Wolfgang Schlag: "Projekte beeinflussten Politik"

23. Jänner 2013, 18:17
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Der Leiter der Volkstheater-Dependance Hundsturm über seine "niederschwellige" Bühne - in Stichworten

Niederschwellig - Da denke ich zuerst an Institutionen, die so hochschwellig sind, dass man die Tür kaum aufbringt. Wir haben genau das Gegenteil vor, wir wollen ein offenes Haus für alle Bevölkerungsgruppen sein, das heißt, wir richten uns an eine Öffentlichkeit, die bereits unmittelbar vor der Haustüre beginnt, mit unterschiedlichsten Communitys und Lebenssituationen.

Margareten - ist ein sehr heterogener Bezirk, der spannenden Communitys eine Heimat bietet und dabei gleichzeitig einen weiten Bogen vom bürgerlichen bis zum Arbeiterbezirk spannt und schon in der Vergangenheit politisch sehr gut betreut war. Bei der Gemeinderatswahl war zu sehen, dass der FPÖ-Anteil nicht gewachsen war. Das hat auch damit zu tun, dass die hier lebenden Bürgerinnen und Bürger in ihren Anliegen ernst genommen werden.

Postmigrantisch - Das ist ein Begriff, den ich gern vermeide, denn kein Mensch, der zugewandert ist, möchte als Migrant bezeichnet werden, und schon gar nicht als Postmigrant. Das ist ein Begriff aus der amerikanischen Soziologie, der zu Unrecht auf europäische Kulturverhältnisse übertragen worden ist. Er kursiert nur im Theater, im Kontext der bildenden Kunst würde man sich damit ziemlich lächerlich machen.

350.000 Euro - sind in Zeiten wie diesen ein tolles Budget, das zur Gänze das Volkstheater freimacht, ein Haus, das es in der Förderpolitik der Stadt nicht ganz leicht hat. Ich bin mit diesem Budget sehr zufrieden und weiß, dass man damit durchaus viel machen kann.

Into The City - wird Kooperationspartner des Hundsturms sein. Die Zusammenarbeit mit der Festwochen-Schiene wird Synergien schaffen. Das zeigen wir bereits heuer bei einem Kooperationsprojekt, der Oper Die Ballade von El Muerto, die im Musikprogramm der Wiener Festwochen läuft und hier im Hundsturm erarbeitet und uraufgeführt wird.

Nebenspielstätte - Da sage ich selbstbewusst: Es gibt jetzt zwei Hauptspielstätten, das große Haus und den Hundsturm. Wir vermitteln das auch mit dem neuen Logo, das stolz neben dem Stern des Volkstheaters steht. Wir sind eine eigene Spielstätte, die die Verbindung zum Haupthaus sucht, auf sehr eigenwillige Art. Das Interesse von Michael Schottenberg an diesem Standort ist sehr, sehr groß, ebenso der Freiraum, den wir von ihm bekommen haben.

SPÖ und Grüne - haben im Regierungsübereinkommen beim Thema Kultur einen Punkt formuliert, der eins zu eins das beschreibt, was wir hier machen. Als Beispiele für dezentrale und niederschwellige Kulturarbeit sind da "Into the City" und die "Street Academy" genannt. Das dritte ist die Brunnenpassage. Insofern sehen wir uns ganz im Interesse der Stadtpolitik, aber das ist für unsere Arbeit nicht vordergründig. Es ist eher umgekehrt, dass solche Projekte der letzten zehn Jahre die Politik beeinflusst haben.

Workshops - mit Jugendlichen sind mir eine Herzensangelegenheit, weil ich das mit der "Street Academy" schon länger gemacht habe und auf diesem Weg schon viele junge Leute erreicht habe. Jugendliche haben ein ungeheures kreatives Potenzial. Das wollen wir nicht nur mit Workshops unterstützen, sondern dabei auch einen Anschluss ans Volkstheater ermöglichen.

