"Rätsel muss man mit neuen Rätseln klären"

Interview25. Jänner 2013, 17:08
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Bei "Viel Lärm um nichts" im Landestheater Niederösterreich fungiert Schauspieler Roland Koch als Regisseur - und hat Anne Bennent zum Theatercomeback bewogen

Standard: Versteht ein Regisseur mit vielfältiger schauspielerischer Erfahrung seine Kollegen besser als zum Beispiel ein Hochschulabgänger aus dem Fachbereich Regie?

Bennent: Ob es nun ein Schauspieler ist, ein Regisseur, ein Weinhändler ... es ist doch immer der Mensch, der den Ausschlag gibt. Natürlich stellen sich während des Arbeitsprozesses die Stärken und Schwächen der jeweiligen Persönlichkeit heraus.

Standard: Sie, Herr Koch, sind am Wiener Burgtheater als stark von der Regie bestimmter Schauspieler wahrgenommen worden. In Deutschland weithin bekannt, galten Sie in Wien, wo Sie 1999 anfingen, zunächst als " Kriegenburg-Schauspieler".

Koch: Es ist kein Nachteil, ein Kriegenburg-Schauspieler zu sein. Ich habe in diesen Jahren zwischen Hannover, Berlin, Zürich und Berlin viele entscheidende Dinge erlebt. Andreas Kriegenburg und ich haben 15 Produktionen miteinander gemacht, praktisch in pausenloser Abfolge. Da entsteht dann fast ein Stigma. Diese Dinge lagen mir schon allein deshalb, weil ich körperlich nicht unbegabt war.

Standard: Sie meinen Dinge wie: den Text während einiger Minuten zur Improvisation freigeben; die jeweilige Figur körperlichen Zerreißproben aussetzen?

Koch: Ja, das weckte Erwartungen. Da war man im Publikum schon auf den nächsten Überschlag gefasst. Bei einem Schauspieler entstehen aber andere Bedürfnisse. Man hat als Schauspieler blinde Winkel. Mich interessierte plötzlich eine andere Art von Textarbeit - die war förmlich verschlampt bei mir, weil es immer über die Physis ging, den physischen Zugang zu Stoff und Figur. Das befreite einen erst einmal. Als Frank Castorf anfing, da dachten wir jungen Schauspieler ja überhaupt, das wäre die Zukunft. Wir würden in Hinkunft keine Stücke mehr spielen, sondern direkt an die Rampe treten und mit dem Publikum Diskussionen führen. Oder es anpöbeln und zwingen, uns Bier zu holen. Es gab Anzeichen völliger Anarchie.

Standard: Und Sie sehnten sich nach der gegenteiligen Haltung?

Koch: Es gab die Begegnung mit Andrea Breth, die ich ja auch schon länger kannte und von der ich wusste: Die verhält sich zu diesem Konzept als die Antipodin. In dieser Konstellation entstand für mich das Gefühl: das eine tun, das andere deshalb nicht lassen. Man setzt verschiedene Teile neu zusammen.

Standard: Sie haben sich, Frau Bennent, auf dem Theater für längere Zeit unsichtbar gemacht. Hatte Ihre Pause mit dem Theater selbst zu tun: mit der Entwicklung, die es genommen hat?

Bennent: Da bin ich ein wenig russisch: Schicksal. Ich bin kein Mensch, der Dinge vorausplant. Ich wurde nach Wien geschwemmt, von Gert Voss geholt. Ich glitt von einer schönen Aufgabe in die nächste hinüber, ich spielte etwa drei verschiedene Kleist-Figuren. Dann hat sich die Situation verändert, es war auch nicht mehr so schön. Ich glaube eher an die Kraft der Figuren, die mich holen, wenn sie mich brauchen. Ich habe auch private Entscheidungen getroffen, andere Dinge getan. Vielleicht rief mich das Theater auch nicht, weil es mich nicht brauchte. Wenn ich hingehe, verstehe ich öfter, warum ich da nicht heineinpasse. Für mich war das Theater immer so mit dem Leben verbunden, dass das Tolle, Sichtbare ja nur einen Teil dieses Berufes ausgemacht hat. Ich habe in meinem Leben ein paarmal Kompromisse geschlossen. Die daraus entstandenen Ergebnisse haben mich zutiefst unglücklich gemacht. Ab da galt es für mich, woanders zu suchen. Ich habe Musik gemacht, einen Sohn bekommen. Und ich bin nach Afrika gegangen. Ich habe dort auch gearbeitet.

