Abkehr einer Salafistin von der Radikalität

Porträt24. Jänner 2013, 05:30
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Wie eine Ägypterin aus der Oberschicht zur strenggläubigen Salafistin wurde - und warum sie heute wieder für ein liberales Ägypten kämpft

Kairo - Zielstrebig überholt Aisha Al-Shabrawy die Menschentrauben am Tahrir-Platz, auf dem sich die Unzufriedenen in Zeltplanen einquartiert haben und gegen Präsident Morsi demonstrieren. Einen Steinwurf entfernt feuert die Polizei Tränengas in die Luft, um aufgebrachte Jugendliche zurückzuhalten. Auch Al-Shabrawy wurde schon mit solchem Gas beschossen, vor zwei Jahren, als die Proteste begannen.

Am 25. Jänner 2011 besetzten erstmals 15.000 Demonstranten den Tahrir-Platz in Kairo, am Jahrestag am Freitag werden wieder größere Proteste erwartet. Immer noch harren einige dutzend Demonstranten täglich hier aus. Die meisten Frauen auf dem Platz tragen Kopftuch - die 32-jährige Al-Shabrawy hingegen trägt ihr schwarzes Haar unverschleiert zur Schau.

Noch vor wenigen Jahren verließ sie nie ihr Haus, ohne Körper und Gesicht vollständig in schwarz zu hüllen. Sie isolierte sich von ihren Freunden, zuerst von den ungläubigen, später auch von den moderat muslimischen. Von niemandem ließ sie sich in ihrem Weg zu Gott abbringen, auch nicht den eigenen Eltern. Al-Shabrawy war jahrelang überzeugte Salafistin.

Salafisten berufen sich auf eine streng wörtliche Auslegung des Korans. Die Männer tragen Vollbart, die Frauen einen schwarzen Schleier, der nur die Augen freilässt. Ihr Ideal ist ein Leben nach dem Islam wie vor 1400 Jahren. Alle Neuerungen, so glauben sie, hätten den Glauben nur verfälscht. Bei den letzten ägyptischen Parlamentswahlen vor einem Jahr bekam die salafistische Al-Nour-Partei fast 28 Prozent.

Als Jugendliche gehört Beten nicht zu Al-Shabrawys Tagesprogramm. "Bevor ich 21 wurde, ging's einzig darum, eine gute Zeit zu haben: Partys, Reisen, Freunde treffen - ohne eine Ahnung vom Sinn des Lebens zu haben" , beschreibt sie ihren Alltag als Studentin der American University of Cairo, wo die Studiengebühren mehr als das Dreifache des ägyptischen Bruttoinlandprodukts pro Kopf betragen. Doch der Lebensstil ihrer Kommilitonen erschien ihr aber bald sinnlos.

Um das zu ändern, begann sie, sich ernsthaft mit dem Koran zu beschäftigen, legte als äußerliches Zeichen ihrer Frömmigkeit das Kopftuch an. Die Kommilitonen fanden ihr Verhalten seltsam. "Ich hatte nicht genug Freunde und brauchte Gesellschaft", sagt sie: "Zu dieser Zeit betete ich oft in der Moschee."

Halt und Orientierung

Einen "friedlichen Protest", nennt Al-Shabrawy rückblickend ihre Hinwendung zum Salafismus. Tatsächlich war es auch eine Rebellion gegen die Eltern. Sie verlässt ihren vorgezeichneten Lebensweg, ohne mit den religiösen Konventionen zu brechen. Die simple Lebensweise der Salafisten und die Solidarität in der Gemeinschaft gibt der orientierungslosen Studentin halt. Was richtig und was falsch ist, entscheidet ihr Scheich. Für jedes Problem hat der Koran einen Vers parat.

Das vollständige Verschleiern nahm sie weniger als Zäsur, denn als organische, graduelle Entwicklung wahr: "Was für Westler als Unterdrückung erscheint, bedeutet für eine Salafistin Geborgenheit." Die Regeln waren streng: Was die Aufmerksamkeit von Gott nimmt oder sexuelles Begehren weckt, ist untersagt - also Fernsehen, Musik und auch Taxi fahren, da sich Mann und Frau nie zu zweit in einem Raum aufhalten dürfen.

Auch den Mann, den Al-Shabrawy heiratet, trifft sie bis zur Vermählung nur in Begleitung von Vertrauenspersonen. Er wurde ihr von salafistischen Bekannten vorgeschlagen. Bei ihrer Wahl spielte die sexuelle Attraktivität keine Rolle, wohl aber die Länge des Bartes, denn dieser signalisiert Frömmigkeit.

Zweifel am System durfte sie nicht üben. "Viele Dinge musste ich einfach glauben, doch tief in mir drin war ich nicht hundertprozentig davon überzeugt", erinnert sie sich. Erst als ihre Ehe in die Brüche ging, wurde ihr klar, dass sie nicht wie bisher weitermachen kann.

Al-Shabrawys heutiges Religionsverständnis ist weniger dogmatisch. " Wichtig ist nicht das Kopftuch oder wie oft man am Tag betet. Es ging Mohammed vor allem um den inneren Lebensweg, nicht den äußeren. Letztendlich versucht jeder auf seine Weise, zu Gott zu finden." Religion und Staat sollten auch in Ägypten getrennt sein, meint Al-Shabrawys. Sie will auch weiterhin an den Demos teilnehmen, auf Twitter, wo sie ihre Ansichten verbreitet, hat sie 5000 Follower.

Am Tahrir-Platz hat sich die Stimmung an diesem Abend zunehmend aufgeheizt. In Sprechchören fordern Demonstranten, die Anhänger des Präsidenten zu verbrennen. "Das ist der Teil der Revolution, den ich strikt ablehne", sagt Al-Shabrawy. "Wir sollten die Muslimbrüder auf demokratische Weise bekämpfen und nicht dieselben radikalen Mittel wählen." Und sie fügt hinzu: "Ich bin in meinem Leben durch viele Extreme gegangen - und schließlich als gemäßigte Person herausgekommen." (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 24.1.2013)

  • Ihren Mann sah Aisha Al-Shabrawy bis zur Hochzeit nur in Begleitung von Verwandten.
    foto: heinrich holtgreve

    Ihren Mann sah Aisha Al-Shabrawy bis zur Hochzeit nur in Begleitung von Verwandten.

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