Mekong: Fluss der singenden Frösche

24. Jänner 2013, 16:55
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Eine luxuriöse, reizvolle Schiffsreise: Mit der Prestige den Mekong von seinem Delta hinauf über Phnom Penh in den riesigen Tonle-Sap-See

Satellitenbilder ermöglichen es, jeden Swimmingpool auf Dachterrassen ausfindig zu machen. Doch wie lang der Mekong ist, wissen wir nicht. Die Angaben variieren zwischen 4350 und rund 4900 Kilometern. Die Quelle liegt irgendwo in Tibet, wo er "Turbulenter Fluss" genannt wird. Am anderen Ende, wenn er in Vietnam, fächerartig aufgesplittert, als "Neun-Drachen-Fluss" ins Südchinesische Meer fließt, ist von einem reißenden Gewässer gar nichts zu spüren.

Dort, im Mekongdelta, unweit von Ho-Chi-Minh-Stadt, das bis 1975 Saigon hieß, beginnt eine reizvolle Reise: An Bord der Prestige oder eines Schwesterschiffs von Rivage du Monde, gleitet man gemächlich nach Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha, und weiter durch den Tonle Sap nach Siem Reap, wo die Khmer einst die sagenumwobene Stadt Angkor errichteten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der erste Tag an Bord der Prestige gestaltet sich eher langweilig. Aber Entspannung tut ganz gut, wenn man sich ein, zwei Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt dem Straßenverkehr ausgesetzt hat. Die dröhnenden Rollerschwärme, deren Fahrer in der Regel bunte, schnittige Helme und Mundschutz tragen, kennen kaum ein Pardon mit Fußgängern. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht sonder Zahl: ein paar Kolonialbauten, darunter die Kathedrale, die Oper und das Postamt, sowie der Palast der Einheit aus der Mitte der 1960er-Jahre und natürlich das "Kriegsreliktemuseum": Auf tausenden Fotos und in Reagenzgläsern sind die Verbrechen der US-Armee an der Zivilbevölkerung während des Vietnamkriegs dokumentiert.

Früher trug das Museum das Wort "Verbrechen" auch im Titel; aber man wollte es sich nicht mit den US-Veteranen verscherzen, die eine gute Einnahmequelle bilden. Der gelebte Sozialismus verachtet den Dollar nicht. Die Altstadt von Saigon ist mit Shops der Luxusmarken ein echtes "Goldenes Quartier" des Kapitalismus. Im Königreich Kambodscha, in dem die orthodox-marxistische Volkspartei das Sagen hat, geht man noch einen Schritt weiter: Da hat der Dollar die Landeswährung Riel so gut wie abgelöst.

Sicher, die Woche auf der Prestige ist mit 3100 Euro für zwei nicht billig, aber man befindet sich auf keinem Kreuzfahrtschiff für 3000 Seelen, sondern auf einem überdimensionierten Hausboot mit nur 50 bis 60 Passagieren. Die Kojen sind feine Hotelzimmer, die Reiseleitung beeindruckt mit Umsicht wie Wissen.

Nahezu jeden Vor- und jeden Nachmittag gibt es Exkursionen mit lokalen Booten in Dörfer. Man sieht schwimmende Märkte, besichtigt Schulen oder Manufakturen, in denen Toffees, Reiswaffeln oder Schnäpse mit eingelegten Schlangen hergestellt werden. Man besucht auch eine Weberei, wie es sie in Europa vor der industriellen Revolution gab.

Ein Franzose ist unangenehm berührt, ein Deutscher verteilt gönnerisch an die Kinder Zuckerln, die er an Bord bei der Rezeption aus dem Glas gefischt hat. Dann geht es zurück aufs Schiff. Nach jedem Sozialporno werden feuchte Tücher gereicht. Und dann setzt man sich an den gedeckten Tisch mit den bauchigen Rotweingläsern. Klingt befremdlich.

Aber man kann es auch anders sehen: Die Reise mit der Prestige bietet viele Einblicke in das normale Leben, das dem Touristen ansonsten verborgen bleibt. Man lässt sein Geld bei Händlerinnen aller Art in Orten, die nie besucht würden. Egal, ob der vietnamesische Führer, der 1980 in Dresden Deutsch lernte und daher den hochskurrilen DDR-Sprech pflegt, oder sein Kollege Tek aus Kambodscha: Sie berichten über ihre Länder mit Stolz. Und auf den Märkten erklären sie jede Frucht, jede Speise, jede Sorte Reis.

