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vergrößern 900x385Manische, verrückte und surreale Züge versucht Sven-Eric Bechtolf den Figuren in Rossinis "Cenerentola" zu verleihen.

"Ich verwende das Wort 'Künstler' im Zusammenhang mit mir ungern": Sven-Eric Bechtolf.
STANDARD: Herr Bechtolf, vor kurzem zeigten Sie an der Staatsoper Ihre Sicht auf "Ariadne auf Naxos"; ab Mai läuft Ihr "Ring des Nibelungen"; nun steht die nächste Premiere bevor; und als Schauspielchef der Salzburger Festspiele befinden Sie sich auch in einer kulturpolitischen Schlüsselfunktion. Fühlen Sie sich bereits als Haus- und Hofregisseur der Nation?
Bechtolf: Ich glaube, es handelt sich hier um eine Suggestivfrage. Und die soll und kann man nicht beantworten. DER STANDARD hat sich jedenfalls bezüglich meiner Auftragslage nichts vorzuwerfen. Er hat immer vor mir gewarnt. Dass die Verantwortlichen mir trotzdem weiterhin vertrauen und die Künstler gerne mit mir arbeiten, freut mich natürlich. Zu einer Frage von nationaler Bedeutung würde ich meine bescheidenen Bemühungen deshalb aber nicht erklären.
STANDARD: Vielen Dank für die Blumen! Allerdings gibt es beim STANDARD keine vorgegebenen Positionen zu einzelnen Personen, sondern nur individuelle Meinungsäußerungen. Aber eine andere Frage: Wenn man derart viel inszeniert wie Sie, muss man als Schauspieler notgedrungen pausieren. Schmerzt Sie das eigentlich?
Bechtolf: Das könnte Ihnen wohl so passen, mich auf die Bühne zurückzuloben! Nein, es schmerzt nicht. Ich arbeite ja immer noch im selben Beruf. Für mich waren die Grenzen immer fließend. Abgesehen davon: Ich habe 34 Jahre lang als Schauspieler gearbeitet und dabei so ziemlich alles an Glück und Unglück erlebt. Ich bin froh, dass ich seit über zwanzig Jahren meine Perspektive sukzessiv verändern und vergrößern durfte.
STANDARD: Ihr größtes kommendes Projekt in Salzburg ist der Da-Ponte-Zyklus, von dem sich Franz Welser-Möst, wie in schon ermüdendem Ausmaß bekannt ist, zurückgezogen hat. Wie stehen Sie persönlich zu diesem Drama? Was ändert sich für Sie durch das Engagement eines anderen Dirigenten, Christoph Eschenbach?
Bechtolf: Also erstens: Dramen finden auf, aber nicht im Theater statt. Gemessen an realen Problemen handelt es sich hier um bengalische Blitze und Theaterdonner. Zweitens: Die ganze Angelegenheit wird sehr bald dem Vergessen anheimgefallen sein - mindestens beim Publikum. Dass Journalisten versuchen werden, auf diesem Feuer ihr Süppchen weiterzukochen, steht allerdings außer Frage und ist, wie Sie richtig bemerken, ermüdend. Drittens: Ich war nicht sehr erfreut über die Vorgänge, ich habe dies den Beteiligten mitgeteilt und muss nun nach vorne schauen. Viertens: Eschenbach ist seit vielen Jahren ein Freund, und wichtiger - er ist ein großartiger Künstler. Um in der Sprache des Dramas zu reden: Er ist unser Happy End.
STANDARD: Wie würden Sie Ihren Stil als Opernregisseur beschreiben?
Bechtolf: Ich gehöre zu den Unglücklichen, denen im Laufe des Lebens Gewissheiten nicht zuwachsen, sondern denen sie abhandenkommen. Ich habe keine nennenswerten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen mehr. Ich habe dabei aber nicht etwa aufgehört, die Welt zu befragen, ich bekomme nur keine tauglichen Antworten, die es mir erlaubten, meine Arbeit stilistisch zu radikalisieren. Ich arbeite redlich daran zu verstehen, worum es sich bei den Intentionen des jeweiligen Werkes handelt, und versuche eventuelle Erkenntnisse in die Tat umzusetzen.
STANDARD: Gibt es aber einen üblichen Zugang zu einem Werk, eine übliche Vorgehensweise - eine spezifische Art der "Aneignung", wie Sie Ihr Buch über Ihre Vorbereitungen für den "Ring" untertitelten?
Bechtolf: Ich verwende das Wort "Künstler" im Zusammenhang mit mir ungern. Aber es ist wohl doch so, dass am Ende die Intuition entscheidet. Was ich allerdings immer versuche ist, das ja nur auf dem Papier Existierende glaubhaft zu verlebendigen. Und das funktioniert unter den verschiedensten stilistischen Prämissen. Oder sollte es jedenfalls.
STANDARD: Haben Sie jemals die Gefahr verspürt, Sie könnten sich wiederholen?
Bechtolf: Als Schauspieler ist mir das gelegentlich so vorgekommen. Man macht es sich unbewusst in einer gewissen Wirkungssicherheit bequem. Das ist tödlich, und man braucht an so einem Punkt einen sehr guten Regisseur und sehr gute Partner, die einen aus dieser selbst gestellten Falle befreien. Als Regisseur habe ich immer wieder anderes versucht. Ich bin, in gewissem Sinn, am Material interessiert. Was kann man damit machen? Auf eine ganz selbstbezügliche Weise beschäftige ich mich mit dem Theater - so wie sich etwa ein Maler mit Malerei beschäftigt.
STANDARD: Was hat Sie dazu bewogen, Rossinis "Cenerentola" zu inszenieren? Liegt Ihnen die Musik oder die Märchenhandlung näher?
Bechtolf: "La Cenerentola" ist ein vollkommen aberwitziges Virtuosenstück. Unser Dirigent Jesus Lopez-Cobos beschrieb es als "Schweizer Uhrwerk mit italienischem Herz". Das artet gelegentlich in Dada aus. Die Figuren haben einen realistischen Fond, ragen aber ins Manische, ins Verrückte und Surreale hinein. Man kann es auch als "märchenhaft" bezeichnen. Beides, die in die Extreme getriebenen Verwirrungen und die Musik, interessieren mich und machen mir und sämtlichen Beteiligten vor allem sehr viel Spaß. (Daniel Ender, DER STANDARD, 25.1.2013)
Sven-Eric Bechtolf, geboren 1957 in Darmstadt, erhielt seine Ausbildung am Salzburger Mozarteum. Als Schauspieler war er am Zürcher Schauspielhaus, am Schauspielhaus Bochum, am Hamburger Thalia-Theater, am Wiener Burgtheater und am Almeida-Theatre in London tätig. Als Opernregisseur betätigte er sich erstmals mit Bergs "Lulu" am Opernhaus Zürich. Weiters inszenierte er u. a. 2006 an der Wiener Staatsoper Wagners "Ring des Nibelungen". Seit 2012 ist Leiter des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen.
"La Cenerentola"-Premiere an der Wiener Staatsoper ist am Samstag, 26.1.
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