"Computer haben keine Interessen"

23. Jänner 2013, 10:16
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Die Analyse der wachsenden Datenflut ist für IBM-Zukunftsforscher Moshe Rappoport wie Autofahren

 Unendlich viele Daten, aus denen man hilfreiche Informationen gewinnen kann, die neue Sichten auf die Probleme der Welt eröffnen - von solchen Sachen habe er 1969 geträumt, als er als junger Informatiker angefangen habe zu arbeiten, erzählt Moshe Rappoport. Ein Traum, den der IBM-Zukunftsforscher heute realisiert sieht durch das, was seit wenigen Jahren unter dem Begriff Big Data zusammengefasst wird.

Auswertung der Datenflut

Die Auswertung der Datenflut, angeschwollen durch Sensoren im Produktionsablauf, zunehmende Kommunikation über Social-Media-Kanäle oder Nutzung mobiler Geräte berge ein ungeheures Potenzial, das es zu heben gelte - um vieles auf dieser Welt zu verbessern, sagt der Gastredner bei den von der Österreichischen Computergesellschaft (OCG) am Dienstag veranstalteten "IKT-Trends 2020" zum STANDARD.

Ein wichtiges Anwendungsgebiet sieht der Forscher im medizinischen Bereich, wo die Analyse bis dato unüberschaubarer Datenmengen, die Behandlung kranker Menschen beschleunigen und auch Kosten sparen helfen könne. "Zum Beispiel gibt es jährlich allein 64.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema Diabetes. Der beste Doktor kann da nicht mithalten", führt Rappoport aus. Supercomputer wie der von IBM entwickelte "Watson" seien von Anfang an so angelegt gewesen, dass sie mit Informationen von verschiedenen Quellen umgehen, diese evaluieren und mit wissenschaftlichen Erklärungen untermauerte Vorschläge machen könnten. Anhand der Resultate könne der Arzt im Gespräch mit dem Patienten Behandlungsmöglichkeiten abwägen.

Lösungen

Dass bei vielen Menschen die Angst vorm gläsernen Kunden wächst, weil zum Beispiel an der Supermarktkassa ihre mit der Kundenkarte verknüpften Einkäufe erfasst und ausgewertet werden, hält Rappoport für eine Art "gesunde Paranoia" neuen Technologien gegenüber. Doch Technik sei prinzipiell neutral - "aber natürlich müssen wir darauf aufpassen, wie sie eingesetzt wird." Das sei wie das Autofahren. Auch hier werde schließlich auf den vernünftigen und richtigen Einsatz geachtet.

So viel Informationstechnologien uns heute auch helfen mögen, das Leben effizienter zu gestalten oder Menschen über das Internet zusammenzubringen - unsere Abhängigkeit von den digitalen Strukturen wächst, privat wie unternehmerisch. Das will der US-Bürger, der seit 23 Jahren im IBM-Lab in Rüschlikon arbeitet, gar nicht leugnen. Doch Zukunftsforscher kann offenbar nur sein, wer fest davon überzeugt, dass es zu Problemen auch Lösungen gibt.

"Es werden auch hier immer mehr Erfahrungen gesammelt, Sicherheitskonzepte entwickelt. Viele Projekte auch in der EU beschäftigen sich damit, ein widerstandfähigeres Internet zu bauen, das nicht so leicht kollabiert und sich im Fall der Fälle schnell wieder erholt", sagt Rappoport.

"Nur wenn jemand es so programmiert"

Zurück zum Computer, der immer schlauer wird. Wird dieser uns nicht eines Tages austricksen? "Nur wenn jemand es so programmiert", lautet die Antwort des Experten. "Computer haben keine Interessen." Wie anders ist da doch der Mensch.

Was kommt als Nächstes? Der "misstrauische" Computer, der merkt, wenn man ihm ein X für ein U vormacht. Denn noch "glauben" die Rechenmaschinen einfach alles, mit was wir sie füttern. Wer das Jahr 2050 erlebt, hat Chancen, Computer mit kognitiven Fähigkeiten zu erleben. (Karin Tzschentke, Der Sandard, 23.01. 2013)

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    foto: kat
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