Hugo Portisch: Österreich ging es viel schlechter als Griechenland heute

Interview25. Jänner 2013, 17:00
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Zollmauern zerstörten Wirtschaft und Währung, die Koalition zerbrach am Wehrdienst: Ab 2. Februar zeigt ORF 3 Portischs "Österreich I" erneuert in HD

STANDARD: "Österreich I" setzt ein mit dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie und dem von Krise und Konflikt geprägten Start der Ersten Republik - mit vielen Parallelen bis hin zur Reform der Landesverteidigung, an der in den 1920ern Österreichs allererste große Koalition zerbrach. Was lässt sich lernen aus diesen Jahren?

Portisch: Vieles. Auch: Wenn das Gemeinwesen in Gefahr ist, hilft nur die gemeinsame Verantwortung. Selbstverständlich hätten sich Österreichs Regierungsparteien heute auf eine Wehrdienstreform einigen müssen - welche auch immer. Das war kein Thema für eine Volksbefragung. Da hat man keine gemeinsame Verantwortung getragen - und die Erste Republik zeigt, wohin das letzten Endes geführt hat.

STANDARD: Griechenlands heutige Entwicklung kommt Ihnen auch bekannt vor.

Portisch: Der Ersten Republik ging es in den Zwanzigerjahren viel schlechter als Griechenland heute: Totale Pleite, herbeigeführt voneiner ähnlichen Katastrophe wie viele andere auch:_internationale Spekulation. In Wien befanden sich zunächst noch die Währungsreserven aller Staaten der Monarchie. Aus fehlendem Glauben an diese neue, kleine Republik investierten die Banken sie in die Nachfolgestaaten. Und verspekulierten sie in großen Dimensionen. 1922 war die österreichische Krone nichts mehr wert: 4400 für einen Straßenbahnfahrschein, ein halber Laib Brot 75.000 Kronen - Geldscheine in Millionen- und Milliardenwerten wurden gedruckt, das Gehalt holte man mit dem Rucksack ab.

Drei Jahre nach der Gründung der Republik waren wir aufgrund der Hyperinflation bankrotter als Griechenland heute. Die Siegermächte, England, Frankreich, Italien verweigerten Finanzhilfe. Der Völkerbund, alarmiert von Anschlussplänen an Deutschland, gewährte 500 Millionen Goldkronen als finanziellen Rettungsschirm, jedoch verwaltet von einem Hochkommissar des Völkerbundes, der jede Ausgabe der Regierung einzeln bewilligen musste. Zu Bedingungen wie die heutigen für Griechenland: Entlassung von 100.000 Beamten, Schulen geschlossen, Spitäler reduziert, Arbeitslosengeld und Pensionen gekürzt. Das vervielfachte die Arbeitslosenzahlen. Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung titelte damals mit "Der Hochverrat des Prälaten", das war Bundeskanzler Ignaz Seipel, und "Ein Sklavenvertrag!" Totaler Sozialabbau polarisierte die politischen Kräfte bis zum Bürgerkrieg. 

STANDARD: Heute fordern Politiker den Austritt aus der EU, die Rückkehr zum Schilling. 

Portisch: Wären die Siegermächte nach dem ersten Weltkrieg gescheiter gewesen, hätten sie Österreich und die sogenannten Nachfolgestaaten bei voller nationalen Souveränität bewogen, in einer Wirtschafts und Währungsunion zu bleiben. Das Unglück für Österreich, für ganz Mitteleuropa war, dass diese Länder sofort nationale Währungen und Zollmauern einführten, die die österreichischen Exporte zum Erliegen brachten. Das hätten die USA und die EU in den 1990er Jahren im Fall von Jugoslawien bedenken müssen - etwa als Bedingung für eine Aufnahme in die EU, die bestehende Wirtschafts- und Währungsunion beizubehalten. Das hätte vermutlich die Kriege erspart. Und wer meint, Österreich ginge es besser, wenn es nicht bei der EU wäre, dem solte die damalige wirtschaftliche Isolation eine Lehre sein.

STANDARD: Wenn man so wesentliche Schlüsse für heute ziehen kann: Sollte Ihre aufwändig in HD überarbeitete Serie nicht besser in den Massenprogrammen ORF 1 oder ORF 2 laufen als auf dem Spartensender ORF 3?

Portisch: Die Initiative zur Neuauflage von Österreich I kam von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und ORF3-Chef Peter Schöber. Die Serie nun in High-Definition-Qualität zu sehen, ist umwerfend. Das kostet eine Menge Geld. Über Alexander Wrabetz wird so manches Mal gelästert. Aber er hat ein so wichtiges Projekt wie den Informations- und Kultursender ORF 3 durchgesetzt. Ich bin froh, dass ich dabei helfen kann, einen so wichtigen Sender zu etablieren.

STANDARD: Der ORF beklagt, dass er nicht für ORF in seinen Hauptprogrammen werben darf.

Portisch: Das ist natürlich schade für den ORF und ORF 3. Aber das ist halt die Ambition der Wettbewerbs- und Medienbehörden ein, die verhindern möchten, dass der ORF die Privatsender zu sehr in die Zange nehmen kann. 

STANDARD: In einem gemeinsamen Interview mit Helmut Brandstätter zu dessen Dienstantritt im Sommer 2010 haben Sie über Ihre Zeit als „Kurier"-Chef gesagt: Ich glaube, wir haben bewiesen, dass Qualität auch ein großes Publikum ansprechen kann. Gilt das auch im Fernsehen, auch auf ORF 3?

Portisch: Die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Vor 20, 25 Jahren konnten viel weniger Menschen viel weniger deutschsprachige Sender sehen. Der ORF steht heute in Konkurrenz mit 50, 60 deutsprachigen Sendern über Satellit und Kabel. Da wären selbst in den Hauptprogrammen die 1,2 Millionen von Österreich II vermutlich kaum wiederholbar. 

