"Wer vergorenen Fisch isst, kann auch gegen Wien gewinnen"

Interview24. Jänner 2013, 09:14
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Der ehemalige Jesenice- und Linz-Legionär Markus Matthiasson im launigen Gespräch

Nur drei Imports haben in der Geschichte der Erste Bank Eishockey Liga mehr Treffer für die Black Wings Linz erzielt als Markus Matthiasson. Zwar wurde der Stürmer mit den Oberösterreichern nicht Meister, er war aber Teil jener Mannschaft, die 2010 in einer denkwürdigen Halbfinalserie gegen die Vienna Capitals einen 0:3-Rückstand noch in einen 4:3-Erfolg verwandelte. Welche Rolle bei diesem Kraftakt vergorener Fisch spielte, wo man in Jesenice Bargeld in Briefkuverts zugesteckt bekam und warum er einen seiner Trainer nicht absägen wollte, erzählt der Schwede im "Crunch Time"-Interview mit Hannes Biedermann.

derStandard.at: Herr Matthiasson, Sie verbrachten Ihre gesamte Karriere in Ihrem Heimatland Schweden, ehe Sie 2007, im Alter von immerhin schon 31 Jahren, in die Erste Bank Eishockey Liga kamen. Welche Motive steckten hinter diesem Wechsel?

Matthiasson: Nach einigen recht konstanten Saisonen in der Elitserien stand ich schon 2004 vor einem Wechsel ins Ausland, genauer gesagt in die Schweiz. Doch der Lockout in der NHL veränderte den Transfermarkt zu dieser Zeit drastisch, also unterschrieb ich für drei Jahre bei Malmö. Die letzte Spielzeit verlief dann dort jedoch so chaotisch, dass ich mich unbedingt verändern wollte. Ich war damals 31, unsere Kinder waren noch nicht zu alt, das war ein guter Zeitpunkt, um im Ausland noch einmal ganz neue Erfahrungen zu machen.

derStandard.at: War die EBEL ihre Wunschdestination?

Matthiasson: Das kann man durchaus sagen, ja. Unter Lars Bergström (ehemaliger ÖEHV-Teamchef und KAC-Trainer, Anm.) waren wir mit Malmö für ein Trainingslager in Klagenfurt zu Gast, da sammelte ich einige positive Eindrücke.

derStandard.at: Sie landeten dann auch in der Liga, allerdings nicht in Klagenfurt, sondern in Jesenice.

Matthiasson: Als ich mich mit meiner Familie dafür entschied, das Wagnis Auslandsengagement einzugehen, waren die Kader der meisten österreichischen Teams schon voll. Mein Agent hatte dann jedoch ein Angebot aus Jesenice am Tisch, das mich durchaus reizte. Vielleicht auch mit dem Hintergedanken, mich dort ins Rampenlicht zu spielen und für ein anderes Team zu empfehlen.

derStandard.at: 382 Spiele in der professionellsten Liga Europas, dann der Wechsel in eine slowenische Kleinstadt und zu einem Klub, dem in organisatorischen Belangen nicht der beste Ruf vorauseilt. Das klingt nach einem Kulturschock.

Matthiasson: Wechsel, nicht Schock. Ich spielte jahrelang in einer Liga, in der alles perfekt funktionierte, man mit der klubeigenen Maschine zu Auswärtsspielen flog. In Jesenice war dann alles anders, es mangelte an Equipment, die Infrastruktur war gewöhnungsbedürftig, das Gehalt kam in der Regel unpünktlich und wurde einem auch schon mal in bar in einem Kuvert am Parkplatz vor der Halle zugesteckt. Gerade die einheimischen Spieler sind damit aber toll umgegangen, waren immer positiv. Sie spielten wirklich aus Liebe zum Eishockey, das steckte auch uns Imports an. Unterm Strich bin ich mehr als froh, in Jesenice gelebt und gespielt zu haben.

derStandard.at: Jesenice wird häufig als "Hockeytown" beschrieben, in der es nicht viel mehr gibt als das Stahlwerk und den Eishockeyverein. Teilen Sie diese Einschätzung?

