Noch nicht auf der sicheren Seite

23. Jänner 2013, 19:10
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Ist die Finanzkrise fünf Jahre nach ihrem Ausbruch vorbei? DieFrage und neue Unsicherheit dominieren das Weltwirtschaftsforum

Vereinzelt brandete Beifall im gut gefüllten Konferenzsaal des Weltwirtschaftsforums in Davos auf, als der sonst sehr zurückhaltende italienische Premier Mario Monti seinen britischen Amtskollegen David Cameron attackierte. "Die EU braucht keine Europäer, die keine Europäer sein wollen", sagte Monti. "Aber wir brauchen ganz bestimmt wohlgesonnene Europäer." Er zeigte sich überzeugt, dass die Briten bei einem Referendum für den Verbleib in der EU stimmen würden. Er sei zuversichtlich, dass das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung für die Briten positiv ausfallen würde: "Das würde ihnen eine Entscheidung im Interesse aller Europäer erleichtern."

Auch in anderen Diskussionsrunden wurde Camerons Ankündigung aufgegriffen. "Europa ist mit Großbritannien viel einflussreicher als ohne London", sagte Joseph Nye, Politikwissenschafter in Harvard und früherer US-Vize-Verteidigungsminister. Präsident Barack Obama "will unbedingt, dass Großbritannien in der EU bleibt".

Schulz: "Rede an eigene Partei"

Der finnische Europaminister Alex Stubb erklärte, er glaube nicht, dass Cameron tatsächlich die EU verlassen wolle. "Er will die britische Position in der EU ein für alle Mal klären. Insofern ist diese Haltung zu respektieren."

Ein gefragter Gesprächspartner zu dem Thema war in Davos auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. "Das ist ein gefährliches Spiel. Es war aber vor allem eine Rede an die eigene Partei. Die Reaktionen der anderen in Europa haben gezeigt, dass Cameron keine Chance hat mit dieser Verhandlungsstrategie", sagte Schulz zum Standard. Ob die Austrittsdrohung ernst sei? "Er erinnert mich an Goethes Zauberlehrling, der Geister gerufen hat, die er nicht mehr los wird".

"Leben auf Kosten künftiger Generationen"

In anderen Diskussionsrunden kam das Thema Krise und Europa ebenfalls in einem Atemzug zur Sprache. Der frühere deutsche Bundesbankchef Axel Weber kritisierte die Eurorettungspolitik scharf. "Wir kaufen uns nur Zeit. Wir leben auf Kosten künftiger Generationen", sagte Weber, der schon als Bundesbanker dem Ankauf von Anleihen angeschlagener Eurostaaten durch die Euro päische Zentralbank skeptisch gegenübergestanden hatte.

Optimistischer zeigte sich Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JPMorgan. Europa habe sich "stabilisiert", die US-Wirtschaft sei sogar "in ziemlich guter Verfassung". Probleme bereiteten jedoch die Schulden: "Die Amerikaner wissen, was zu tun ist, sie bringen nur den Willen nicht auf. Die Europäer haben den Willen, aber da es keine Alternative zum Euro gibt, wird es wirklich kompliziert für sie", sagte der Banker. "Wenn wir alles richtig machen, könnten wir da noch rauskommen." Wenn nicht, könne die Krise noch volle zehn Jahre dauern.

Zhu Min, Vizechef des Internationalen Währungsfonds (IWF), positionierte sich in der Mitte: "Wir sind noch nicht auf der sicheren Seite, aber die Lage ist viel besser als vor einem Jahr."

Der erste Hauptredner aus dem Bereich Politik, Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew, beschäftigte sich nicht mit den naheliegenden Problemen, sondern blickte weit in die Zukunft. Langfristig wünsche sich Russland einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit der EU "vom Atlantik bis zum Pazifik".  (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 24.1.2013)

  • Gut bewacht: Die rund 2500 Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums werden von 
Schweizer Einsatzkräften geschützt, bei der Luftraumüberwachung helfen 
auch Österreichs Eurofighter.
    foto: laurent gillieron

    Gut bewacht: Die rund 2500 Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums werden von Schweizer Einsatzkräften geschützt, bei der Luftraumüberwachung helfen auch Österreichs Eurofighter.

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