STANDARD: Österreich II und später Österreich I waren Mammutprojekte, Recherchen in Archiven um die ganze Welt ...

Portisch: ORF-General Gerd Bacher hatte die Idee, die jüngere Geschichte Österreichs für das Fernsehen aufzuarbeiten. Im ORF gab es damals knapp 60 Minuten Archivmaterial, praktisch unverwendbar. Wir haben mit Null angefangen. Österreichs Archivbestände waren vernichtet, die Kinobestände an Silberhändler verkauft. Wir mussten Österreichs filmisches Gedächtnis teilweise erst wiederherstellen mit - teils sehr teuren - Ankäufen von Archiven in aller Welt. Und es gab Hindernisse: Erst Bundespräsident Rudolf Kirchschläger verschaffte uns etwa bei einem Staatsbesuch bei Leonid Breschnew Zugang zu den sowjetischen Archiven. 

STANDARD: Teuer heißt?

Portisch: Gerd Bacher fragte immer: Was ist es wert? Antwort: Wir finden einzigartige Berichte über Österreich. Wenn wir sie nich thereinholen, werden sie vermutlich nie wieder gefunden. Es geht um die Herstellung eines audiovisuellen Gedächtnisses der Nation. Bacher: Das ist uns alles wert. Er hat auch alles durchgesetzt - und der damalige ORF-Generalsekretär Peter Radel rechnete dem Rechnungshof vor, dass das trotzdem die billigeste ORF-Produktion pro Seher und Minute sei, weil so viele Menschen zugesehen haben.

STANDARD: Generalthema beim ORF ist heute: Sparen. Wäre ein solches Megaprojekt im ORF des Jahres 2013 möglich?

Portisch: Es kommt doch darauf an, was sich der ORF leisten kann. Bacher hat sich das einfach zugetraut - und danach die Politik zu einer Gebührenerhöhung bewogen.

STANDARD: Sie erwähnten in dem Kurier-Interview 2010, Sie hätten als Chefredakteur ihrem Herausgeber immer gesagt:_Alles Geld, das Sie für die Zeitung angeblich beim Fenster rauswerfen, kommt bei der Tür vielfach herein, wenn es für Qualität verwendet wird. Nun produzieren beim ORF, insbesondere bei Ö1, viele Mitarbeiter einen Großteil des Qualitätsprogramms für prekäre Bezahlung. Wie sehen Sie als Ikone des qualität- wie verantwortungsvollen Journalismus deren Situation und Proteste?

Portisch: Meine Meinung damals stützte sich auf Erfahrungen beim Kurier und ich konnte es beweisen. Und ich bin auch heute davon überzeugt, dass es richtig ist, bei allen Medien. 

STANDARD: Sie sind für viele Österreicher der Mister Zeitgeschichte. Der ORF hat gerade eine neue Reihe "Universum History" mit einer Doku über "Jack, the Ripper" gestartet - mit sehr bescheidenem Erfolg. Haben Sie Ratschläge für eine solche History-Leiste?

Portisch: Ich kenne sie noch nicht, habe nur davon gelesen. 

STANDARD:  Haben Sie ein Rezept für qualitätvolles Geschichtsfernsehen mit Breitenwirkung?

Portisch: In jeder Folge von Österreich II und Österreich I sind zwei, drei Facetten, die tolle eigene Sendungen wert wären. Eines aber ist mir immer wichtig - auch weil es im deutschsprachigen Raum populäre Beispiele gibt, die eben dieses Prinzip nicht beachten: Jede Entwicklung, jedes Ereignis muss man mit seinem geschichtlichen, politischen, geografischen Umfeld schildern, seinen Hintergründen und Wurzeln. Aber ich will um Gottes Willen niemandem gute Ratschläge geben, das steht mir nicht zu.

STANDARD: Vielleicht in einem anderen Feld doch: Sie werden Ende Februar 86, wirken beeindruckend fit. Das kann doch nicht nur Ihr Olivenöl sein, dazu vielleicht ein paar selbstgebrockte Schwammerl?

Portisch: (lacht) Jetzt muss ich praktisch sagen: Natürlich nur das Olivenöl! Wir machen das beste in Italien, haben Sie das nicht in unserem Buch Die Olive und Wir gelesen? (Harald Fidler, DER STANDARD, 26./27.1.2013/Langfassung)

Hugo Portisch wird im Februar 86 und ist, wohl auch dank eigenen Olivenöls, fit wie wenige. Die Kommentare zu "Österreich I", wie es ab 2. Februar zwölf Samstagabende auf ORF 3 läuft, hat er mit dem ORF überarbeitet und neu aufgenommen. 1954 holte Hans Dichand Portisch zum "Kurier". 1958 wurde er "Kurier"-Chefredakteur, Dichand gründete 1959 die "Krone" wieder. 1968 wechselt er zum ORF, für den er als Chefkommentator die Weltenläufe erklärt und mit großen Dokureihen wie "Österreich II" und "Österreich I" Zeitgeschichte aufarbeitet. Über die Entwicklung des "Kurier" wollte er sich in diesem Interview nicht äußern. Ob aus Treue und Höflichkeit zu jenem Zeitungstitel, die er zehn Jahre führte, oder ob er als Gentleman, die ja angeblich lieber schweigend genießen.

  • Über den "Kurier" schweigt Gentleman, auch, ob der ihn genießt: Hugo Portisch in "Österreich I".
    foto: orf

    Über den "Kurier" schweigt Gentleman, auch, ob der ihn genießt: Hugo Portisch in "Österreich I".

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