Steinerne Seele, frisch animiert

22. Jänner 2013, 19:53
3 Postings

Vor 101 Jahren starteten österreichischen Ausgrabungen bei den Pyramiden von Giza - Das KHM bettet in einer Sonderausstellung die damals gefundenen Exponate in ihre Grabungsgeschichte ein

Die Forscher waren erst wenige Wochen vor Ort, als zwei Freilichtaufführungen von Verdis Oper Aida bei den Pyramiden stattfanden. Der "Backstage"-Bereich grenzte an das österreichische Ausgrabungsgebiet, also ließ der Grabungsleiter seine Arbeiter entlang der Gräber aufstellen, damit die berittenen Statisten "nicht in die Arbeitsstätte hineinritten". Ein anderes Mal war es lästiger Insektenbefall im Grabungshaus, dann ein Vorarbeiter, der vor Gericht musste, weil er die Peitsche zückte. - So sahen Probleme von Archäologen anno 1912 aus.

Probleme, über die der deutsche Ägyptologe Hermann Junker, der die Grabungen der österreichischen Akademie der Wissenschaften in Giza leitete, akribisch Tagebuch führte. Jede Woche schickte er ausführliche Berichte nach Wien. Ein Großteil der Exponate der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums (KHM) stammt von diesen Grabungen im Feld westlich der Cheops-Pyramide ab dem Jahr 1912.

Gleich das erste Jahr brachte einen bemerkenswerten Fund. In einem sonst weitgehend geplünderten Grab fanden die Ägyptologen eine lebensgroße Sitzstatue. Es war jene des Prinzen Hemiunu, Neffe des Königs Cheops, Wesir und "Vorsteher aller Arbeiten des Königs". Er war es wohl, der vor über viereinhalbtausend Jahren die Cheops-Pyramide erbaute.

Die Statue des Hemiunu ist ein Star der gerade angelaufenen Sonderausstellung Im Schatten der Pyramiden im KHM. Die Skulptur landete vor 100 Jahren allerdings nicht im Wiener Hofmuseum, sondern in Hildesheim. Junker war durch einen Tausch mit deutschen Kollegen an die Grabungskonzession für Österreich in Giza gekommen. Auch der Hildesheimer Mäzen Wilhelm Pelizaeus, der schon die deutschen Giza-Grabungen finanziell unterstützt hatte, wurde mitübernommen, erklärt Kuratorin Regina Hölzl vom KHM im Standard-Gespräch. Fundstücke, die die ägyptische Antikenverwaltung nicht für sich beanspruchte, wurden per Losentscheid verteilt. Pelizaeus hatte Glück, er bekam Hemiunu.

3-D-Visualisierungen

Das Abbild des antiken Würdenträgers ist dem altägyptischen Glauben gemäß der Sitz von Ka, einer Art Seele und Quelle der Lebenskraft. Hemiunu war in einer Mastaba beerdigt worden - das arabische Wort für " Sitzbank" bezeichnete die Bauform der blockhaften Gräber für Privatleute.

Die Schau im KHM bringt die Mastaba-Gräber nicht nur anhand ihrer Artefakte näher. Vor Bildschirmen montierte Tablets lassen Besucher virtuell durch die Totenwelt navigieren. "Wir haben ein abstrahiertes, sehr typisches Grab gebaut", erklärt Iman Kulitz von der TU Wien, die mit ihrem Team die 3-D-Visualisierungen gestaltete. Bei den virtuellen Rundgängen finden sich die Gefäße, Reliefs und Statuen der Ausstellung an ihrem ursprünglichen Plätzen in der Mastaba wieder.

"Die größte Herausforderung war, die Daten zu sammeln und komprimiert zusammenzufügen", sagt Kulitz. Der digitale Rundgang ist gleichzeitig ein Streifzug durch zig wissenschaftliche Publikationen. Eine Minute Film wurde so zu einer Arbeit von einem Jahr. Die visuelle Strukturierung von Wissen will Kulitz künftig auch in der Forschung eingesetzt wissen: "Für eine Anwendung in wissenschaftlicher Umgebung würde man noch eine Datenbank dranhängen und Institutionen vernetzen", sagt Kulitz zum Standard.

