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Michael Köhlmeier erzählt von multipler Persönlichkeit.
Wien - In Michael Köhlmeiers neuem, am Montag erscheinenden Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer (Hanser Verlag) gibt es eine Figur, einen Tierarzt, der in sechs Männer gespalten ist. Einerseits ist er der korrekte Familienvater, der allerdings seine Frau mit einer Geliebten betrügt - und diese mit einem Lover, zu dem er seit langem eine Beziehung unterhält. Weiters arbeitet er tagsüber als Veterinär, jeden Mittwoch gibt er zudem in einer Abendrunde im "Wickerl" den geheimnisvollen Außenseiter und am Sonntag, so sagt er, hat im Stephansdom einmal Gott persönlich zu ihm gesprochen.
Was der Gespaltene nicht ahnt, ist, dass ausgerechnet der, bei dem er sein Gewissen zu erleichtern hofft, ebenfalls viele ist. Sein Gesprächspartner heißt András Fülöp, alias András Srámek, alias Andres Philip, alias Robert Rosenberger, alias Dr. Ernst-Thälmann Koch, alias Joel Spazierer, und er ist der Erzähler dieses Romans.
Es gibt wahrscheinlich nicht viele Autoren, die - wie oben beschrieben - aus zwei Figuren zwölf machen und sie in verschiedensten Facetten schillern lassen können, ohne dass es aufgesetzt wirken, oder sich der Erzählfaden verheddern würde. Köhlmeier und der mit allen literarischen Wassern gewaschene Erzähler dieses 650 Seiten-Romans können es. "Das Kreuz des Abendlandes ist das schlechte Gewissen" hat Köhlmeier vor fünf Jahren in seinem Opus magnum Abendland geschrieben. Besagtes Gewissens-Kreuz hat Joel Spazierer abgelegt.
Denn diese Figur wird sich nicht fremd und bleibt mit sich im Reinen, obwohl sie in den 60 Lebensjahren, durch die sie der Leser begleitet, unter anderem zum Anbieter sexueller Dienstleistungen, zum Erpresser, Spieler, Lebensretter, Betrüger, Mehrfachmörder, Gefängnisinsassen, Passfälscher und Professor für wissenschaftlichen Atheismus wird. Spazierer bleibt jedoch stets der, der er immer war. Entwicklungsroman ist das also keiner.
Seinen Anfang nimmt alles in Budapest, wo Spazierer 1949 als András Fülöp geboren wird. Seine ersten Lebensjahre verbringt er bei den Großeltern, einem Internisten und einer Ägyptologin. Im Zuge der von Stalin 1953 herbeifantasierten "Ärzteverschwörung" werden Mediziner vor allem jüdischer Herkunft festgenommen und hingerichtet. Auch die Großeltern Spazierers holt der Geheimdienst ab. Der vierjährig Enkel bleibt - bis ihn seine Mutter findet - vier Tage allein in der Wohnung zurück.
Diese als glücklich erlebte Spanne der Einsamkeit und Gottverlassenheit, in der sich der Erzähler zum ersten Mal im Spiegel erkennt und auf herbeiimaginierte Tiere trifft, die ihn beraten und ein Leben lang begleiten werden, sind der Punkt, von dem diese Geschichte ihren Ausgang nimmt. Nach dem Tod Stalins wenig später kommen die Großeltern wieder frei und 1956, noch vor dem ungarischen Volksaufstand, flieht die Familie nach Wien.
Hierher kehrt Spazierer immer wieder zurück. Und von Wien aus beginnt seine große Reise, die den verschiedene Identitäten annehmenden Erzähler zwischenzeitlich nach Vorarlberg, in die Schweiz, nach Belgien, Kuba, Mexiko, Italien, Paris, Moskau und schließlich 1979 in die Deutsche Demokratische Republik führt.
Was hier halbwegs übersichtlich klingt, wird in diesem komplex geknüpften Romanteppich durch zahlreiche Vor- und Rückblenden, Schleifen, Spiegelungen und mithilfe dutzender Nebenfiguren, die jede für sich einen Roman ergeben würde, erzählt. Und schnell merkt man, dass Spazierer ein höchst unsicherer Kantonist und Lügner ist. Doch er verfügt über effektive Waffen, nämlich Charme, Distanziertheit und Höflichkeit, dazu ist er schön, nicht dumm und er beherrscht die Künste des eleganten Zuhörens.
Nicht nur durch seine Fantastik nimmt dieses Buch Anleihen beim Schelmenroman. Wie Grimmelshausens armer Simplicissimus, bei dem man ebenfalls nie sicher ist, ob er ein Kind geblieben ist, oder nie eines war, bewegt sich Spazierer durch eine sich in Auflösung befindliche Welt, in welcher der Glaube und die großen Ideologien des vorangegangenen Jahrhunderts diskreditiert sind.
Erzählerische Trümpfe
Dass der Roman mit dem Auszug Spazierers aus der DDR (zwei Jahre vor deren Zusammenbruch) endet, ist folgerichtig. Und doch fragt man sich zuweilen, ob der begnadete Erzähler Köhlmeier seine erzählerischen Trümpfe nicht doch etwas zu offensichtlich ausspielt, etwa wenn es Spazierer ausgerechnet zum Tee mit Margot und Erich Honecker verschlägt.
Ein großes Buch über Wahrheit und Wirklichkeit, Fakten und Fiktionen, Lüge, Selbstbetrug und das "Heroin der Illusionen" sind Die Abenteuer des Joel Spazierer trotzdem geworden. "Die Frage aller Fragen", heißt es an einer Stelle, "lautet nicht: Womit habe ich es zu tun? Sondern, mit wem habe ich es zu tun?" Eine Frage, die sich zuweilen auch an sich selbst zu stellen lohnt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 26./27.1.2013)
Michael Köhlmeier, "Die Abenteuer des Joel Spazierer", Hanser 2013
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