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Bruder und Schwester sind ein Herz und eine Seele: Tenor Rolando Villazon (als Lucio Silla) und Eva Liebau (als Celia).
Salzburg - Gute Wintertage für Operntyrannen: Treibt im Theater an der Wien gerade Tiridate (in Händels Radamisto) sein Machtunwesen, triezt in Salzburg - bei der Mozartwoche - nun Lucio Silla seine Umwelt. Steht allerdings in Wien ein subtiler Sadist auf der Bühne, dominiert bei Silla Überexpression. Tenor Rolando Villazon fegt über die Bühne des Mozarthauses als rasender Wutherrscher, als gelte es zehn Opernfiguren simultan darzustellen.
Silla ist bei ihm der schmachtende Freier, der Giunia - sie zieht es eher in Richtung Cecilio - zum Opfer auserkoren hat. Zugleich aber lodert in ihm ein inzestuöses Feuer, das er mit seiner in dieser Hinsicht besonnenen Schwester Celia (glänzend Eva Liebau) zu löschen trachtet. Wünschte man Villazon, der nach Stimmkrisen (nun in neuer Repertoireumgebung) als solider, nicht immer sattelfester, aber doch respektabler Tenor wirkt, etwas mehr Gelassenheit (auch in der Tongebung), scheint er in dieser Ästhetik durchaus gut aufgehoben.
Hier wurden Sänger schließlich weder in einer Nichtinszenierung sich selbst überlassen. Noch treibt Regisseur Marshall Pynkoski eine tollkühn moderne Deutungsabsicht an. Er versucht gewissermaßen bewusst aus der Jetztzeit zu fallen - konkret: Mit den antike Säulen, Tempel und düstere Wälder darstellenden Prospekten (Ausstattung Antoine Fontaine) wandert er diesfalls ins ferne 18. Jahrhundert, also in jenes der Uraufführung.
Diese reizvolle Idee, Ansätze der historisch informierten (musikalischen) Aufführungspraxis aufs Szenische zu übertragen, wird auch konsequent bis hin zur Figurengestik umgesetzt. Da ist viel altehrwürdige Ballettgalanterie. Da schreiten Figuren erhaben über die Bühne.
Und immerzu werden die großen Operngefühle mit großen poetischen Gesten und stilisierten Posen untermauert. Das wirkt mitunter ein wenig überkandidelt. Immerhin ist hier jedoch eine retrospektive Methodik konsequent angewandt worden. Und das hat schon was.
Die Produktion, deren Figuren in Gewändern zu sehen sind, die wiederum eher auf die Zeit Mozarts verweisen und nicht auf das antike Rom - ist allerdings vor allem aus Musikgründen bemerkenswert. Was der 16-jährige Mozart da an Koloraturideen entworfen hat, erfordert ungeheure Geläufigkeit wie Ausdauer. Und wenn das - wie bei Olga Peretyatko (als Giunia) - auch noch leicht, delikat und kultiviert klingt, dann erstrahlt ein gesangliches Niveau, das auch im Sommer bei der Festspielübernahme dieser Produktion beeindrucken sollte.
Nicht ganz so sicher, jedoch mit großer Verve und glänzend virtuosen Momenten meistert Marianne Crebassa (als Cecilio) ihre Partie; etwas schwächer, etwas zu herb in der Höhe Igna Kalna (als Lucio Cinna). Schlicht umwerfend aber die Musiciens du Louvre Grenoble unter dem neuen Mitleiter der Mozartwoche Marc Minkowski. Welche Energie hier in Einzeltöne wie Akkorde gelegt wird; wie vielschichtig Dynamik und Phrasierung eingesetzt werden, um den Vorgängen auf der Bühne Sinn zu verleihen - das alles lässt Interpretation als überraschungspralles Abenteuer erscheinen. Applaus für alle. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 26./27.1.2012)
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