wie Papen warben erneut um seine Gunst. Papen gewann, weil er Schleicher bei Hindenburg erfolgreich anschwärzte. Am 4. Jänner fand im Haus eines Kölner Bankiers ein Gespräch mit Papen statt, bei dem Hitler erneut schroff ablehnte, "das Recht der Erstgeburt unserer Bewegung" (die Kanzlerschaft) für ein "Linsengericht" (Vizekanzler ) zu verkaufen. Aber ab nun war er sozusagen der logische Kandidat für das Kanzleramt.

Es folgte den ganzen Jänner ein Hin und Her mit Geheimtreffen, Intrigen etc., in deren Verlauf Hitler in eine immer bessere Position geriet. Auch Hindenburg drängte seine Abneigung gegen den "böhmischen Gefreiten" schließlich zurück, nachdem der Chef der Reichswehr, Werner von Blomberg erklärt hatte, als Kriegsminister ein Auge auf einen Kanzler Hitler zu haben.

Sie glaubten, man werde den Emporkömmling schon "einrahmen", "zähmen" (Schleicher) "oder in die Ecke drängen, dass er quietscht". Und: "Wir haben ihn uns engagiert" (Papen).

Ein schrecklicher Irrtum. Binnen kurzem waren Papen, Hugenberg und Blomberg kaltgestellt, Schleicher war ermordet. Aber auch die Sozialdemokratie, die Gewerkschaften, die Institutionen standen der Machtergreifung hilflos gegenüber, die jetzt wirklich begann. Hitler nutzte die Zeit bis zu den Wahlen am 5. März, um mit Terror, Aussetzung der Grundrechte seine Macht eisern zu sichern. Selbst dann erhielt die NSDAP keine absolute Mehrheit, sondern nur 44,3 Prozent. Aber es war zu spät. Die Zeit, als man noch etwas hätte verhindern können - durch eine Koalition von SPD, Katholiken und Liberalen oder gar durch einen Militärputsch (wie der Historiker Turner meint), war vorbei.

Hitler konnte an die Umsetzung seines Lebensprogramms gehen. Das breitete er denn auch bereits am 3. Februar 1933 vor der Reichswehrführung klar und unmissverständlich aus: "Erst muss der Marxismus ausgerottet werden ... Dann wird das Heer fähig sein, eine aktive Außenpolitik zu führen und das Ziel der Ausweitung des Lebensraums des deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden."

Damit lag sein Programm für den dann ab 1939 verwirklichten Raub- und Vernichtungskrieg im Osten auf dem Tisch. Er setzte es ab 1939 mit entsetzlichen Folgen um, wie versprochen. (Hans Rauscher/DER STANDARD, 26./27. 1. 2013)


Hans Rauscher ist langjähriger Kolumnist des STANDARD. Er hat sich immer wieder mit dem Phänomen des historischen Nationalsozialismus und jenem des zeitgenössischen Rechtsextremismus auseinandergesetzt.

  • Der Schemen des kommenden Schreckens: Hitler als neuer Reichskanzler am 
Abend des 30. 1. 1933 am Fenster der Reichskanzlei in Berlin.
    foto: ullstein

    Der Schemen des kommenden Schreckens: Hitler als neuer Reichskanzler am Abend des 30. 1. 1933 am Fenster der Reichskanzlei in Berlin.

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