Anorexie: "Verbindungsfehler" im Gehirn

23. Jänner 2013, 12:34
  • Wenn Menschen Körperbilder betrachten, landen die visuellen Informationen zunächst im mittleren Okzipitallappen (mOC). Die "Fusiform Body Area" (FBA) und die "Extrastriate Body Area" (EBA) verarbeiten die Bilder anschließend weiter. Bei magersüchtigen Frauen ist die Verbindung vom Areal mOC zur FBA unbeeinträchtigt (schwarzer Pfeil). FBA und EBA arbeiten in der linken Hirnhälfte jedoch nicht normal zusammen (roter Pfeil).
    foto: boris suchan

    Wenn Menschen Körperbilder betrachten, landen die visuellen Informationen zunächst im mittleren Okzipitallappen (mOC). Die "Fusiform Body Area" (FBA) und die "Extrastriate Body Area" (EBA) verarbeiten die Bilder anschließend weiter. Bei magersüchtigen Frauen ist die Verbindung vom Areal mOC zur FBA unbeeinträchtigt (schwarzer Pfeil). FBA und EBA arbeiten in der linken Hirnhälfte jedoch nicht normal zusammen (roter Pfeil).

Forscher finden gestörte Konnektivität im Hirnnetzwerk für Körperwahrnehmung: Je schwächer die Verbindung, desto stärker die Fehleinschätzung des Gewichts

Bochum - Wenn Menschen Bilder von Körpern ansehen, sind eine ganze Reihe von Hirnregionen aktiv. Dieses Netzwerk im Gehirn ist bei Frauen mit Magersucht (Anorexia Nervosa) verändert, berichten Wissenschaftler von der Ruhr-Universität in Bochum. In einer Kernspin-Studie waren zwei Regionen, die für die Verarbeitung von Körperbildern wichtig sind, bei magersüchtigen Frauen schwächer funktionell verbunden als bei gesunden Frauen.

Je stärker dieser "Verbindungsfehler" war, desto dicker fanden sich die Befragten. "Diese Auffälligkeiten im Gehirn könnten erklären, warum Frauen mit Magersucht sich selbst als dick wahrnehmen, obwohl sie objektiv untergewichtig sind", sagt Boris Suchan vom Institut für Kognitive Neurowissenschaft der Ruhr-Universität. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden nun in der Zeitschrift "Behavioural Brain Research" veröffentlicht.

Falsche Körperwahrnehmung

Die Wissenschaftler testeten zehn magersüchtige und 15 gesunde Frauen ähnlichen Alters. Zunächst gaben alle Frauen am Computer an, welche von mehreren unterschiedlich schlanken Silhouetten ihrer eigenen Körperform am ehesten entspricht. Zehn Kontrollpersonen, die nicht an der Kernspinuntersuchung teilnahmen, beantworteten die gleiche Frage, indem sie ein Foto der Probandin der passenden Silhouette zuordneten.

Sowohl Gesunde als auch Magersüchtige schätzten ihre Körperform anders ein als Außenstehende: Gesunde Probandinnen bewerteten sich selbst als dünner als die Kontrollpersonen. Magersüchtige Frauen hingegen nahmen sich selbst dicker wahr als die Kontrollgruppe.

Im Kernspintomografen zeichneten die Forscher dann die Hirnaktivität der 25 Teilnehmerinnen auf, während diese Fotos von Körpern betrachteten. Sie analysierten vor allem die Aktivität in der "Fusiform Body Area" (FBA) und der "Extrastriate Body Area" (EBA). Frühere Studien zeigten bereits, dass diese Hirnregionen für die Wahrnehmung von Körpern entscheidend sind.

Zu diesem Zweck berechneten die Bochumer Neurowissenschaftler die sogenannte effektive Konnektivität zwischen der FBA und EBA in beiden Hirnhälften. Sie ist ein Maß dafür, wie stark die Aktivität in mehreren Hirnarealen zeitlich korreliert ist, wobei eine hohe Korrelation auf eine starke funktionelle Verbindung schließen lässt.

Gehirn von Magersüchtigen strukturell und funktionell verändert

Die Verbindung zwischen FBA und EBA war bei magersüchtigen Frauen schwächer als bei gesunden Frauen. Außerdem fanden die Forscher eine negative Korrelation zwischen der EBA-FBA-Verbindung in der linken Hirnhälfte und der Fehleinschätzung des Körpergewichts. - Je schwächer die effektive Konnektivität zwischen EBA und FBA war, desto dicker schätzten sich die Probandinnen mit Magersucht fälschlicherweise ein.

"In einer früheren Studie haben wir festgestellt, dass es strukturelle Veränderungen im Gehirn von Patientinnen mit Anorexie gibt", sagt Boris Suchan. Sie haben eine geringere Dichte an Nervenzellen in der EBA. "Die neuen Daten zeigen, dass das Netzwerk für die Körperverarbeitung auch funktionell verändert ist", so der Mediziner.

