Ein anderes Bild vom Menschen

25. Jänner 2013, 17:17
3 Postings

Neurowissenschafter V. S. Ramachandran hat ein erstaunliches Buch über die Wunder des Gehirns geschrieben

Gibt es jemanden, der sich freiwillig melden würde für ein Experiment, bei dem sie oder er aus einem Bus geworfen wird und ohne jede Widerrede auf dem Schädel aufkommen muss, also fast zwangsläufig Hirnschädigungen in Kauf zu nehmen hat? Und das zu dem Behufe, danach bis dato unbekannte erstaunliche Talente zu entfalten und dokumentieren zu können?

Wieso verfügen manche Patienten nach einem Sturz auf den Kopf, nach einem Unfall oder nach einer Hirnblutung, vorausgesetzt sie überleben, danach über Fähigkeiten, die davor unbekannt waren? Etwa perfekt eine Sprache zu sprechen - die sie im Leben vor der einschneidenden Zäsur nie zu lernen sich angeschickt hatten? Wieso vermag ein Mann, der an progressiver Demenz erkrankt ist, scheinbar mühelos und ganz beschwingt anmutige Bilder zu malen? Und was ist der Grund dafür, dass ein junger Mann, der bei einem Autounfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, aus seinem halbbewussten Wachkoma, medizinisch als "akinetischer Mutismus" bezeichnet, nur dann erwacht und gesprächig wird, wenn er telefoniert?

Was macht uns Menschen zu einem Affen oder zu einem Engel? Dies ist die Leitfrage, die der in Indien geborene und in Großbritannien ausgebildete Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran stellt. Seit fünfzehn Jahren lehrt er an der University of San Diego in Südkalifornien als Ordinarius für Psychologie und Neurowissenschaften und leitet ebendort auch das Center for Brain and Cognition, ist also weiterhin Praktiker und in direktem Kontakt mit Patienten, etwa einer Frau, die nach einem Schlaganfall ihren Unterarm hartnäckig für den ihrer Mutter hält, oder jener, die lacht, wenn sie weinen müsste.

Zu Beginn seines neuen, von Hainer Kober sehr zuverlässig übersetzten Buches stapelt er tief, schreibt er doch zum Geleit, dass es sich bei seinem Fallgeschichtenpanorama um einen "bescheidenen Beitrag zu dem großen Versuch" handle, "den Code des menschlichen Gehirns zu knacken". Was folgt, sind mehr als 500 erstaunliche Seiten.

Verve und Staunen

Denn Ramachandran, den Richard Dawkins mit dezent verschleierter Boshaftigkeit als "Marco Polo der Neurowissenschaften" titulierte, erzählt mit Verve und nach vielen Wissenschafterjahren noch immer mit Staunen über die Wunder des menschlichen Gehirns: wie es Ausfälle kompensiert - und dem übrigen Körper etwas vormacht, beispielsweise Anosognosie, die Empfindung von Phantomgliedern und damit einhergehender stupend mysteriöser Phantomschmerzen, deren Schilderung anhand kurioser wie ergreifender Fallbeispiele und Geschichten breiten Raum einnimmt. Hier versteht man dann auch, wieso die amerikanische Originalausgabe einen viel treffenderen Untertitel trug, den der Rowohlt-Verlag merkwürdigerweise gegen das doch sehr allgemein gehaltene Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn austauschte. Auf Englisch hieß er nämlich: A Neuroscientist's Quest for What Makes Us Human, ein Neurowissenschafter hält Ausschau nach dem, was uns menschlich macht.

Andere Sinnesempfindungen wie Synästhesie, die Ver-, besser: die Umarbeitung visueller Eindrücke im Gehirn, vor allem aber der Komplex von Spiegelneuronen inklusive Gedanken über Autismus, Spracherwerb und -beherrschung sowie über Ästhetik und Kreativität werden ebenso neugierig von ihm umrissen.

Es ist alles andere als ein Zufall, dass dieses lebendige, manchmal fast zu abschweifende, doch stets anregende Buch im selben Verlagshaus erscheint wie die Bücher eines Oliver Sacks, der (noch) bekannter ist als sein Kollege. Beide sind Revolutionäre, die ein anderes Bild vom Menschen, seinem Bewusstsein und seinen Komplexitäten zeichnen. Wie schon Ramachandrans im Jahr 1998 erschienener Band Phantoms in the Brain, der im angloamerikanischen Sprachraum - wie hierzulande unter dem Titel Die blinde Frau, die sehen kann - ein Bestseller war, erfordert auch dieses Buch gewisse Lektürevorkenntnisse, doch die Mühe lohnt sich in jedem Fall. (Alexander Kluy/DER STANDARD, 26./27. 1. 2013)

 


Vilayanur S. Ramachandran: "Die Frau, die Töne sehen konnte. Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn". Aus dem Englischen von Hainer Kober. € 25,- / 528 S., Rowohlt, Hamburg 2013

  • Artikelbild
    coverfoto: rowohlt
Share if you care.