"Dann sind wir in unserer Branche tot"

Interview23. Jänner 2013, 11:23
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Rapid-Ikone Jan Aage Fjörtoft gibt in Deutschland den TV-Experten. Ein Gespräch über den Respekt vor 18-jährigen Fußballfreaks und spanische gefärbte Weltauswahlen

Jan Aage Fjörtoft ist 1,90 Meter groß. Wirklich. Dass er für den Pay-TV-Sender Sky das "Topspiel der Woche" in der deutschen Bundesliga analysiert, hat aber weniger mit Größe als mit Fachwissen und Popularität zu tun.

"Die Entscheidung fiel zwischen mir und dem Busfahrer. Leider hatte der seinen Fußballstiefel nicht dabei", kommentierte er einst in Frankfurt seine unerwartete Aufstellung durch Trainer Felix Magath. Philip Bauer sprach mit einem, dessen Name immer für gute Laune und flotte Sprüche stand.

derStandard.at: Wissen Sie, welche Nation - abgesehen von Deutschland - in der Bundesliga die meisten Einsatzminuten und Scorerpunkte aufweist?

Fjörtoft: Nicht wirklich. Österreich?

derStandard.at: So ist es. Überrascht?

Fjörtoft: Der österreichische Fußball wird oft unterschätzt. Man denkt an die Liga oder an die Nationalmannschaft, da fehlte es zuletzt natürlich an Erfolgen. Aber es gibt hervorragende Einzelspieler. Ich war am Anfang oft überrascht, dass der oder der Spieler gar nicht aus Deutschland kommt, sondern aus Österreich. Die Österreicher sind ja überall.

derStandard.at: Muss man mit dieser Dichte nicht zur WM fahren?

Fjörtoft: Das hängt doch von vielen Sachen ab, da braucht man auch Glück und eine gute Auslosung. Österreich ist in einer Hammergruppe. Da haben wir es in Norwegen mit der Schweiz, Albanien und Slowenien schon einfacher. Eine gute Generation ist wichtig, deshalb fährt man aber noch nicht zu einer Weltmeisterschaft.

derStandard.at: Welche österreichischen Spieler gefallen Ihnen am besten?

Fjörtoft: Ich hätte als Stürmer gerne solche Flanken bekommen, wie sie Christian Fuchs bei Schalke schlägt. Martin Harnik gefällt mir auch. Wenn ich meine persönliche Elf aufstellen würde, hätte David Alaba einen Fixplatz. Ein Juwel, er wird eine fantastische Karriere machen.

derStandard.at: Und die Legionäre bei Werder Bremen?

Fjörtoft: Ich stehe noch etwas unter dem Eindruck der 0:5-Niederlage gegen Borussia Dortmund.

derStandard.at: Marko Arnautovic hat in diesem Spiel gefehlt.

Fjörtoft: Er scheint in dieser Saison auf den richtigen Weg zu kommen. Mich wundert nicht, dass er am Transfermarkt begehrt ist. So einen Spieler wollen die Zuseher doch sehen. Ich will ihn auch sehen. Er ist in Interviews unterhaltsam, lässt witzige österreichische Sachen raus. Einfach ein geiler Typ, so einen kann man in jeder Liga gut gebrauchen.

derStandard.at: Welchen Stellenwert hat denn die deutsche Liga in Europa?

Fjörtoft: Wir haben Italien sportlich überflügelt. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren auch Spanien überholen. Die Premier League und die deutsche Bundesliga werden um die Vormachtstellung kämpfen. In puncto Zuschauerschnitt und Atmosphäre ist Deutschland aber jetzt schon vorne.

derStandard.at: Wo hat die Bundesliga also Nachholbedarf?

Fjörtoft: Branding. Manchester United ist in Asien eine Marke, die haben dort mehr Fans und Zuseher als in England. Das fehlt den deutschen Vereinen. Die Verpflichtung von Pep Guardiola kann hier aber ein wichtiger Schritt sein.

derStandard.at: Warum hinkt Deutschland in diesem Aspekt hinterher?

Fjörtoft: Die Deutschen sind so tüchtig, dass sie seit den 70er Jahren immer ihre eigenen Stars produziert haben, sowohl bei den Spielern als auch bei den Trainern. Außer Ernst Happel vielleicht. Das macht ein globales Branding schwieriger.

derStandard.at: Und im Sog von Guardiola sollen nun internationale Stars nach Deutschland gelotst werden?

Fjörtoft: Die Spieler gehen dorthin, wo das Geld ist. So einfach ist das. Und die englischen Fernsehrechte sind nun mal ein Wahnsinn. Der Markt wird sich durch Guardiola nicht großartig ändern. Und die irren Summen, die Manchester City, Chelsea oder Paris St. Germain bezahlen, wird kein deutscher Verein ausgeben.

derStandard.at: Was macht dann ein Guardiola in München?

Fjörtoft: Guardiola kann zählen. Und er zählt bei Chelsea sieben Trainer in fünf Jahren.

derStandard.at: Seit 2005 wird beim Ballon d'Or eine Weltauswahl gewählt. Noch nie wurde ein Spieler aus der Bundesliga berücksichtigt. Fehlt es an weltweiter Wertschätzung?

