Guter Stoff

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  • So einfach der "Ready Made Curtain" auch sein mag, an diesem System wurde vier Jahre getüftelt.
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    So einfach der "Ready Made Curtain" auch sein mag, an diesem System wurde vier Jahre getüftelt.

  • Die französischen Topdesigner Ronan und Erwan Bouroullec.
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    Die französischen Topdesigner Ronan und Erwan Bouroullec.

Die Gebrüder Bouroullec ertüftelten eine fesche und vor allem einfache Lösung für die Vorhangfrage - Deshalb wird ihr "Ready Made Curtain" auch vom Käufer selbst montiert

Die Sache mit dem Vorhang ist verwandt mit dem Problem nackige Glühbirne, im Volksmund "Russenluster" genannt. Nicht selten bleibt es ungelöst oder wird wenig befriedigend abgehakt. Umso begrüßenswerter ist es, was die französischen Topdesigner Ronan und Erwan Bouroullec in jahrelanger Vorarbeit erdachten, um die leidige Vorhangfrage ganz in Eigenregie zu erledigen.

Produziert wird das System vom dänischen Toptextilhersteller Kvadrat, wobei es sich um das erste reine Endverbraucherprodukt des Unternehmens handelt. Und es ist das erste Vorhangsystem aus der Feder der Brüder Bouroullec. Vielversprechend, poetisch, romantisch und funktional zugleich - das sind die Schlagwörter, die oft in Zusammenhang mit dem französischen Designduo fallen. Das schätzt man auch bei Kvadrat. Seit mehr als acht Jahren arbeiten Ronan und Erwan Bouroullec immer wieder mit dem dänischen Textiler zusammen. 2008 beispielsweise hatten die französischen Designer das modulartige und beeindruckende Textilsystem "Clouds" entwickelt - ein luftiges Gebilde, das sich Terrain erobert, die Umgebung im Sinne eines Raumtrenners gliedert und den Blick lenkt. Mit der Installation Textile Field, einer textilen Lounge-Landschaft in der Raphael Gallery des Victoria & Albert Museums schufen sie einen temporären Raum im Raum.

Elegant und effizient

Nun also ein Vorhangsystem. "Wir mögen es, uns einer Sache zu stellen, die wir noch nicht kennen", erklärt Ronan Bouroullec. In ihrem Atelier in Paris präsentierten die beiden Designstars vorab das neue Aufhängungssystem, das vor kurzem auf der Kölner Möbelmesse lanciert wurde. "Wir wollten eine Hightech-Lösung vermeiden, aber gleichzeitig auch nichts Rustikales oder Schweres schaffen." Das erklärte Ziel war es, ein System zu schaffen, das jedem ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit einen Vorhang zu montieren. Und dies, ohne einen großen Werkzeugkasten.

Vier Jahre probten die Bretonen, was das heißen könnte, dachten über die Mechanik von Aufhängesystemen nach und studierten unzählige Hakenmodelle. Die Inspiration lieferte den Designern ein japanisches Buch der 1950er-Jahre, das ein traditionelles Musikinstrument zeigt. Davon ausgehend, erkundeten sie, mit welchem System die Saiten gespannt werden können. Das Resultat ist ebenso elegant wie effizient: Die Raffinesse liegt in einem Windemechanismus, mit dem der Vorhang für jedes Fenster passend gemacht werden kann. Die Schnur, die die Gardinenstange ersetzt, wird zwischen zwei Holzboxen gespannt, die an der Wand oder Decke per Schraube befestigt werden. Nötigenfalls lässt sich das Seil einfach erneut straffen, um die richtige Spannung zu erreichen.

Ein grafisches Statement

Ebenso schlicht wie die Schnur sind die Kunststoff-Haken, mit denen der Stoff am Seil festgeklippt wird. Der Vorhang selbst ist in zwei verschiedenen Textilien erhältlich: Während eine leichte, halb transparente Textilie, die an japanische Shoji-Fenster erinnert, für diffuses, weiches Licht sorgt, sperrt eine schwerere Wolltextilie das Licht mehr oder weniger aus. Beide Textilien gibt es in drei verschiedenen Farbkombinationen: Weiß, Rot und Blau steuern den Lichteinfall ganz unterschiedlich. Die Höhe der Vorhänge kann der Kunde selbst bestimmen: Eine Schere genügt als Werkzeug, beide Materialien lassen sich einfach schneiden, ohne auszufransen. "Wir wollen, dass sich unsere Produkte an den Nutzer anpassen - und nicht umgekehrt", sagt Ronan Bouroullec.

Das Vorhangsystem der Bouroullecs wirkt wie ein grafisches Statement im Raum. Aus sechs Boxen kann der Käufer auswählen, mit welcher Textilvariante und welcher Farbkombination er seine Wohnung schmücken will. Auch nach einem Umzug ist der Vorhang schnell wieder angebracht: Ganz leicht kann er von einem Fenster entfernt und an einem anderen wieder montiert werden - gute Nachrichten für den urbanen Nomaden. (Andrea Eschbach, Rondo, DER STANDARD, 25.1.2013)

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