Koch: Als wir eine Beatrice für Viel Lärm um nichts suchten, fragten Intendantin Bettina Hering und ich: Wer kann ein so wilder, anarchischer Falke sein?

Bennent: Die Stichwörter waren: Shakespeare, die Arbeit mit Roland Koch. Koch stand fast noch am selben Tag vor meiner Gartentür in Niederösterreich.

Standard: Die Gesellschaft in "Viel Lärm um nichts" hat furchtbare Kommunikationsprobleme: Die Männer, obwohl erfolgsverwöhnte Krieger, vermögen sich gegenüber der Damenwelt kaum zu artikulieren. Gähnt hinter dem schönen Schein der Rhetorik ein tiefer Abgrund?

Koch: Das ist eine Rumpfgesellschaft in Messina: Junge Frauen leben mit ein paar zeugungsunfähigen Männern wohlbehütet zusammen. Die heimkehrenden Krieger waren sich Freund, Vater, vielleicht sogar noch mehr. Beide Gruppen stoßen mit einer hohen, zurückgehaltenen Energie aufeinander. Die Männer kommen aus dem Feld zurück und müssen das Thema Liebe, Leidenschaft neu stottern. Wie kann man reden, dass man sich selbst noch glaubt? Wie gibt man Signale, wenn man die Konventionen, wie man Körper zusammenführt, nicht mehr beherrscht?

Standard: Aber die Figuren sind doch bis an die Zähne mit Rhetorik bewaffnet?

Bennent: Der Motor des Stückes ist nicht die Angst. Es geht ein Riss hindurch, durch die Persönlichkeiten. Es existiert ein Widerspruch zwischen Mann und Frau. Und ein Mann selbst ist ein lebendiger Widerspruch, eine Frau auch. Es ist die Zeit der Renaissance, in der alles aufgerissen wurde. Das reicht weiter, als unsere Schulpsychologie sich träumen lässt. Die gesellschaftlichen Normen kollabieren, und die Neuerfindungen der Figuren kollabieren. Der Schweizer Literaturwissenschafter Peter von Matt sagt: "Ein Rätsel kann man nur durch ein neues Rätsel klären." Die Fragen bleiben immer dieselben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 26./27.1.2013)


Anne Bennent, die aus Lausanne gebürtige Tochter des Schauspielers Heinz Bennent, arbeitete bereits im zarten Alter als Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin. An der Burg debütierte sie furios als Sascha in Tschechows "Iwanow" (1990, Regie: Peter Zadek). Produktionen mit ihrem Mann, dem Akkordeonisten Otto Lechner.

Roland Koch (53) ist gebürtiger Schweizer. Der Gefolgsmann von Regisseur Andreas Kriegenburg spielt inzwischen tragende Rollen in Inszenierungen von Andrea Breth, Dieter Giesing oder Matthias Hartmann. "Viel Lärm um nichts" ist seine zweite Regiearbeit.

  • Premiere am Samstag (26. Jänner, 19.30 Uhr), in St. Pölten: "Viel Lärm um 
nichts" mit Anne Bennent, in der Regie von Roland Koch.
    foto: andy urban

    Premiere am Samstag (26. Jänner, 19.30 Uhr), in St. Pölten: "Viel Lärm um nichts" mit Anne Bennent, in der Regie von Roland Koch.

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