Die EBA, die bei Magersüchtigen eine geringere Zelldichte aufweist, ist auch das Areal, das in der Verbindungsanalyse auffiel: Es bekommt einen verminderten Input von der FBA. "Diese Veränderungen könnten einen Mechanismus für die Entstehung der Magersucht darstellen", lautet das Resümee von Boris Suchan. (red, derStandard.at, 23.1.2013)

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12 Postings

Betroffene können aufatmen! ?

mehr als nur einen grund

die Studie leugnet ja nicht den gesellschaftlichen Druck, dem wir ausgesetzt sind. Sondern schaut sich an, was es auf körperlicher Ebene für Unterschiede gibt, fokusiert auf diesen einen Faktor. Es ist wohl werder ein rein gesellschaftliches Phänomen noch ein rein körperliches, warum reagiert die eine mit Bulemie oder Magersucht und die andere nicht? es ist doch spannend, wenn es weitere Faktoren gefunden werden, die helfen zu verstehen, warum jemand magersüchtig wird.

Die führen diese Untersuchung natürlich erst NACH der Diagnose durch.

D.h. wenn Modespinnereien und "Peer Pressure" dieses falsche Körpergefühl begünstigt und herbeigeführt haben, dann soll quasi jetzt das Symptom der betroffenen Person das Gefühl vermitteln, sie hätte eben eine entsprechende Disposition. "Selber schuld" - wie andere schon völlig richtig kommentiert haben.

Sorry, aber nichts treibt Frauen (aber auch viele Männer) mehr in die Bulimie und Aneroxie als das aktuelle Schönheitsideal der krankhaft Magersüchtigen.

Ganz zu schweigen davon, dass das Rauchen immer noch als "bestes" Mittel angesehen wird, um "schlank" zu bleiben.

zweifellos

Leider paßt diese Erklärung besser ins biologistische Weltbild. Es ist ja ein wissenschaftlicher Ansatz, der viel Wert darauf legt, als einzig legitimer erachtet zu werden. Zudem wird er von der Pharmaindustrie finanziell gut unterspült. Für Modespinnereien und Peer Pressure usw. kann man keine Pille verkaufen. Für physiologische Prozesse schon.
Es ist mit den meisten Psychopharmaka so. Der neue DSM spiegelt dies schön wieder: drei viertel seiner Erzeuger sind mit Pharmakonzernen verbandelt und sorgte für eine neue psychopharmakaaffinere Version. Der Grundton: in einer psychosozial heilen Welt beobachtet man bei Menschen psychische Störungen, die in physiologischen Fehlprozessen wurzeln und pharmakologisch korrigiert werden können.

es bleibt natürlich die frage wodurch die struktur des gehirns sich ändert bzw. ob und in welchem masse sie es überhaupt tut. also ob wir es z.b. mit einem gendefekt, einer infektion oder einer stoffwechsel- oder immunstörung zu tun haben oder mit einem abbild der "hirnnutzung" im gehirn. aber interessant ist der zusammenhang jedenfalls.

diese Untersuchung würde mal wieder bedeuten, dass die Personen, Frauen,

"SELBER SCHULD" sind an ihrem Leiden...
Mit der Gesellschaft, mit Rollensterotypen, mit Hänseln und Diskriminieren... hätte dann die Magersucht absolut nichts zu tun. Fein heraußen, die Gesellschaft, die Frauen zurechtstutzt, nach wie vor.
Die Dicken haben woll auch eine gestörte Connectivity im Hirn. Auch selber schuld am Leiden, das vielfach gar keines ist.
Zurichtung würde ich so eine Art von Forschung und Wissenschaft nennen.

Naja, es ist ja nicht erwiesen, ob die Magersucht die Ursache oder eine Auswirkung der spezifisch veränderten Struktur ist.
Und selbst, wenn eine geringere Synapsendichte zwischen diesen beiden Arealen die Entstehung von Magersucht fördert, muss es immer noch nicht sein, dass jeder Mensch, bei dem diese vorliegt auch jene entwickelt.
So, wie gewisse Genmutationen, die bei Menschen mit manchen Leiden gehäuft vorzufinden sind, diese auch nicht immer "im Alleingang" hervorrufen, sondern nur mit einer erhöhten Empfindlichkeit zur Entwicklung der korrespondierenden Erkrankung einhergehen.

warn die kontrollpersonen männer oder frauen?

Ich glaube eher die Werbung "gaukelt" uns ein falsches Bild unsers Körpers vor.
Wer dann vergleicht sieht den unterschied.

Widerspruch

Das widerspricht der Kernaussage des zum Thema angeführten Artikels ("Magersüchtige bewerten die Figur anderer realistisch"). Ich glaube, da muss mal noch eine Studie gemacht werden.

ja. genau so herum wirds sein.

und ich werd mir jetzt einen kaffe machen, der den verbindungsfehler in meinem gehirn wieder ausgleicht, der sich völlig aus dem nichts irgendwann in den frühen morgenstunden des heutigen tages gebildet haben muss.

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