"Die Erstellung des digitalen Archivs fängt heute bei der Grabung an", sagt Kulitz. Ihre Visualisierungen "stellen nichts dar, von dem wir nicht wissen, dass es hundertprozentig so war".

Den Visualisierungen liegen 3-D-Laserscans des Areals und von Flugdrohnen aufgenommen 360-Grad-Bilder zugrunde. Das Plateau von Giza wird aus den Perspektiven der Gegenwart, der Antike und der Grabungen von 1912 gezeigt. Auch Skizzenbücher, Fotos und Tagebücher sind virtuell zugänglich. Kulitz und Ferschin adaptieren Methoden der digitalen Architektur für die Archäologie. Erkenntnisse daraus kommen wiederum der Architektur zugute.

Im Alten Reich der Ägypter sollte die Architektur der Nekropolen vor allem die Ewigkeit spiegeln. "Stein wird zum Kulturgenerator des 3000 Jahre währenden Pharaonenreiches und zum exklusiven Markenzeichen für Ewigkeit", schreibt Ko-Kurator Peter Jánosi von der Uni Wien. Grabbeigaben sind kunstvoller gearbeitet als die Dinge des täglichen Lebens im alten Ägypten. "Man muss sich bewusst sein, dass die Gegenstände speziell für die Toten hergestellt wurden und der Verewigung des Lebens dienten. Niemand sollte sie jemals sehen", sagt Hölzl.

Um Hinweise auf Farbgebungen für die Nachwelt zu erhalten, wurden vor allem von den Frauen der Gruppe kolorierte Fotoabzüge einiger Reliefs angefertigt. Sowohl Junkers Schwester Maria als auch zwei Schwestern seines Assistenten Wilhelm Czermak fertigten Skizzen an. Beim Fund Hemiunus managte Maria Junker gerade die Grabungen, ihr Bruder war unterwegs. Im Tagebuch notierte sie, dass sie zum Schutz der Statue Wachen postierte.

Hermann Junker glaubt in seiner Autobiografie, dass der Sinn der Archäologie vor allem in der Beschaffung von Objekten für die universitäre Lehre und die ägyptischen Sammlungen besteht. Es war auch ein Wettrennen der Nationen um die besten Fundstücke. Nicht selten kam es zu Streitigkeiten, erklärt Hölzl. Junker erhielt nach einem Zwist mit den Amerikanern als Entschädigung eine kopflose Doppelstatue.

Internationale Giza-Datenbank

Seit 2000 werden die Zeugnisse der historischen Grabungen verschiedener Nationen im Giza Archives Project systematisiert. Auch die Wiener Schau resultiert aus dieser Aufarbeitung. Grabungsfotos wurden digitalisiert, Skizzen und Tagebücher aufgearbeitet und in Datenbanken verzeichnet. Auch Junkers Vermächtnis bestand bis vor kurzem noch aus Kisten ungeordneter Fotos. Es sei nicht immer einfach gewesen, die Fotos zum richtigen Grabungsschacht zuzuordnen, sagt Hölzl. Es ließen sich aber nach wie vor Informationen extrahieren, die damals nicht verwertet wurden. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 23.01.2013)

  • Archäologie vor 100 Jahren: Die österreichischen Grabungen bei den Pyramiden von Giza zwischen 1912 und 1929 brachten unzählige Exponate nach Wien.
    foto: kunsthistorisches museum

    Archäologie vor 100 Jahren: Die österreichischen Grabungen bei den Pyramiden von Giza zwischen 1912 und 1929 brachten unzählige Exponate nach Wien.

  • Die virtuelle Rekonstruktion der Nekropole von Giza zeigt die Anordnung der Mastaba-Gräber.
    foto: tu wien

    Die virtuelle Rekonstruktion der Nekropole von Giza zeigt die Anordnung der Mastaba-Gräber.

Share if you care.