Warum immer die Juden?

25. Jänner 2013, 18:43
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Warum muss ich immer daran erinnert werden, dass ich Jude bin? Warum schreiben auch (links-) liberale Medien vom "jüdischen Komponisten" oder vom "jüdischen Schriftsteller"?

"Warum immer wieder die Juden?", diese immer wiederkehrende Frage meiner Frau Helga ist aus zwei Gründen verständlich: Zweitens lehnt sie die philosemitisch untermauerten ewigen Bezeichnungen ("der/die jüdische ...") in unseren Medien ab und erstens, weil sie als Katholikin (heute nur noch Christin) seit mehr als 30 Jahren mit einem Juden verheiratet ist; mit mir.

In meinem Geburtsland Ungarn, das die Bezeichnung "meine Heimat" verloren hat, sprach man oft vom "bolygó zsidó" (sinngemäß "herumirrender, ewiger Jude"); heute bereits weniger, weil es nicht genügend antisemitisch klingt. Da Juden auch in Ungarn immer schon als Fremdkörper angesehen wurden, blieb vor allem den Assimilierten unter ihnen nur noch eine kosmopolitische Einstellung übrig. Dem entsprechend sah auch die Statistik des Grauens aus: Bis Ende der 1930er-Jahre lebten im damaligen Ungarn 900.000 Juden, heute weniger als 90.000 Holocaust-Überlebende und ihre Kindeskinder.

Helgas berechtige Frage ist verständlich; sie meint damit vor allem den anscheinend unausrottbaren Antisemitismus. Die einschlägigen Antworten auf diese Frage füllen ganze Bibliotheken. Gegen den Antisemitismus können sich die Juden nicht wehren. Bleiben sie ihrer Religion, vor allem in der orthodoxen Prägung, treu, dann heißt es, dass sie "vorgestrige, religiöse Reaktionäre und Anpassungsunwillige sind". Ihre assimilierten und sogar getauften Schicksalsgenossen werden als "charakterlose Anbiederer" diffamiert. Die armen Juden sind "soziale Schmarotzer", die Reichen "miese Ausbeuter". Die europäischen Holocaust-Überlebenden sind "schamlose Wiedergutmachungs-Erpresser" und die amerikanischen "Kolonisierer der Gegenwart". Und so weiter und so fort. Und dabei haben wir Israels "unwürdige, rassistische Rolle im Nahen Osten" gar nicht erwähnt. - Ergo: Egal, was die Juden machen, wie sie leben, sie bleiben die Zielscheibe ihrer Hasser. Das alles weiß auch Helga; zumindest seit sie mit mir verheiratet ist.

Wie sieht es mit der anderen, mit der Kehrseite des Antisemitismus, mit den philosemitischen Pflichtübungen aus? Die Linken und die Liberalen, die Anständigen und die Antifaschisten müssen bei jedem diesbezüglich zutreffenden Künstler und Wissenschafter entweder das "jüdische", oder wenn nur eine Großmutter Halbjüdin war, dann die "jüdische Abstammung" vermerken.