Matthiasson: Absolut, die Hingabe der Menschen in dieser kleinen Stadt für ihr Eishockeyteam ist beeindruckend. Ich war auch vom Entwicklungsstand des slowenischen Eishockeys positiv überrascht. Als wir in Bled wohnten, zögerte ich keine Sekunde, meinen Sohn zu den legendären Brüdern Hiti ins Nachwuchstraining zu schicken. Da wurde gut gearbeitet.

derStandard.at: Als Sie nach Slowenien kamen, startete der HK Jesenice in sein zweites EBEL-Jahr. Einem soliden Start folgte eine Siegesserie von zwölf Spielen, Ihr Team führte die Tabelle an.

Matthiasson: Wir spielten uns in einen tollen Lauf, hatten zudem mit Robert Kristan einen unglaublichen Torhüter zwischen den Pfosten, uns gelang zu dieser Zeit einfach alles. Bestes Beispiel: Tabellenerster wurden wir durch einem 6:5-Heimsieg über die Vienna Capitals vor 5.000 Fans - nachdem wir nach sieben Minuten schon 0:4 in Rückstand gelegen waren.

derStandard.at: Für Sie waren es die ersten Wochen und Monate in der EBEL, nachdem Sie zuvor stets in Schweden gespielt hatten. Welche waren oder sind für Sie die zentralen Unterschiede zwischen diesen Ligen hinsichtlich der Spielweise?

Matthiasson: Um ehrlich zu sein: Ich war nach den ersten Spielen für Jesenice ziemlich platt. Zu Hause war ich den kontinuierlichen Einsatz von vier Blöcken gewohnt, man spielte defensiver und sparte die Energie für den Gegenstoß, wenn der Gegner einen Fehler machte. Hier standen wir mit drei Linien am Eis, spielten bedingungsloses Forechecking, dazu massenhaft Eiszeit in Unter- und Überzahl. Diese von taktischen Vorgaben weitestgehend befreite Spielanlage war völlig neu für mich, sagte mir aber sehr zu. In der Elitserien hatte man als Stürmer höchstens zwei Torchancen pro Spiel, in der EBEL waren es fünf oder sechs.

derStandard.at: Kurz nach dem Sprung an die Tabellenspitze mit Jesenice verletzten Sie sich.

Matthiasson: Innenbandeinriss, keine große Sache. Das Problem war aber, dass wir mehr und mehr Spiele verloren, der Klub also auf meine rasche Rückkehr drängte. Ich ließ mich überreden und ging schon viel zu früh wieder aufs Eis. Gespielt habe ich mit einem Kniestrumpf, aber eigentlich konnte ich nicht mal richtig skaten.

derStandard.at: Drei Wochen später, wir sprechen jetzt vom Jänner 2008, war es dann verletzungsbedingt endgültig vorbei. Ausgerechnet in einem Spiel in Linz, nicht ganz ohne Brisanz.

Matthiasson: Ich blieb bei einem kleinen Check am Eis hängen, spürte, wie das Innenband ganz riss. In der Kabine wurde ich direkt vom Linzer Klubarzt behandelt. Er war sehr besorgt, denn er wusste, dass ich bereits einige Wochen zuvor bei den Black Wings einen Vertrag für das kommende Jahr unterschrieben hatte.

derStandard.at: Für Sie war die Saison damit gelaufen, Ihr Team traf dann aber in der ersten Runde der Play-offs ausgerechnet auf Ihren zukünftigen Arbeitgeber. Ein Gewissenskonflikt?

Matthiasson: Überhaupt nicht, meine Priorität lag damals natürlich noch bei Jesenice, auch wenn ich dem Team nicht helfen konnte, als es Linz in in ein fünftes und entscheidendes Spiel in der Serie zwang. Skurril an der Situation war aber, dass wir vor den Play-offs eine sehr schlechte Zwischenrunde spielten. Der Klub wollte Trainer Kim Collins feuern, Manager Matjaž Mahkovec bat mich, das Team für die Play-offs zu übernehmen. Die Spieler hatten sich zwar für diese Lösung ausgesprochen, ich wollte dieses Angebot aber nicht annehmen, es hätte wohl Collins' Trainerkarriere in der Liga beendet.

derStandard.at: Im Sommer vollzogen Sie den schon lange zuvor fixierten Wechsel nach Linz, spielten in einem für den Verein recht unspektakulären, aber soliden Jahr in der ersten Linie. Welche Erinnerungen aus dieser ersten Saison begleiten Sie?

