Vorarlberger haben's gerne warm

24. Jänner 2013, 05:30
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Gewerkschaft und Bauträger sagen, der vorgeschriebene Passivhausstandard verteuere die Mieten - Experten wundern sich, nun wird nachgerechnet

Bregenz - Die Förderung des sozialen Wohnbaus wird in Vorarlberg an hohe Standards geknüpft. Neubauten müssen seit 2007 Passivhausqualität haben und barrierefrei sein. Diese Qualitätskriterien verteuern die Mieten, waren sich kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung der Gewerkschaft Bau-Holz Gewerkschafter und Bauunternehmer einig. Und: Passivhausstandard senke nicht die Betriebskosten, wie von Experten besprochen; die Bewohner in Sozialbauten könnten mit dem Heizsystem nicht umgehen.

Vergleich macht sicher

Erstaunlich. Macht doch die Neue Heimat Tirol andere Erfahrungen. Der Vergleich von Jahresabrechnungen einer Niedrigenergiehaus-Wohnanlage in Kufstein und einer Passivhaussiedlung in Innsbruck geht klar pro Passivhaus aus: Warmwasser und Heizung im Niedrigenergiehaus kosten pro Monat und Quadratmeter 0,65 Euro, im Passivhaus kommen Heizung, Warmwasser, Strom und Wartung der Lüftungsanlage auf 0,36 Euro.

Nach 81 Neubauten seit 2007, 70 davon in Passivhausqualität, will man es im Vorarlberger Landhaus nun auch wissen: Die Verbrauchswerte und Kosten zweier bauidenter Neubauten, eines Niedrigenergiestandard, eines Passivhaus, sollen über drei Jahre verglichen werden. Aus dem Ergebnis will man Schlüsse für künftige Förderungsrichtlinien ziehen. Wirtschaftslandesrat Karlheinz Rüdisser (VP) will "genau analysieren, wo Passivhäuser sinnvoll sind". Auch Bautechnikverordnungen gelte es zu hinterfragen. Rüdisser: "Wir haben in vielen Bereichen das Augenmaß verloren."

Teurer im Bau, billiger im Betrieb

Im Energieinstitut Vorarlberg, dem Thinktank des Landes, ist man über die Diskussion nicht glücklich. Dass Passivhäuser bei der Errichtung wegen des besseren Wärmeschutzes und der Wärmerückgewinnung um fünf bis elf Prozent teurer sind als durchschnittliche Häuser, sei unbestritten, sagt Geschäftsführer Josef Burtscher. Über die Lebensdauer eines Hauses gerechnet, machten sich die Mehrkosten aber durch höhere Förderungen und Energieeinsparung bezahlt.

Warum im sozialen Wohnbau die Energiekosten nicht sinken, kann Burtscher nur vermuten, denn die Kalkulationen der drei gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften sind für das Energieinstitut nicht einsehbar. Ein Grund für die hohen Kosten könnte die Vorarlberger Baumentalität sein.

Doppelt gemoppelt

Man geht auf Nummer sicher und baut auch ins Passivhaus neben der notwendigen Lüftungsanlage ein zusätzliches Heizsystem. Die Doppelausstattung wird nicht bestritten. "Keine Frage: Wir haben in allen Passivhausanlagen eine konventionelle Zentralheizung installiert", wird Hans-Peter Lorenz, Geschäftsführer der größten Gemeinnützigen, der Vogewosi, von der Wirtschaftspresseagentur zitiert. 18 Grad, wie sie die Passivtechnik liefere, seien zu kalt, sagt Lorenz.

"Wenn man 22 Grad Raumtemperatur will und eine Fußbodenheizung im Badezimmer, wirkt sich das natürlich auf die Kosten aus", stellt Burtscher die Ansprüche von Vermietern und Mietern infrage. Die energetische Gebäudequalität nun zur einzigen Stellschraube für leistbares Wohnen zu machen sei nicht nur ein Rückschritt, sondern auch ein Angriff auf die Energiesicherheit in der Zukunft.

Frage der Energiezukunft

Die Diskussion kommt der Politik denkbar ungelegen, ist doch das Energiesparen beim Heizen Teil der Energiezukunft Vorarlbergs. Die Vision heißt Energieautonomie bis 2050. Dazu wurden vom Landtag 101 "enkeltaugliche Maßnahmen", die bis 2020 umgesetzt werden sollen, abgesegnet. Eines der Ziele ist die Reduktion des Energieverbrauchs für Raumwärme um durchschnittlich 20 Prozent in den nächsten acht Jahren.

Angesichts des Energieberichts 2012, der gering sinkenden Gesamtenergieverbrauch ausweist, räumt Umweltlandesrat Erich Schwärzler (VP) ein: "Die grundsätzliche Richtung stimmt, aber um die selbstgesteckten Ziele für 2020 zu erreichen, sind noch große Anstrengungen nötig."  (Jutta Berger, DER STANDARD, 24.1.2013)

  • Vorarlberg war bei Passivhäusern (hier eine Siedlung in Lauterach) 
Trendsetter. Sozialbauten müssen die höchste Ökostufe erfüllen. Das 
mache Wohnen zu teuer, sagen Kritiker.
    foto: hefel wohnbau ag

    Vorarlberg war bei Passivhäusern (hier eine Siedlung in Lauterach) Trendsetter. Sozialbauten müssen die höchste Ökostufe erfüllen. Das mache Wohnen zu teuer, sagen Kritiker.

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