Um ihre Position richtig einzuordnen, ist es angebracht, etwas über den Philosemitismus, der bedeutend seltener als der Antisemitismus untersucht wurde, zu erwähnen. Die heutigen Philosemiten haben gar nicht wenige Vor- und Mitläufer. Da war beispielsweise der Großschriftsteller Thomas Mann, der halbherzige Philosemit mit antisemitischen Neigungen. 2002 beschäftigte sich die Thomas-Mann-Gesellschaft mit dem zwiespältigen Verhältnis Manns zu den Juden, die er genauso für Außenstehende hielt wie sich selbst. Ursula Homann zitierte in der Zeitschrift Literaturkritik aus Thomas Manns 1907 erschienenem Essay (Die Lösung der Judenfrage): Er sei "ein überzeugter und zweifelloser Philosemit und glaube steif und fest, dass ein Exodus, wie die Zionisten (...) ihn träumen, ungefähr das größte Unglück bedeutend würde, das unserem Europa zustoßen könnte". Das von Mann so liebevoll umschriebene "Bleiberecht" der europäischen Juden hat er nur einige Zeilen weiter mit brachialer Gewalt zerstört: Die Juden seien eine "zweifellos entartete und im Ghetto verelendenste Rasse", Bis zu seiner (selbsterzwungenen) Emigration aus Nazi-Deutschland bekämpfte Mann die nichtassimilierten Juden genauso wie solche Männer, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten. Ein näheres Verhältnis zu sich und zu den Juden kann man sich kaum mehr vorstellen - so auch in seinem Privatleben. In der Novelle Wälsungsblut beschreibt Thomas Mann die Höhen und Tiefen einer "Mischehe", zum Teil mit judenfeindlichen, aber auch mit judenfreundlichen Attributen. So ist es kein Wunder, dass er selbst die Tochter der reichen jüdischen Familie Pringsheim, Katia, aus München heiratete. In einem Brief an seinen Bruder Heinrich charakterisierte er die Familie seines "Judenmädchens" mit "bei ihnen kommt kein Gedanke an Judentum auf, diesen Leuten gegenüber; man spürt nichts als Kultur."

Der Zweck heiligt die Mittel: Wer Juden liebt, der will damit entweder seinen Antisemitismus übertünchen oder diese Menschen, die sich für "Gottes erste Liebe" halten, schlicht und einfach missionieren. Bereits der Begriff "Philosemitismus" erwuchs aus dem politischen Antisemitismus: 1880 beschimpfte Heinrich von Treitschke die führenden liberalen Kräfte in Deutschland mit "Philosemitismus".

Der Historiker und Judeologe Hans-Joachim Schoeps zeigt den wahren Grund des historischen Philosemitismus: den Wunsch nach Missionierung, und das seit der griechischen Antike, als von "gottesfürchtigen" ("phoboumenoi") Proselyten die Rede war. Schoeps ist überzeugt, dass der religiöse Philosemitismus überwiegend "christlich-missionarisch" oder "biblisch-chiliastisch" (bezogen auf Christi Wiederkunft) war. Zwei Gründe liegen außerhalb der Missionierung: der Nützlichkeitseffekt des "utilitaristischen" und die Menschenliebe des "liberal-humanistischen Philosemitismus". Im Gegensatz zu den großen Humanisten und Judenfreunden wie Johannes Reuchlin und Johann Christoph Wagenseil suchten "christliche Kabbalisten" wie Christian Knorr von Rosenroth nur nach den "jüdischen Geheimnissen".

Ein Kind schlechten Gewissens

Einer der wenigen ehrlichen Philosemiten, der weder missionieren wollte, noch nach Nützlichkeit geschielt hat, war der große Humanist Johannes Reuchlin (1455-1522), der vor einem halben Jahrtausend davor warnte, den Juden "alle ihre Bücher nehmen, abthun und verbrennen" (Augenspiegel, 1511). Reuchlins Judenfreundlichkeit kam zur rechten Zeit, da nur einige Jahre davor (1509) ein Fleischhauer (!) namens Johannes Pfefferkorn seine judenfeindliche Schrift veröffentlichte. Der zum Katholizismus konvertierte Jude behauptete, "dass der Talmud und andere jüdische Schriften Ruchlosigkeit und Angriffe auf den christlichen Glauben enthielten".

Der Humanist und Jurist Reuchlin war auch der erste Philosoph, der die hebräische Grammatik in seinem Werk De rudimentis hebraicis übersetzte. Mit seiner Aufdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums reicht Reuchlins Werk in das 19. und 20. Jahrhundert hinüber. Auf seinen Reisen nach Italien lernte Reuchlin auch aufgeklärte christliche Denker kennen, die hebräische Texte im Original lesen konnten. Auch diese elitären Humanisten und Brückenbauer von Platon und Thomas von Aquin bis zur jüdischen Kabbala beeinflussten Reuchlins Gedankenwelt. Kein Wunder, dass die "Spürhunde Gottes", die Dominikaner, gegen Reuchlin zu Felde zogen.

