Psychologe: Schwindel gilt als Kavaliersdelikt

24. Jänner 2013, 18:22
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Einfache Steuergesetze bewirken laut dem Wirtschaftspsychologen Erich Kirchler mehr als Strafen

Wien - Es sind gigantische Summen, die laut Studien schwarz bewegt werden. Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider beziffert die Schattenwirtschaft in Österreich mit rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. Während große Steuersünder stets für Empörung sorgen, scheint der Pfusch im Privaten weitgehend akzeptiert zu sein. "Der kleine Schwindel wird als Kavaliersdelikt gesehen", bestätigt der Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler. "Die kleine Listigkeit wird akzeptiert, aber nicht Hinterziehung in großem Ausmaß und von Personen, die in der Gesellschaft für Recht und Ordnung stehen."

Warum das so ist? "Die Akzeptanz von Steuern hängt stark von Gerechtigkeitswahrnehmungen und sozialen Normen ab", sagt Kirchler zum Standard. "Das Vertrauen in die Effizienz eines Staates und in die Behörden ist eine wesentliche Voraussetzung, damit die Kooperation einigermaßen freiwillig erfolgt."

Andere machen es vor

Das ist auch ein Grund, warum in Südeuropa die Schattenwirtschaft laut Schätzungen bei teilweise mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt, in Österreich bei unter zehn Prozent. Die häufigsten Verteidigungsargumente für Pfusch sind laut Kirchler: "Der Steuerdruck ist zu hoch." Und: "Alle anderen machen es auch oder können es sich richten."

Wichtig sei eine Vereinfachung des Steuersystems, "damit nicht jahrelange Ausbildung nötig ist, um die Gesetze zu verstehen". "Man muss effiziente Möglichkeiten schaffen, steuerehrlich zu sein." So sei das Anmelden der "Putzfrau" viel zu bürokratisch. Aus Studien wisse man, dass sich der Großteil der Bevölkerung sehr wohl an die Verpflichtung des Steuerzahlens gebunden fühle. Daher sei es wichtig, zu erklären, wofür der Staat Geld ausgibt und nicht nur die schwarzen Schafe in den Fokus zu rücken, sondern die Steuerehrlichen.

Wissen, wie man straft

Freilich dürfe man auch nicht naiv sein, betont Kirchler. "Es gibt auch Menschen, die Steuervermeidung und -hinterziehung als Spiel ansehen, die den Staat nicht akzeptieren und nicht kooperieren wollen." Daher seien Strafen und Kontrollen sehr wohl von Bedeutung, wobei man aber den Effekt nicht überschätzen dürfe. "Strafen können auch als Preis verstanden werden, oder jemand der bestraft wird, versucht sich das Geld morgen zurückzuholen." Wirksamer seien effiziente Kontrollen. "Aber die Art, wie sie durchgeführt werden, muss gut nach ökonomischen und psychologischen wissenschaftlichen Kriterien überlegt werden."

Frauen ehrlicher als Männer

Was zahlreiche internationale Erhebungen laut Kirchler zeigen: "Mit zunehmendem Alter steigt die Steuerehrlichkeit und im allgemeinen dürften Frauen steuerehrlicher sein als Männer." Dass Reiche häufiger Steuern hinterziehen als Durchschnittsbürger, ist nicht eindeutig. "Hier gibt es sich widersprechende Studien." Empirisch belegbar sei aber: " Berufsgruppen, die mehr Möglichkeiten haben, die Steuerzahlungen zu gestalten, schöpfen das auch häufiger aus." (go, DER STANDARD, 25.1.2013)

  • Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler forscht seit Jahren zum Thema Schwarzarbeit.
    foto: standard/urban

    Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler forscht seit Jahren zum Thema Schwarzarbeit.

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