Hier wacht die Grundel

22. Jänner 2013, 19:40
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Um sich vor Fressfeinden zu schützen, nehmen Korallenstöcke spezielle Fischarten als Untermieter auf - Forscher der Universität Wien untersuchen die Art und Weise, wie Korallengrundeln ihr Zuhause verteidigen

Steinkorallen bilden den Hauptbestandteil von Korallenriffen und sind damit die Baumeister der artenreichsten marinen Lebensräume der Welt. Dabei wirken sie in vielerlei Hinsicht wie Pflanzen: Sie sehen oft aus, als würden sie blühen, verändern ihren Standort nicht und gewinnen ihre Nahrung, ohne sich vom Fleck zu bewegen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um Kolonien von Nesseltieren mit tausenden Angehörigen: Jeder winzige Tentakelkranz, der aus dem Kalkskelett herauswinkt, ist somit ein eigenes Individuum.

Wie Pflanzen jedoch können auch Korallen vor Feinden, wie zum Beispiel Papageien- oder Falterfischen, nicht Reißaus nehmen. Viele Korallenstöcke werden allerdings von Fischen bewohnt, die ihre Behausung verteidigen und damit die Fraßschädigung in Zaum halten könnten. Ob, und wenn ja, wie sehr, sich diese Untermieter für die Korallen auszahlen, untersuchen Jürgen Herler von der Abteilung für Integrative Zoologie der Universität Wien und sein Mitarbeiter Markus Dirnwöber mit finanzieller Unterstützung des FWF.

Vergleiche anstellen

Das Forscherteam verglich dafür zwei Arten von Korallengrundeln, nämlich Gobiodon histrio und Gobiodon sp. 3. Beide werden nur wenige Zentimeter groß und sind schlechte Schwimmer, womit sie automatisch auf dem Speiseplan sehr vieler anderer Fische stehen würden. Stattdessen leben sie zwischen den Ästen und Verzweigungen von Steinkorallen. Da sie das paarweise tun und hauptsächlich Planktonfresser sind, müssen sie die schützende Behausung im Erwachsenenalter so gut wie nie verlassen und entgehen so den meisten Räubern im Riff. Für die Grundeln ist das Zusammenleben mit den Korallen also unzweifelhaft eine gute Idee, aber wie sieht es mit den Korallen aus?

Bei Dahab (Ägypten) am Roten Meer sammelten die Forscher Steinkorallen, die beiden Grundelarten und den Falterfisch Chaetodon austriacus, der sich von Korallenpolypen ernährt, und setzten sie in videoüberwachte Versuchsaquarien. Dabei stellten sie jeden Falterfisch vor die Wahl zwischen zwei gleich großen Korallenstöcken, von denen der eine von einem Grundelpaar bewohnt wurde und der andere nicht, und beobachteten sein Fressverhalten. Die Meeresbiologen verglichen das Verhalten der beiden Grundelarten, wenn sie einem Falterfisch an ihrer Koralle begegneten.

Die zwei Grundelarten unterscheiden sich nicht äußerlich - G. histrio ist auffällig rot-grün gestreift, während Gobiodon sp. 3 einheitlich dunkelbraun ist: Die bunte Art attackiert potenzielle Korallenfresser mit gezieltem Anschwimmen, während Gobiodon sp. 3 sie nur mit ungerichteten Körperbewegungen zu beeindrucken versucht. Aber die kleinen Korallenbewohner könne noch mehr: Die Haut aller Gobiodon-Arten hat keine Schuppen, sondern ist von einer giftigen Schleimschicht bedeckt, die sowohl Räuber als auch Parasiten abschreckt. Der Schleim von G. histrio löst bei Falterfischen jedoch ein deutlich intensiveres Vermeidungsverhalten aus als der von Gobiodon sp. 3.

Fressraten vergleichen

Entsprechend unterschiedlich ist auch die Wirkung auf die Falterfische. In Anwesenheit von G. histrio knabberten sie um durchschnittlich 80 Prozent weniger an den Korallen, als wenn diese unbewohnt waren, während Gobiodon sp. 3 ihre Fressrate um höchstens 68 Prozent verringerte. Wo es korallenfressende Fische gibt, profitieren die Korallen also von den Grundeln, wobei der Effekt bei kleineren Kolonien ausgeprägter ist als bei großen - wohl weil sie von einem Paar leichter zu verteidigen sind. Allerdings sind die Grundeln nicht immer nur als Wächter tätig. "In erster Linie ernähren sie sich von Plankton, Kleintieren und Algen", erklärt Herler, "aber einige Arten fressen auch an den Korallen."

Um beurteilen zu können, welche Wirkung die Grundeln auf ihre Wirte haben, wenn man alle Aspekte berücksichtigt, müssen die Forscher feststellen, ob die Stöcke mit oder ohne Untermieter mehr wachsen. Am effizientesten wäre es, sie zu dem Zweck zu wiegen, was lange Zeit jedoch sehr aufwändig und nicht besonders genau war. Die Forscher entwickelten deshalb ein eigenes System: Dabei wird eine Laborfeinwaage in ein Plexiglasgehäuse gepackt, auf eine große Messkammer geschraubt und im Meer versenkt. Die Wiegekammer ist groß genug, dass Korallenstöcke von bis zu einem halben Meter Durchmesser hineinpassen.

Neue Forschungsmethoden

Für das Wiegen werden die Stöcke vom Untergrund abgelöst und auf stabile Platten geklebt. Diese können danach wieder im Riff befestigt werden, wodurch die Störung sehr gering gehalten wird. "Wir haben eine Überlebensrate von fast 100 Prozent", freut sich Herler. Mit dieser Methode konnten die Forscher zeigen, dass die Grundeln für sich allein das Wachstum ihrer Wirtskoralle weder hemmen noch fördern. Die Beweidung durch Falterfische hingegen hemmt vor allem kleinere Korallenstöcke stark in ihrem Wachstum - und das, obwohl kleine Kolonien weniger beweidet werden als größere. Vor allem in den jungen Jahren eines Korallenlebens ist der positive Effekt der Grundeln besonders deutlich.

Diese Starthilfe können die Korallen auch brauchen. Zusätzlich zu Wasserverschmutzung und Tourismus steht zu befürchten, dass ihnen die Klimaerwärmung in Zukunft noch mehr zusetzen wird, als dies bereits der Fall ist: In vielen tropischen Meeren steigt die Wassertemperatur immer öfter auf mehr als 30 Grad Celsius an, was zum Ausbleichen und anschließenden Absterben der Kolonien führt. Unter diesen Umständen ist zu erwarten, dass sich neu ansiedelnde Korallen nicht mehr besonders groß werden. "Dann dürften die Grundeln eine noch größere Rolle spielen als bisher", erklärt Herler. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 23.01.2013)

  • Zwei Grundelarten, die in Korallen leben und sich nicht nur rein äußerlich 
voneinander unterscheiden - sie attackieren Korallenfeinde auch ganz 
unterschiedlich.
    foto: herler

    Zwei Grundelarten, die in Korallen leben und sich nicht nur rein äußerlich voneinander unterscheiden - sie attackieren Korallenfeinde auch ganz unterschiedlich.

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