Zwei Wolkenkratzer als Luftreiniger

10. Februar 2013, 17:00
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Mit einem neuen Bauprojekt in Chicago soll die Luft verbessert und gleichzeitig Biosprit produziert werden

Revolutionäres haben die Architekten Danny Mui und Benjamin Sahagun im Sinn. Mit ihrem Bauprojekt "Co2ngress Gateway" wollen sie Wolkenkratzer in Chicago so umbauen, dass sie die umliegende Luft von CO2-Emissionen reinigen. Gleichzeitig soll Biosprit produziert werden, um die Autos der Anrainer anzutreiben. Essentiell dabei sind Mikroalgen, die in der Fassade der Wolkenkratzer gezüchtet werden sollen.

Rund 77.000 Autos befahren täglich den Eisenhower Expressway, jene Autobahn, die Chicago mit den westlichen Vororten verbindet. Die ausgestoßenen CO2-Emissionen dort sind dementsprechend hoch. Geht es nun nach den Plänen des Architekten-Duos Mui und Sahagun, die von der Stadt Chicago allerdings noch nicht bewilligt wurden, werden die Schadstoffe durch ein ausgeklügeltes Filtersystem aufgesammelt. Auf den Dächern der beiden Congress Gateway Towers, die direkt neben der Autobahn liegen, sollen innovative Filteranlagen platziert werden, die CO2-Emissionen effektiv aus der Atmosphäre extrahieren.

Von CO2 zu Biosprit

Im nächsten Schritt werden diese Emissionen an die in der Fassade gezüchteten Mikroalgen weitergeleitet. Und die produzieren aus diesen Schadstoffen mittels Fotosynthese Biomasse und in weiterer Folge Biosprit. Damit werden im Idealfall die Öko-Autos der Wolkenkratzer-Bewohner angetrieben, wodurch der CO2-Ausstoß weiter minimiert wird.

Fernab von Mikroalgen und Biosprit soll eine doppelschichtige Fassade den Lärm der Autobahn für die Bewohner reduzieren. Der Knick, der in beiden Gebäuden im unteren Teil durchgeführt werden soll, hat hingegen rein ästhetische Gründe. Damit soll ein gigantisches Eingangstor zur Stadt Chicago geschaffen werden. Passend dazu soll eine Luftbrücke die beiden Wolkenkratzer verbinden, in der ein Restaurant mit entsprechender Aussicht geplant ist.

Pilotprojekte in der Industrie

Die Idee, Algen als CO2-Fresser und in der Folge als Energieproduzent zu nutzen, erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Gerade in den letzten Jahren hat sich die Forschung vermehrt dem Potenzial von Algen gewidmet. Und in der Industrie wurden bereits einige Pilotprojekte realisiert.

Im deutschen Senftenberg beispielsweise hat das schwedische Energieunternehmen Vattenfall eine Mikroalgenanlage gebaut, die die Abgase des nebenan liegenden Braunkohlekraftwerks in Biomasse umwandelt. Und auch in Österreich wurde vor einigen Monaten eine solche Anlage in Betrieb genommen.

Verantwortlich für die Anlage in Bruck an der Leitha und davor auch schon für jene in Senftenberg ist das 2008 gegründete heimische Unternehmen Ecoduna. Für Geschäftsführer Martin Mohr ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mikroalgenanlagen zunehmen: "Die Frage ist nicht, ob Algen eine wichtige Rolle als Grundstoff für Energiegewinnung spielen, sondern ab wann."

Pionierprojekt in Hamburg

Fernab der Industrie sind Mikroalgenanlagen noch relativ rar. Abgesehen von den Plänen in Chicago finden sich weitere Pioniere nur noch in Hamburg, genauer gesagt im Stadtteil Wilhelmsburg. Dort nämlich wird bereits an einem Gebäude mit Mikroalgenfassade gebaut.

Das sogenannte BIQ Algenhaus, wobei BIQ für Bio-Intelligenzquotient steht, wird im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg gebaut. Die Bauarbeiten laufen bereits seit Dezember 2011, im März soll das weltweit erste Haus mit einer Algen-Bioreaktor-Fassade fertiggestellt sein. Im Unterschied zum Projekt in Chicago geht es hierbei aber ausschließlich um Energiegewinnung. Neben der von den Algen produzierten Biomasse wird das von den Pflanzen nicht genutzte Licht in einer solarthermischen Anlage gespeichert und somit Wärme produziert.

Wenn also alles nach Plan läuft, dann wird sich das BIQ Algenhaus selbst mit Energie versorgen. Und wenn dann alles weiter nach Plan läuft, wird es in naher Zukunft vermutlich bald nicht mehr das einzige derartige Gebäude auf der Welt sein. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 10.02.2013)

Weiterführende Links

Council on Tall Buildings and Urban Habitat CO2ngress Gateway

IBA Hamburg Das BIQ Algenhaus

  • Die Congress Gateway Towers sollen zum gigantischen Eingangstor Chicagos mutieren.
    foto: danny mui/benjamin sahagun

    Die Congress Gateway Towers sollen zum gigantischen Eingangstor Chicagos mutieren.

  • Die Pläne der Architekten Danny Mui und Benjamin Sahagun.
    foto: danny mui/benjamin sahagun

    Die Pläne der Architekten Danny Mui und Benjamin Sahagun.

  • Eine Innenansicht.
    foto: danny mui/benjamin sahagun

    Eine Innenansicht.

  • Eine doppelschichtige Fassade soll die Bewohner vor dem Autobahn-Lärm schützen.
    foto: danny mui/benjamin sahagun

    Eine doppelschichtige Fassade soll die Bewohner vor dem Autobahn-Lärm schützen.

  • So soll das BIQ Algenhaus in Hamburg aussehen, wenn es fertig ist.
    foto: iba hamburg

    So soll das BIQ Algenhaus in Hamburg aussehen, wenn es fertig ist.

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