Muchogusto - ist eine wunderbare ironische Trash-Oper von Lukas Kranzelbinder (uraufgeführt wurde sie beim Carinthischen Sommer 2012; ab Mai ist sie im Hundsturm zu sehen, Anm.). Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie wir junge Künstlerinnen und Künstler fördern möchten - und da spreche ich von einer Generation von um die Zwanzigjährigen.

Im weissen Rössl - (lacht) ist bei der Volkstheaterpremiere von der Kritik nicht gerade mit Lorbeeren bedacht worden. Es ist keine leichte Aufgabe, einen tausend Plätze fassenden Zuschauerraum zu füllen. Umso mehr bewundere ich Direktor Schottenberg dafür, zusätzlich den Freiraum im Hundsturm zu schaffen. Denn es geht hier darum, für kommende Theaterarbeiten auch am Burgtheater mitzudenken, junge Impulse zu bringen. Das Volkstheater geht hier einen Schritt, um den es andere Häuser bald beneiden werden. Man kann nicht ewig so tun, als würde der deutsche Bildungskanon für eine ganze Großstadt gelten. Das deutschsprachige Theater arbeitet da zu einem Gutteil an der gesellschaftlichen Realität vorbei.

(Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 24.1.2013)

 

Zusammen hündisch werden
"Neue Bewirtschaftung!" zum Hundsturm-Auftakt

Wien - Seit 1991 nützt das Volkstheater den Hundsturm in der Margaretenstraße 166 als Proberaum und Nebenspielstätte. Unter der neuen Leitung von Wolfgang Schlag und einer neuen Ausrichtung als niederschwelliger Ort mit interdisziplinären Projekten startet das Haus heute mit einem viertägigen Eröffnungsprogramm. Dafür wurde die Kellerbühne mit Balkon (270 Plätze), einst Kinosaal des Eisenbahnerwohnheims, herausgeputzt.

Der Hundsturm leitet sich namentlich vom sogenannten Rüdenhaus ab, das Kaiser Matthias anno 1600 für seine Jagdhunde errichten ließ. Der Bau wurde später auch Namensgeber für die Vorstadt rund um das kaiserliche Jagdhaus.

Jörg Lukas Matthaei, der seine im Stadtraum ausgedehnten Projekte schon mehrmals bei den Wiener Festwochen umsetzen konnte, verantwortet den ersten Eröffnungsabend mit dem Titel Neue Bewirtschaftung!. Dabei wird der Raum an sich zum eigentlichen Akteur. "Der Abend entfaltet sich nach und nach", sagt Matthaei. Als Reverenz an den Ort sollen die Menschen hündische Attribute annehmen. Hundeohren werden bereitgestellt. Es folgt am Freitag Der Hundsturm zu Babel, eine Hommage an Raoul Hausmann, der in Margareten geboren wurde, am Samstag ein Parcours und am Sonntag die Lecture-Performance Biotop Hundsturm. (afze, DER STANDARD, 24.1.2013)

 

  • "Wir möchten eine Lücke füllen, indem wir diesen Raum Künstlern anbieten. Da gibt es in Wien ein Defizit." - Wolfgang Schlag, 1958 in Waidhofen/Ybbs geboren, ist Musikjournalist (ORF), 
Festivalkurator und Experte für soziokulturelle Projekte (etwa bei "Into the 
City" der Wiener Festwochen oder der "Street Academy"). Seit Jänner 2013 leitet 
er den Hundsturm.
 
 
    foto: standard / a. urban

    "Wir möchten eine Lücke füllen, indem wir diesen Raum Künstlern anbieten. Da gibt es in Wien ein Defizit." - Wolfgang Schlag, 1958 in Waidhofen/Ybbs geboren, ist Musikjournalist (ORF), Festivalkurator und Experte für soziokulturelle Projekte (etwa bei "Into the City" der Wiener Festwochen oder der "Street Academy"). Seit Jänner 2013 leitet er den Hundsturm.

     

     

  • Gestaltet die Eröffnung: Lukas Matthaei.
    foto: standard / a. urban

    Gestaltet die Eröffnung: Lukas Matthaei.

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