Brückenbauer und Ausgrenzer

Migranten erlernen Sprachen - Von Julya Rabinowich

Ob von Experten oder Betroffenen, Ausgrenzern oder Einräumern, Erwachsenen oder Kindern: Worte zur Wortlosigkeit finden derzeit Gehör. Was aber geschieht mit dem Schweigen? Eine weitere Facette der Diskussion: Erinnerungen daran, wie hilflos ich mich manchmal fühlte, als Botin, Mittlerin, Kundschafterin in die neue Welt geschickt zu werden, um jene Brücken zu aufzubauen, die den Erwachsenen nicht und nicht zu dem neuen Mutterfestland hin-überwachsen wollten.

Originellerweise handelte es sich bei dem Zweitbrückenbauer der Familie ausgerechnet um meine Großmutter, bei der Übersiedlung immerhin 60 Jahre alt. Als Kind erhielt sie Französisch- und Deutschunterricht von ihrem Kindermädchen, und 55 Jahre später sollte ihr diese Mehrsprachigkeit immer noch zu großer Flexibilität verhelfen.

Mein Vater hingegen, von sich aus zwar gesellig, aber sprachunbegabt, schämte sich seiner Aussprache, seiner Fehler, auf die er manchmal auch hämisch hingewiesen wurde. So sehr, dass er sich immer mehr ins Schweigen zurückzog, aus dem weder ich noch meine Mutter ihn herauszulocken vermochten. Seine Sprachlosigkeit trennte ihn von uns. Machte ihn schwach. Zog Grenzen. Schuf Unglück. Wenn man über dieses Schweigen spricht, das Kinder betrifft, darf man keinesfalls auf den Hintergrund vergessen. Dieser Hintergrund heißt nicht "Migration", sondern "Familie".

Manche empfinden das Eindringen des Kindes in die neue Welt als eine Abkehr und ein Verlassen. Und: Ein Kind, das vor den Eltern die Landessprache erlernt, gerät nicht nur in einen Loyalitätskonflikt. Wenn eine solche (unbewusst oder bewusst) abwehrende Stimmung existiert, wechselt das Kind meist augenblicklich in seinem Familiensystem psychisch dorthin, wo es in Wahrheit eigentlich nichts verloren hat. Es fühlt sich aufgrund seiner Sprachkompetenz überlegen, was zugleich verschreckend und belastend sein kann. Im schlimmsten Fall ist es dazu gezwungen, einem Elternteil seine Krebsdiagnose zu übersetzen. Ein Versagen des Staates, nicht das Versagen des Einzelnen.

Es gibt Menschen, die kommen jenseits der vierzig hierher, denen fällt das Erlernen der Sprache schwerer als anderen. Für solche Menschen muss vorgesorgt werden können. Wenn man die Kinder erreichen will, muss man auch die Eltern erreichen. Ein erfolgreiches Projekt ist zum Beispiel "Mama lernt Deutsch". Sprachbegleitung für die Eltern sorgt für eine neue Qualität der Integration - und für die Entlastung der Kinder. Vorausgesetzt, die Betroffenen lassen sich in diese Richtung mobilisieren. Freiwilligkeit und Selbstüberwindung sind immer noch bedeutende Komponenten in diesem Prozess. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 26./27.1.2013)

 

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