Sie erzählen auch ausführlich von der Vergangenheit. Noch immer sind viele Menschen da wie dort traumatisiert - vom Vietnamkrieg wie vom Pol-Pot-Regime, das in nur vier Jahren die Intelligenz nahezu auslöschte. Von 5000 Ärzten überlebten den Wahnsinn, gegen den der Westen nichts unternahm, nur 50.

Am Ende der Reise, wir haben Phnom Penh mit dem kitschigen Königspalast und dem furchtbaren Gefängnis S-21 der Roten Khmer hinter uns gelassen, dreht sich alles nur mehr um den Fluss. Ab Juni führt der Mekong aufgrund der Monsunregenfälle und des Schmelzwassers aus dem Himalaya bis zu viermal mehr Wasser. Die Fluten drängen in den Tonle-Sap-Fluss, der, weil er kaum Gefälle aufweist, die Fließrichtung wechselt: Das Mekong-Wasser lässt den See aus seinem Ufer treten, im September hat sich dessen Oberfläche verdreifacht. Knapp ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche Kambodschas ist dann von Wasser bedeckt. Und daher gibt es nicht nur Fisch, sondern auch Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Erst im November, wenn der Mekong wieder weniger Wasser führt, wechselt der Fluss erneut die Richtung.

Doch Tek, unser Guide, äußert große Sorgen. Denn im November 2012 haben in Laos die Bauarbeiten am gigantischen Xayaburi-Staudamm begonnen, dessen Kosten auf rund drei Milliarden Euro geschätzt werden. Und in der chinesischen Provinz Yunnan sollen auf 800 Kilometern gleich acht Talsperren errichtet werden. Im Dezember gab der WWF bekannt, dass allein 2012 in der Mekong-Region 126 neue Arten, darunter Teufelsfledermäuse, blinde Fische und singende Frösche, entdeckt worden seien. Dass Vernunft einkehren wird, ist nicht zu erwarten. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, Rondo, 24.1.2013)

  • Das Goldene Dreieck: Hier mündet der Fluss Ruak in den Mekong. In diesem Dreiländereck treffen Laos, Myanmar und Thailand aufeinander.
    foto: epa/adam cathro / wwf

    Das Goldene Dreieck: Hier mündet der Fluss Ruak in den Mekong. In diesem Dreiländereck treffen Laos, Myanmar und Thailand aufeinander.

  • Die wendigen kleinen Boote der Fischer sind ideal um im Mekong zu navigieren.
    foto:epa/mak remissa

    Die wendigen kleinen Boote der Fischer sind ideal um im Mekong zu navigieren.

  • Im Gegensatz zu großen Frachtschiffen kommen die traditionellen Langboote mit den Sandbänken und seichten Ufern des Mekongs bestens zurecht.
    foto: reuters/sukree sukplang/files

    Im Gegensatz zu großen Frachtschiffen kommen die traditionellen Langboote mit den Sandbänken und seichten Ufern des Mekongs bestens zurecht.

  • -> Weiterlesen: So nah am Wasser - Ein Prachtband über die Küchen des Mekong-Beckens
    foto: epa/stephen morrison
  • Flüge über Bangkok (direkt ab Wien mit Austrian). Die All-inclusive-Schiffsreise mit Rivages du Monde führt von My Tho nach Siem Reap oder retour. Empfehlenswert in Siem Reap: das Hotel Angkor Village. Der Autor bezahlte die Reise selbst.
    grafik: der standard

    Flüge über Bangkok (direkt ab Wien mit Austrian). Die All-inclusive-Schiffsreise mit Rivages du Monde führt von My Tho nach Siem Reap oder retour. Empfehlenswert in Siem Reap: das Hotel Angkor Village. Der Autor bezahlte die Reise selbst.

  • Vom Baumaterial bis zur Wassermelone - am Mekong kommt fast alles aus dessen fruchtbarem Schwemmland.
    foto: reuters/samrang pring

    Vom Baumaterial bis zur Wassermelone - am Mekong kommt fast alles aus dessen fruchtbarem Schwemmland.

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