Matthiasson: Vornehmlich jene an Brad Purdie, an dessen Seite ich stürmen durfte. Er war ein großartiger Center, der auch aus ärgster Bedrängnis wunderbare Pässe spielen konnte. Ich war vielleicht nicht gut genug, mir Torchancen selbst zu erarbeiten, aber neben ihm brauchte ich nur darauf zu achten, in die richtige Position zu kommen. Es war klar, sein Pass würde mich finden.

derStandard.at: Welche Unterschiede konnten Sie zwischen Jesenice und Linz ausmachen?

Matthiasson: Vom Umfeld her - Organisation, Ausrüstung, medizinische Versorgung, Zahlungsmoral und so weiter - war das natürlich ein Fortschritt. Die Saison selbst war nicht richtig gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Wir schlugen in der ersten Play-off-Runde Villach, wurden dann aber im Semifinale von Klagenfurt förmlich abserviert. Trainer Jim Boni hatte uns zuvor mitgeteilt, dass er einen langfristigen Vertrag in Ingolstadt unterschrieben hatte, damit war leider irgendwie die Luft draußen.

derStandard.at: Auf Boni folgte ein für Sie alter Bekannter. Kim Collins, den Sie in Jesenice nicht ablösen wollten, übernahm die Black Wings.

Matthiasson: Unter seiner Führung spielten wir schnelleres Eishockey, das wohl auch besser zur Mannschaft passte. Die zweite Linie fand ihren Scoring Touch, und wir gewannen an Selbstvertrauen. Mit unserem tollen Publikum im Rücken übersprangen wir die Viertelfinal-Hürde Villach recht einfach, doch dann kamen die Vienna Capitals.

derStandard.at: Und damit eine der denkwürdigsten Play-off-Serien der jüngeren Ligageschichte.

Matthiasson: Zuvor lief es wirklich gut, wir funktionierten als Mannschaft. Aber gegen Wien waren wir chancenlos und schafften es nie richtig, Druck auf ihre Verteidiger aufzubauen. Sie dominierten uns über drei Spiele im großen Stil und wir hatten praktisch aufgegeben.

derStandard.at: In Linz erzählt man sich, Sie hätten zu diesem Zeitpunkt eine sehr eigenartige Idee gehabt.

Matthiasson: Wir wirkten am Eis steif, glaubten nicht an uns selbst. Ich wollte die Jungs aufrütteln, uns das Lachen und ein wenig auch das Selbstvertrauen zurückbringen. Mark Szücs erzählte mir von einer Fernsehsendung, in der behauptet wurde, schwedischer Surströmmig wäre eines der am übelsten schmeckenden Nahrungsmittel der Welt.

derStandard.at: Surströmming, das ist vergorener Hering in Dosen, auf denen der Warnhinweis aufgedruckt ist, sie ob des grausamen Geruchs nur unter Wasser zu öffnen.

Matthiasson: Ein paar solcher Dosen brachte ich in unsere Kabine, stellte mich in die Mitte und öffnete sie. Das ist, ganz ohne Übertreibung, bestialischer Gestank. Ich bat meine Mitspieler, jeweils einen Bissen zu nehmen, und sagte ihnen, dass jemand, der vom vergorenen Fisch essen könne, auch einen 0:3-Rückstand in einer Play-off-Serie aufholen würde. Niemand traute sich, dann kam Coach Collins in den Raum, griff in die Dose und biss ab. Danach tat es ihm jeder Spieler gleich.

derStandard.at: Der Rest ist Geschichte, denn Ihrer Mannschaft gelangen vier Siege am Stück und der Finaleinzug.

