Ein Schiff wird kommen

Glosse24. Jänner 2013, 09:00
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Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens

Im Jahr 1992 arbeite ich im Koordinationsbüro für Flüchtlingshilfe der ÖH Uni Wien. Mein Pouvoir ist die Arbeit mit Kindern aus dem soeben explodierten Jugoslawien, die im Amtsdeutsch keine Kinder mehr sind, sondern Flüchtlinge nach der Genfer Konvention, was der einzige Unterschied zwischen ihnen und Kindern ist, die das Glück haben, Krieg nur als Abstraktum zu kennen.

Guten Tag, mein Name ist Winkler

Als der kleine, etwas schrullig wirkende Mann seine Baskenmütze absetzt, den Schal ablegt und einige Zettel aus seiner zerbeulten Schultasche zieht, ist das der Beginn eines Projekts, an dessen Anfang drei Schiffe, achtzehn Flüchtlingskinder und eine Odyssee zwischen Paragrafen und Engstirnigkeit stehen.

Christian Winkler, der kleine Mann mit der Baskenmütze, ist einer von der leisen und beharrlichen Art. Trotz einer Herzerkrankung, die ihn potenziell jederzeit tot umfallen lassen kann, denkt er an andere. In diesem Fall sind es die Kinder, die Vertreibung und Mord bis nach Österreich gespült haben. Diesen will er eine Pause vom Vertriebensein gönnen und eine Pause vom Hass, der sie vertrieben hat. Er hat drei Schiffe von Unterstützern zur Verfügung gestellt bekommen und will Kinder aller drei in den jugoslawischen Krieg verwickelten Ethnien eine Woche lang zusammen in der Adria segeln lassen. Mein Job ist es, die Eltern der Kinder und die Behörden dreier Länder zu überzeugen, dass das eine gute Idee ist.

Zyklopen und Tröpferlbäder

Schon vor Christians Auftritt arbeite ich mit den Kindern vom brennenden Balkan. Ich verschaffe ihnen eine Art Freizeitangebot aus dem Nichts. Dazu starte ich eine Betteltour mittels Telefon und Fax, um kostenlose Kinokarten, Zugang zu Turnsälen, Bädern und allem, was den Kids Ablenkung und Spaß bedeuten kann, zu ergattern.

Oft klappt das ganz gut, doch manchmal staune ich über die einäugige Seelenkälte, der ich dabei begegne. Als ich versuche, ein Kontingent von wöchentlich zehn bis zwanzig Eintrittskarten für die Städtischen Bäder zu erbetteln, erbleiche ich beim Lesen der Antwort. Vor Zorn. Ein höherer Beamter sieht sich darin außerstande, der Bitte zu entsprechen, zumindest was die Hallenbäder betrifft. Er sei aber bereit, den Kindern kostenlosen Zutritt zu jedem Wiener Tröpferlbad zu gestatten. Als meine Zornesblässe vergeht, antworte ich dem Zyklopen höflich, dass die Kinder sich in den Flüchtlingslagern durchaus genug waschen, aber unter der Dusche keine Kindheit ausleben können. Doch der Zyklop ist auch taub.

Papierschifferl

Damit die Friedensflotte, wie wir stolz und etwas übertrieben unsere drei Schiffe nennen, überhaupt ablegen kann, ist jede Menge Papierkram notwendig. Und jede Menge Geduld sowie ein entwickelter Sinn für Absurditäten und ein Kompass, um sie zu umschiffen. Die Botschaft Sloweniens ist pragmatisch, stellt uns eine Art Transitvisa aus, und alles dauert nur zehn Minuten. Die meisten Probleme bereiten die kroatischen Behörden. Wir kreuzen lange zwischen Zusicherungen, Absagen und Dokumentenanforderungen der Skylla der kroatischen Botschaft in Wien und der Charybdis des Außenministeriums in Zagreb.

