Zefix, Halleluja, sog i!

24. Jänner 2013, 18:50
77 Postings

Das Wiener Theater im Rabenhof veranstaltet heuer zum zehnten Mal den "Protestsongcontest". Ein Wettbewerb zwischen Spaßkultur und heiligem Zorn auf eine Welt, die schlecht ist

Wien - Zu den Vorzügen des Jungseins - oder noch nicht ganz Altwerdens - zählt fraglos jene Kulturtechnik, die gemeinhin mit der Kunst der Beschwerde gleichgesetzt wird. Immerhin gilt die Beschwerdeführung in jeder Generation und ihrem nachwachsenden Protestpotenzial als Entlastungsgerinne für allerlei Ungemach. Von diesem ahnte man meistens bis zum Eintreten unerträglicher Zustände nicht, dass man noch in der Früh nach dem Aufstehen damit nicht konfrontiert war.

Aber jetzt, wo die Straßenbahn zum Büro nicht und nicht kommen will, sie im Radio ein Lied spielen, das man schon immer gehasst hat oder im Parlament gerade wieder Stan & Ollie mit erheblichen Auswirkungen auf die Nachwelt gegeben wird, befällt den jungen Menschen der dumpfe, nichtsdestominder begründete Verdacht, dass es eigentlich von der Gesamtsituation her betrachtet anders laufen könnte.

Schon befinden wir uns im Genre des Protestliedes. Gemeinsam mit dem Radiosender FM4 veranstaltet der Wiener Rabenhof seit zehn Jahren in diesem Zusammenhang den Protestsongcontest. Dieser widmet sich mit mehr oder eher weniger bekannten Protagonisten eingedenk der Tradition altvorderer Künstler mit Wandergitarre und exaltierter Bob-Dylan-Gedächtnis-Mundharmonika der Pflege des Aufschreis gegen allerlei Missstände.

Wie am Freitag in der Vorausscheidung im Haus der Begegnung in Wien-Rudolfsheim wieder bei freiem Eintritt wird festgestellt werden können, halten sich diverse Teilnehmer mit klingenden Kampfnamen wie Dutschke, Anstaltskinda, Linksabbiega, Tiefsinntaucher oder NonSense Of Humour längst nicht mehr an die alten Vorgaben. Zur nach wie vor recht häufig gezupften und beherzt auf Grundakkorden geschlagenen Wandergitarre haben sich natürlich auch Laptop, Vinyl-Laufwerke oder auch nicht mehr total frische elektrische Gitarren und Schlagzeug und Bass gesellt.

Jeder Schlag auf die Trommel ist hier eine Aufforderung zum langen Marsch mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Drei Minuten reichen, um der Welt zu erklären, was sie ist: nicht gut eingerichtet. KHG, Stronach, die Finanzmarktpolitik, Skylink, Westbahn, Zivildienst als Zwangsarbeit mit Essensbon, das Online-Banking der Bank Austria, die Schattenseiten der niederösterreichischen Bauordnung. Aus jeder Wohnstube in diesem Land schreit es: Krieg den Palästen!

Wir sind nicht einverstanden. Wir werden es niemals sein. Solange noch der Teufel diese Welt regiert, so lange singen wir dagegen an. Zefix, Halleluja, sog i!

Sei am Leben, sei dagegen

Nachdem am 25. Jänner aus 25 Halbfinalteilnehmern die Acts für das Finale ausgewählt worden sind, findet am 9. Februar im Wiener Rabenhoftheater ein Best-of-Konzert der bisherigen Preisträger statt. Am 12. Februar, dem Jahrestag der berüchtigten Februarunruhen in Wien 1934, kommt es im einstmals umkämpften Rabenhof zum Showdown vor der traditionell vom Saalpublikum heftig ausgebuhten Fachjury und einem, wohlmeinend gesagt, mitfiebernden Publikum.

Teilnehmer wie die Refugees Of The Vienna Refugee Camp in der Votivkirche dürften am Ende mit Sicherheit dabei sein. An die Gewinner der Vorjahre müsste man sich jetzt konkret erinnern. Wider das Vergessen! Darüber sollte auch einmal jemand singen. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 25.1.2013)

  • Der Rabenhof gibt sich beim Protestsongcontest traditionell kämpferisch. Heuer feiert der nicht immer ganz ernst gemeinte Wettbewerb sein Zehn-Jahr-Jubiläum.
    foto: rabenhof

    Der Rabenhof gibt sich beim Protestsongcontest traditionell kämpferisch. Heuer feiert der nicht immer ganz ernst gemeinte Wettbewerb sein Zehn-Jahr-Jubiläum.

Share if you care.