Engel des Anfangs und des Endes

23. Jänner 2013, 18:39
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Die Innsbrucker Galerie Thoman zeigt Bronzen und Terrakotten von Siegfried Anzinger

Innsbruck - Ein unheimlicher Wächter steht im Innenhof der Galerie Thoman. Die überlebensgroße Figur aus Bronze stellt Prometheus dar. Aber dort, wo man normalerweise den Kopf des Kulturstifters der Menschheit vermuten würde, befindet sich ein kraterartiges schwarzes Loch - mit angedeuteten Hörnern, die in Richtung Ausstellung weisen.

Siegfried Anzinger (geb. 1953 in Weyer) ist als "Junger Wilder" der 1980er-Jahre für seine malerischen Kompositionen erotischer Natur bekannt. Bereits zum neunten Mal widmet ihm die Galerie Thoman eine Einzelausstellung: Im Frühjahr präsentierte man in der Wiener Dependance grafische Arbeiten; in Innsbruck sind es nun Skulpturen des in Köln lebenden Oberösterreichers.

Als Widerpart zum Prometheus im Hof steht im Foyer eine bronzene Laokoon-Gruppe. Deren Verspieltheit - ein Esel schmiegt sich mit kindlichem Ausdruck an die Figur - findet man in Terrakottafiguren wieder: Drei "Kids" stehen salopp auf einem Podest und scheinen die Hip-Hop-Truppe zu geben; auch ein kleiner Entenmann mit Riesennase und Elefanten finden sich unter den tönernen Plastiken. Statischer wirken die umgebenden Bronzen: Madonnen, Buddhas in antiker Herrscherpose oder ein auf einer Kassette liegender Mönch.

Sinnlich und humoristisch sind Anzingers Arbeiten, die konsequent an seine Grafiken anknüpfen: Bereits in der Serie Priapus (1981) beobachtet ein zusammengekauerter Affe mit Totenkopfgesicht ein erotisches Bild. Schon auf diesen Blättern haben alle Figuren dort, wo eigentlich Augäpfel sitzen würden, tiefe schwarze Löcher - genauso wie die skizzenhaft belassenen Putti in der aktuellen Ausstellung.

Diese Engel belagern Podeste, lassen ihre Beinstümpfe über Kanten hängen oder kauern auch nur in ihren unfertigen Torsi. Vor allem aber verfolgen sie jeden Schritt des Publikums aus dunklen Augenhöhlen. Obendrein täuscht ihre weißlich-graue Oberfläche Verwitterung vor.

So ist in den kindlichen Putti zugleich auch das Morbide enthalten. Als ob Anzinger sie soeben zum Leben erweckt hätte, sie ihm aber sofort wieder unter den Händen erstarrt wären.   (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 24.1.2013) 

  • "Engel" von Siegfried Anzinger (2007).
    foto: galerie thoman / lothar schnepf

    "Engel" von Siegfried Anzinger (2007).

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