Die Kommunikation zwischen Botschaft, Ministerium und uns ist mit Kafka gepflastert. So sehr, dass ich auf meinen Behördenwegen, in den Wartezimmern und zwischen Terminen wieder beginne, "Das Schloss" zu lesen. Doch bevor ich es noch zu Ende lesen kann, taucht eine gute Kirke auf, die eine Beamtin in der Botschaft ist und uns den Kafka geradebiegt. Bald haben wir alle notwendigen Genehmigungen, Passierschreiben und Bescheinigungen. Bis auf eine.

Und raus bist du!

Was ein "sicheres Drittland" ist, weiß ich nur aus der Flüchtlingsdebatte. Das Unwort holt mich jedoch auf der letzten Meile des Papiermarathons ein und droht die Friedensflotte vor dem Ablegen zu versenken. Sobald unsere achtzehn Kinder die slowenische Grenze passieren, sind sie in einem sicheren Drittland und verlieren in Österreich den Status als Genfer Konventionsflüchtlinge. Eine Sondergenehmigung ist vonnöten.

Diese Sondergenehmigung hat jedoch die Tücke, dass sie aus dem behördlichen Zauberland des "Ermessensspielraumes" zu kommen hat, wofür es kein Formular gibt. Dieser seltene Fall, der einem Beamten des Innenministeriums Willensfreiheit gewährt und Fantasie fordert, was normalerweise von ihm ferngehalten wird, ist ihm doch Kick genug, tatsächlich ein formloses Schreiben aufzusetzen. Mit Stempeln geadelt wird dieses Stück Papier zu unserer Schindler'schen Liste.

Tränen im Meer

Als wir von einem kleinen Hafen nahe Zadar ablegen, ist das kroatische Fernsehen da und macht Interviews. Auch mit mir. Aber im Beitrag bekomme ich ein Overvoice, weil ich in breitestem Belgrader Akzent erkläre, was wir hier machen. Einer der Skipper ist der erst 18-jährige Kristijan, der kurz zuvor beim Munitionstransport mit seinem Moped von Granatensplittern verwundet wird.

Ich bin darauf vorbereitet, mit wenig Schlaf auszukommen und aus Dosen zu essen, rechne aber nicht damit, dass ein Achtjähriger in Tränen ausbricht und zwei Stunden nicht mehr aufhört. Auch Kinder bekommen das posttraumatische Syndrom. Dieses Kind sieht mich an wie seinen Vater, der Polizist ist, aber die falsche ethnische Blutgruppe hat, von seinen Kollegen verhaftet und dabei brutal misshandelt wird. Nun, mitten auf der Adria unter blauem Himmel, holt den Buben dieses Bild ein und lässt ihn bis zum Abend nicht mehr los. Dann, im Hafen, während das Boot vertäut schaukelt, schläft er ein.

Ein Epilog und ein Epitaph

Die Friedensflotte gibt es immer noch. Sie zählt jedes Jahr etwa 100 Schiffe und ist längst eine erfolgreiche NGO, die anderen Vereinen zur Selbsttragefähigkeit verhilft. Der Erfolg kostet jedoch viel an Seele, und für mich ist der Charme und Aktionismus lange verloren gegangen. Vielleicht auch für Christian Winkler. Als "Commodore der Friedensflotte" zieht er sich aus dem Verein zurück.

Kurze Zeit später wird sein 16-jähriger Sohn in der Adria beim Schnorcheln von einem rasenden Motorboot getötet. Seinem 14-jährigen Sohn reißt das Boot den Unterschenkel ab. Christian Winkler betreibt dieser Tage die Organisation einer Weltfriedensflotte. Das Büro vermietet ihm günstig der lokale Pfarrer. Es ist eine beheizte Mönchszelle. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 24.1.2013)

  • Die Friedensflotte gibt es immer noch. Sie zählt jedes Jahr etwa 100 Schiffe. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2010.
    foto: apa

    Die Friedensflotte gibt es immer noch. Sie zählt jedes Jahr etwa 100 Schiffe. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2010.

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