Erst schießen, dann fragen

25. Jänner 2013, 17:26
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Ein Western wie noch keiner: Rudolph Wurlitzers "Zebulon" Totschieß-Freiheits-Maverick-Meditation ist ein Ereignis

Ist das nun ein Western? Oder ist das keiner? Es gibt: einen Toten, der mit einem Beil erschlagen wird, dessen indianische Geliebte verblutet auf einer Eisscholle. Später einen Haufen Outlaws, die eine Kugel in den Schädel bekommen. Goldgräber, Säufer, Huren. Umstellte Saloons, die durchlöchert werden. Einen rätselhaften indianischen Heiler. Einen sadistischen Gefängnisdirektor, der rachsüchtig entflohene Sträflinge jagt, dem Wahnsinn verfällt und Unschuldige niedermetzelt. Aber was ist das für eine Hauptfigur? Dieser Zebulon Shook ist ein "Mountain Man", der aus den Bergen herabgestiegen ist, ein Trapper, der sich mit nichts und einer Handvoll Kugeln durchschlägt. Der Preis für Felle ist am Boden; der Wilde Westen hat seine letzte Phase erreicht, für einen Western eigentlich keine Zeit mehr. Aus vielen Angaben ist zu kombinieren, dass der Roman nach dem Erdbeben von San Francisco 1906 angesiedelt ist.

Nicht nur zwischen den Zeiten ist Zebulon, sondern auch zwischen den Welten. Er fängt sich gleich zu Beginn dieses düsteren, großartigen Romans eine Kugel in der Brust ein, wird später noch einige Male eigentlich tödlich getroffen - und stirbt doch nicht. Er ist ein Wanderer, mystisch umflort, der aus bestimmten Zeit- und Personenkonstellationen und Ereignisschleifen kaum mehr her ausfindet. Diese das Genre "quest" aushöhlende Buch ist kunstvoll zielgerichtet erzählt, ja geradezu filmisch. Beim Lesen stellt sich im Handumdrehen eine hart flir rende, endpunktgleiche Atmosphäre ein, lesend imaginiert man eine imaginäre Besetzung: Christian Bale als Zebulon, ein mitteljunger Harry Dean Stanton, Warren Oates, Richard Harris, dazu Harvey Keitel, Powers Boothe und als Gefängnisdirektor Christoph Waltz.

Was alles andere ist, nur kein Zufall. Denn der 1937 geborene Rudolph Wurlitzer schrieb Drehbücher, unter anderem für Monte Hellman und Sam Peckinpah. Dabei ist Zebulon wie von einem buddhistischen Stillstand durchzogen: eingefroren, statisch, endlos sich repetierend als nachtseitig-psychedelischer Lebenssumpf.

Freiheit ist hier nur mehr Chimäre, Identität ist Trug und Albtraum. Jeder Satz ist wie ein Schuss, jeder Dialog ein Treffer. Das Buch sollte obligatorische Lektüre für Jungschriftstellerinnen und -schriftsteller werden. Pete Dexters hierzulande außergewöhnlich erfolgreicher Neo-Noir-Western Deadwood hat ganz augenscheinlich den Boden bereitet; und dass zudem dieser Tage Quentin Tarantinos Django Unchained in den Kinos anläuft, ist eine schöne Koinzidenz. Bonanza erscheint im Vergleich zu Zebulon wie ein Valium-Kaffeekränzchen im Pensionistenheim. Die ideale Lektüre, wenn gerade Sam-Peckinpah- oder Don-Siegel-DVDs nicht bei der Hand sind.

Neben den so gänzlich anders gearteten und dabei gleichermaßen radikalen Tagebüchern des Salzburgers Gerhard Amanshauser, die fast zeitgleich erschienen, ragt dieser wilde Roman aus dem Programm des in jüngerer Zeit doch arg verbiederten Hause Residenz himmelweit heraus. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 26./27.1.2013)

Rudolph Wurlitzer, "Zebulon". Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein. 22,90 / 304 Seiten. Residenz-Verlag, Sankt Pölten, 2012

  • Nachtseitig psychedelischer Lebenssumpf: Rudolph Wurlitzer.
    foto: lynn davis

    Nachtseitig psychedelischer Lebenssumpf: Rudolph Wurlitzer.

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