Das 17. Jahrhundert war die frühe und hohe Zeit des Philosemitismus. Dabei erinnert uns Hans Joachim Schoeps (Philosemitismus im Barock) an zwei entscheidende historische Episoden der sich anbahnenden Judenfreundlichkeit: Dem sephardischen Diplomaten, Verleger und Kabbalisten Manasseh ben Israel (1604-1657) gelang es, Oliver Cromwell von der religiösen und wirtschaftlichen Nützlichkeit einer Niederlassung der Juden zu überzeugen. Immerhin lebten damals seit 350 Jahren keine "Israeliten" mehr in England. Manasseh nützte geschickt die Religiosität des Biblizisten Cromwell aus, in dem er ihm klarmachte, dass ohne Juden die "messianische Zeit" England nie erreichen wird. Trotz aller protestantischen Gläubigkeit Cromwells wog Manassehs zweites, wirtschaft liches Argument für Niederlassung und freie Berufsausübung der Juden schwerwiegender: Um gegen den für die englische Wirtschaft gefährlichen holländischen Handel eine wirksame Kon kurrenz aufzubauen, benötigte der Premier die Juden in seinem Land.

Der deutsch-österreichische Philosemitismus ist sicher ein Kind des schlechten Gewissens; das "Büßerhemd" wird heute - wenn auch nur in Deutschland - als Pflichtkleidungsstück getragen. Unter diesem neumodischen Pflichtgewand schlägt, was die Judenliebe anbelangt, ein unruhiges deutsches Herz mit starken politischen Rhythmus-Störungen. Dabei geht man zunächst den leichtesten Weg: Man beweint die einst vertriebenen, bereits toten jüdischen Dichter und Denker, Wirtschafter und Wissenschafter von Albert Einstein über Lise Meitner bis Kurt Tucholsky. Diese Leuchtgestalten am deutschen Kulturhimmel strahlen jedoch nicht abendfüllend. Daher müssen die wenigen lebenden Juden deutscher Feder herhalten, die schreiben können, was sie wollen, und sie werden trotzdem bewundernd gedruckt. Auch Ephraim Kishon, der im deutschen Sprachraum bedeutend bekannter war als in Israel, gehört ebenso in die philosemitische Szene der geistigen "Wiedergutmachung". Wie bitter recht hatte Rafael Seligmann in seinem Musterjuden: "Broder, Brumlik, Seligmann und die anderen Idioten können jeden Unsinn fabulieren, die deutschen Seelen sind erpicht darauf, den Tinnef zu lesen."

Als Jude, der die Hölle des Holocaust und das falsche Paradies des Stalinismus in Ungarn überlebte, schmerzt mich jeder Philosometismus mehr, als Antisemitismus beleidigen kann. Ich will nicht, dass mich jemand nur liebt, weil ich Jude bin; ich will auch nicht besonders geschont werden, weil meine Eltern und alle ihre Vorfahren Juden waren, und lehne auch jedweden "Naturschutz" ab, an deren Pforte "Juden - bitte vorsichtig umgehen" prangt. (Peter Stiegnitz, Album, DER STANDARD, 26./27.1.2013)

 

  • Juden zwischen Philo- und Antisemitismus.
    foto: dpa

    Juden zwischen Philo- und Antisemitismus.

  • Peter Stiegnitz, geb. 1936 in Budapest, flüchtete 1956 nach Wien, wo er an die Universität Soziologie, Psychologie und Philosophie studierte. Der Ministerialrat i. R. war Beamter des Bundespressedienstes und ist heute noch publizistisch tätig. Er hat sein jüngstes Buch "Der Weg der assimilierten Juden" jetzt fertiggestellt.
    foto: privat

    Peter Stiegnitz, geb. 1936 in Budapest, flüchtete 1956 nach Wien, wo er an die Universität Soziologie, Psychologie und Philosophie studierte. Der Ministerialrat i. R. war Beamter des Bundespressedienstes und ist heute noch publizistisch tätig. Er hat sein jüngstes Buch "Der Weg der assimilierten Juden" jetzt fertiggestellt.

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