Unsichtbare Feuer am Bosporus

23. Jänner 2013, 18:35
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Die Ausstellung "Zeichen, gefangen im Wunder" ist eine Momentaufnahme türkischer Gegenwartskunst

Sie überzeugt durch mehrheitlich kritische und politische Positionen.

Wien - Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln. Dieses in den 1980er-Jahren von der Friedensbewegung entlehnte Bibelzitat schießt einem beim Blick auf das Foto von Murat Gök in den Sinn: 2010 hat der aus dem ostanatolischen Diyarbakir stammende Künstler eine Hängematte zwischen zwei Pfosten des Sicherheitszaun an der syrischen Grenze gespannt. In seiner Performance Border (Hammock) geht es zwar nicht direkt ums Abrüsten, aber zumindest um das Umrüsten eines mit binationalen Konflikten verbundenen Symbols.

Göks ebenso poetische wie politische Arbeit ist Teil der Ausstellung Zeichen, gefangen im Wunder. Auf der Suche nach Istanbul heute im Museum für angewandte Kunst (Mak). Allerdings ist der Konnex zum 1450 Kilometer entfernten Istanbul nicht gerade unmittelbar, aber in der Hauptstadt wird nun mal die in den östlichen Grenzregionen zum Tragen kommende Politik gemacht.

Neben dem "Lebt und arbeitet in"-Aspekt bestimmen also vielmehr Politik, Religion und Kultur eines Vielvölkerstaates mit Hauptstadt Istanbul die Themen der Schau. Dass die Präsentation einfach einer der schönsten kulturellen Metropolen der Welt und einem der neuen spannenden Hotspots der Gegenwartskunst huldigt (die 13. Istanbul-Biennale startet am 14. September), ist allerdings ein allzu naives und hoffnungsvolles Ansinnen. Vielmehr kommt man mit der Schau dem wirtschaftlichen Engagement der OMV auf einem ihrer Kernmärkte entgegen. Zum Dank fließt das Kultursponsoring des Konzerns nicht nur in die Schiene Diyalog. Art from Turkey auf der Viennafair, sondern eben unter anderem auch in diese Mak-Ausstellung.

So viel sollte man wissen, bevor man zum Lob der von Simon Rees und Bärbel Vischer kuratierten Ausstellung ansetzt: Die versammelten Positionen überzeugen mehrheitlich. So etwa die raumdefinierende, aus Dutzenden Stoffbahnen geschaffene Struktur von Cevdet Erek. Der schuf im Inneren des Oberlichtsaals einen fließenden White Cube, dessen weiche Wände zu Flexibilität und Schwingung fähig sind.

Oder die Istanbul-Fotos von Hamra Abbas: Erst wenn man gezielt gefragt wird, bemerkt man, dass aus ihren Stadtpanoramen die Minarette entfernt wurden. Dabei prägt nicht die Identität der Stadt am Bosporus mehr als die fünfmal täglich zum Gebet rufenden Muezzine.

Dem Umstand, dass die alten Holzhäuser aus Istanbul verschwinden, widmet sich Sibel Horada in ihrer fantastischen Installation Fire Chronicles. Den Prozess der urbanen Erneuerung vergleicht sie mit einem "unsichtbaren Feuer". Unsichtbar sind in der Türkei auch Homosexuelle. Der Bigotterie schenkt der in Istanbul lebende Lukas Duwenhögger in einem monumentalen Gemälde Präsenz, das leise an Manets erotisch aufgeladenes Frühstück im Grünen (1863) erinnert.

Bissig und ironisch

Bissig ist Halil Altinderes Homage to Serge Gainsbourg. Aus Protest gegen die hohe Tabakbesteuerung zündete sich der Chansonnier 1984 in einer TV-Talkshow eine Zigarette an einem 500-Franc-Schein an. Keinen Geldschein, sondern ein türkisches Kunstmagazin nahm dafür Altindere her - denn der Künstler und Kurator ist obendrein Herausgeber von Künstlerbüchern.

Mit Ironie spielt auch Nilbar Güres: Thema ist stets die Rolle der Frau in der aktuellen islamischen Gesellschaft, die sie diesmal im Medium Video behandelte: Stoffbahn um Stoffbahn legt Güres mit Verweis auf die traditionelle Kopfbedeckung ab und kommt trotzdem nie als Individuum zum Vorschein. Diesen Fragen nimmt sich auch Canan auf intelligente Weise an. Wie eine Geschichte aus 1001 Nacht erzählt ihr im Stil der Mogul-Miniaturmalerei gestaltetes Video von einer türkischen Frau zwischen Tradition und Moderne.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 24.1.2013)

Bis 21. 4.

  • Dokumentation einer Performance Murat Göks an der syrischen Grenze: " Border (Hammock)", 2010.
    foto: gök

    Dokumentation einer Performance Murat Göks an der syrischen Grenze: " Border (Hammock)", 2010.

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