Matthiasson: Schon als Brad Purdie in der Overtime des sechsten Spiels den Penalty verwandelte, wusste ich, dass wir nun nach Wien fahren und dort auch die letzte Partie gewinnen würden. Die Art und Weise, wie wir diese Serie gedreht haben, war einfach wunderbar. Das gemeinsam erlebt zu haben wird mich für immer mit meinen Mitspielern von damals verbinden. Wir konnten den Drive auch ins Finale mitnehmen, gewannen die ersten beiden Spiele, doch dann war Salzburg einfach zu stark.

derStandard.at: Nach Ihrem zweiten Jahr in Linz beendeten Sie Ihre Profikarriere, kehrten in Ihre Heimat zurück und beendeten dort Ihr Studium. Stehen Sie heute noch in Kontakt zu Mitspielern, verfolgen Sie die Ereignisse in Jesenice und Linz?

Matthiasson: Ziemlich intensiv, ja. Ich sehe mir regelmäßig EBEL-Spiele in Online-Streams an, checke die Ergebnisse und halte mit ehemaligen Teamkollegen Kontakt. Nach Linz schicke ich ab und zu Snus an manche der Jungs von damals. Über den Meistertitel im Vorjahr habe ich mich sehr gefreut, vor allem für die Fans, weil ich weiß, wie viel ihnen der bedeutet hat. Dass Jesenice in den Konkurs geschlittert ist, war traurig, ist aber vielleicht das Beste, was passieren konnte. So, wie es dort in den letzten Jahren gelaufen ist, kann man einen Eishockeyklub nicht führen. Jetzt ist man dazu gezwungen, einen professionellen Neuanfang zu machen, das verdienen all die Leute in der Region, denen Eishockey wichtig ist.

derStandard.at: Sie sprachen jetzt über ehemalige Mitspieler. Die Mehrzahl dieser beschreibt Sie als echten Leader und vorbildlichen Teamplayer.

Matthiasson: Es freut mich, das zu hören. Ich habe immer versucht, mich an die große Eishockey-Weisheit "There's no I in Team" zu halten. Das war auch nicht so schwer, denn es gibt nichts Schöneres, als jeden Tag in die Eishalle zu kommen und dort in der Kabine 25 Freunde zu treffen. Ehrlich gesagt ist es auch dieser Aspekt des Eishockeys, der mir heute als pensionierter Spieler besonders fehlt.

derStandard.at: Insgesamt spielten Sie drei Jahre lang in der EBEL, davor knapp 15 in den zwei Topligen der Eishockey-Weltmacht Schweden. Wo sehen Sie den größten Aufholbedarf für den hiesigen Bewerb?

Matthiasson: Wenn ich von meiner Zeit in der Liga ausgehe, würde ich hier den Bereich der Schiedsrichter nennen, aber ich habe gehört, dass sich diesbezüglich in den letzten zwei Jahren einiges zum Besseren gewendet hat. Also bleibt vor allem das Hauptproblem, das Nachwuchsprogramm. Das muss deutlich besser werden, mehr Erträge liefern. Wenn es da in die richtige Richtung geht, kann man in einem weiteren Schritt auch über die derzeit sehr liberalen Importregelungen diskutieren. (Hannes Biedermann, derStandard.at, 24.1.2013)

Markus Matthiasson (37) spielte als Profi sieben Jahre lang in der höchsten schwedischen Spielklasse (382 Spiele), ehe er 2007 in die EBEL wechselte, wo er für Jesenice und Linz 166 Partien absolvierte und 79 Tore erzielte. Nach seiner aktiven Karriere beendete er sein Wirtschaftsstudium und gründete sein eigenes Unternehmen, das schwedische NHL- und KHL-Profis in ihrer Finanzplanung berät.

  • In seiner ersten EBEL-Saison 2007/08 sammelte Markus Matthiasson in 35 Spielen 32 Scorerpunkte für den HK Jesenice.
    foto: iztok novak

    In seiner ersten EBEL-Saison 2007/08 sammelte Markus Matthiasson in 35 Spielen 32 Scorerpunkte für den HK Jesenice.

  • Zwischen 2008 und 2010 erzielte der Schwede 62 Tore für den EHC Linz. In der Klubgeschichte der Black Wings trafen nur drei Legionäre öfter.
    foto: apa/eggenberger

    Zwischen 2008 und 2010 erzielte der Schwede 62 Tore für den EHC Linz. In der Klubgeschichte der Black Wings trafen nur drei Legionäre öfter.

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