Brieftauben auf dem Schuldach

23. Jänner 2013, 10:41
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Krankheitsüberträger, dreckig und unhygienisch: Dieses Bild haben viele Menschen von Tauben. Mit einer Aufzucht von Brieftauben will das Reithmanngymnasium in Innsbruck dieses negative Image verbessern

Innsbruck - Begonnen hat alles im Winter 2010, als uns die benachbarte HTL Bau und Design in Innsbruck einen Taubenschlag auf unserem Schuldach errichtet hat. Als wir dann vor einem Jahr zum Wahlmodul "Turtelträume" dazustießen, ahnten wir noch nicht, dass sich daraus eine Leidenschaft für Brieftauben entwickeln würde. Längst sind die Tauben zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden.

Dreimal pro Woche besuchen wir unsere Schützlinge und erledigen die anstehenden Arbeiten. Wir beginnen damit, die Tauben ihre Flugfertigkeiten unter freiem Himmel üben zu lassen. Nachdem sie einige Runden über dem Gelände gekreist sind, lassen sie sich auf dem Schuldach nieder und beobachten uns, wie wir die Brutboxen mit neuem Stroh auffüllen, den Schlag von Dreck befreien und mit frischem Wasser und einer speziellen Körnermischung versorgen.

Jüngst hat unsere zehnköpfige Taubenfamilie Nachwuchs bekommen, daher ist auch die Pflege nun aufwändiger: Wir müssen die zwei Taubenjungen regelmäßig aus ihrem Nest herausnehmen, um sie auf Krankheiten und Verletzungen zu untersuchen.

Sobald die Jungen ein Federkleid bekommen, zeigen wir ihnen die Umgebung, damit sie ihr Zuhause auch von außen kennenlernen. Das selbstständige Heimkehren und der Anflug auf den Taubenschlag muss sorgfältig geübt werden.

Sind wir der Meinung, dass die Tauben genug Ausdauer für längere Flüge haben, werden sie zu echten Brieftauben und transportieren die unterschiedlichsten Botschaften. Ihre Aufträge reichen von Hochzeiten über Tauffeiern bis hin zu Kindergeburtstagen. Während Kinder vor allem das weiche Federkleid der Tauben streicheln wollen, sind Erwachsene an den Tauben als Informationsträger interessiert. Auf Wunsch schmücken wir die Tauben und erzählen von unserer Arbeit. So bessern wir auch unser Taschengeld ein wenig auf.

Eine besondere Herausforderung bei der Brut war die Taube Lucky: Da sein Geschwisterchen verhungert ist, wollten ihn seine Taubeneltern nicht mehr aufziehen. Tauben legen stets zwei Eier, und wenn ein Nesthocker nicht überlebt, dann "rentiert" sich für sie die Aufzucht des Verbliebenen nicht, denn mehrere Wochen lang ans Nest gebunden zu sein bedeutet auch ein erhöhtes Risiko, Beute von Habichten zu werden.

Brieftaube entwischt

Natürlich konnten wir nicht zusehen, wie ein Taubenbaby stirbt. Daher nahmen wir Lucky kurzerhand mit nach Hause. Zwei Wochen lang wurde er von Hand aufgezogen. Als er alt genug war, um sich selbst zu ernähren, brachten wir ihn zurück zu seiner Familie. Durch unsere fürsorgliche Pflege nahm er allerdings uns als seine leiblichen Eltern wahr. Da er lieber bei uns verweilte, statt das Flugverhalten seiner Artgenossen zu studieren, war ihm unklar, wie er seine Flügel einsetzten sollte. So dauerte es bei Lucky länger, bis er richtig fliegen konnte.

Es gab auch Tiefschläge bei unserer Taubenzucht: Einmal wurde bei einem Einbruch unser Taubenschlag so stark verwüstet, dass wir eine Anzeige bei der Polizei aufgeben mussten.

Zudem hatten wir den schmerzlichen Verlust zweiter Tauben zu beklagen: Durch kurze Unachtsamkeit konnte eine Taube entwischen, die wir in Salzburg gekauft hatten. Da Brieftauben immer zu ihrem Geburtsort zurückfliegen - selbst wenn dieser über hundert Kilometer entfernt ist -, haben wir die Taube nie wieder gesehen. Auch die zurückgebliebene Taube wurde von uns am nächsten Morgen tot aufgefunden. Anscheinend konnte sie den Verlust nicht verkraften. Tauben haben in ihren Leben nur einen Partner.

Anfang Dezember brach ein Habicht in den Vogelkäfig ein und tötete dort eine Taube. Derselbe Habicht lag nur zehn Tage später tot neben unserem Taubenschlag. Der Autopsie nach, die von Schülern unter professioneller Anleitung der naturwissenschaftlichen Sammlung Tirols durchgeführt wurde, prallte der Habicht beim Sturzflug auf eine Brieftaube an einem benachbarten Glasdach auf. Der Habicht wird nun in die naturwissenschaftliche Sammlung Tirols aufgenommen, da es sich um einen nordostsibirischen Habicht handelt, der in Tirol noch nie gesichtet wurde. (Julia Falkner, Stephanie Stix, Sabrina Trojer, DER STANDARD, 23.1.2013)

  • Wenn man Brieftauben in die Freiheit entlässt, werden sie immer zu ihrem Geburtsort zurückfliegen, auch wenn dieser hunderte Kilometer entfernt ist.
    foto: reithmanngymnasium innsbruck

    Wenn man Brieftauben in die Freiheit entlässt, werden sie immer zu ihrem Geburtsort zurückfliegen, auch wenn dieser hunderte Kilometer entfernt ist.

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