Fjörtoft: Ich war dieses Jahr bei der Gala vor Ort, und es wurden nur Spieler aus Spanien gewählt, das ist ja peinlich. Wo war ein van Persie? Was ist mit Götze? Das versteht kein Mensch. Sehr spanisch gefärbt, das Ganze. Zur Erinnerung: Das Finale zur Champions League hieß Chelsea gegen Bayern.

derStandard.at: Einige unserer User hätten auch eine Nominierung von Jürgen Klopp zum Trainer des Jahres erwartet. Sie auch?

Fjörtoft: Ich bin ein großer Fan von Klopp. Aber zunächst müsste man Roberto Di Matteo nominieren, der hat immerhin die Champions League gewonnen, das sollte auch honoriert werden. Aber stattdessen war Guardiola nominiert.

derStandard.at: Wird Guardiola die Bayern noch besser machen?

Fjörtoft: Wird nicht einfach, wenn sie Meister, Cupsieger und Champions-League-Sieger werden. (lacht) Im Ernst: Wir reden viel über die Offensive, aber die Bayern haben in dieser Saison sieben Treffer kassiert. Die sind schon im jetzigen Zustand sehr, sehr gut.

derStandard.at: Der Meistertitel ist also gewiss?

Fjörtoft: Hundertprozentig. Und Dortmund bewährt sich in der Champions League. Dann sind alle happy.

derStandard.at: Sie haben in Deutschland nur 52 Ligaspiele absolviert. Warum sind Sie trotzdem so populär?

Fjörtoft: Ich habe nicht nur wenig gespielt, sondern auch nicht so viele Tore geschossen. Aber ich habe ein wichtiges für die Eintracht zum Klassenerhalt erzielt! (lacht) Wenn man oft lächelt, ist das ein guter Anfang. Ist ja nur Fußball.

derStandard.at: Aber Fußball wird mittlerweile sehr ernst genommen. Stört Sie das?

Fjörtoft: "Unter allen unwichtigen Dingen ist Fußball bei weitem das wichtigste", das hat Papst Johannes Paul II. gesagt. So lautet auch mein Motto. Da stehen 50.000 Menschen und sehen sich ein Fußballspiel an, also muss man sich ernsthaft damit beschäftigen. Auch als TV-Experte sollte man sehr gut vorbereitet sein.

derStandard.at: Sie sprechen es an, Sie arbeiten als TV-Experte bei Sky ...

Fjörtoft: ... ich nenne es nicht "Arbeit". Fußball wird immer meine Leidenschaft bleiben. Ich war fünf Jahre Sportmanager bei Lilleström, aber ich habe nie gesagt, dass ich zur Arbeit gehe. Ich habe gesagt, ich gehe in die Kabine oder ins Stadion, nicht zur Arbeit. Ich denke, Sky wollte einen Experten mit einem externen Blick auf die Liga. Den kann ich liefern.

derStandard.at: Unsere Leser werden anspruchsvoller, sie wollen taktische Analysen, statistische Finessen. Sehen Sie diesen Trend auch als TV-Experte?

Fjörtoft: Wenn ich Dortmund gegen Werder analysiere, dann weiß ich: Irgendwo sitzt gerade ein 18-Jähriger, der kennt jeden Spielzug von Werder. Dem kann ich nichts vormachen, der merkt, wenn ich schummle. Wenn wir das nicht wissen und das Fachwissen der Zuseher nicht respektieren, dann sind wir in unserer Branche tot. Auf jeden Fall sollten wir dann tot sein.

derStandard.at: Müssen Sie sich besser als früher vorbereiten?

Fjörtoft: Ich habe mich immer gut vorbereitet. Früher konnte ich mir aber vielleicht einen Fehler leisten, das geht heute nicht mehr. Dann wird das über Social Media breitgetreten. Ich rede sehr viel mit Fußballfans auf Twitter und Facebook, das ist für mich die beste Vorbereitung. Es gibt zu viele Fußballer auf der TV-Bühne, die nur wegen ihrem Namen da sind und nicht wegen ihrem Fachwissen.

derStandard.at: Was sagt das norwegische Fachwissen zu Valon Berisha und Havard Nielsen von Red Bull Salzburg?

Fjörtoft: Ich war von den Transfers überrascht. Es war aber auf jeden Fall ein guter Schritt für die beiden. Ich kenne Havard Nielsen, er spielte in der Klasse über meinem Sohn, ein Riesentalent. Berisha wiederum kann jede Aufgabe lösen, er hat die Übersicht, die ich bei Fußballern liebe.

derStandard.at: Darf ich Sie zum Abschluss noch auf eine schmerzhafte Jugenderinnerung ansprechen?

Fjörtoft: Bitte darum.

derStandard.at: Der verschossene Elfer in der Nebelsuppe von Lüttich, im Achtelfinale des UEFA-Cups 1989. Es war die 85. Minute, Rapid wäre aufgestiegen. Warum haben Sie nicht ins andere Eck geschossen?

Fjörtoft: (lacht) Das frage ich mich auch noch immer. Ich habe im Nebel wohl das Tor nicht gesehen. Aber danke für das Kompliment, habe ich wirklich eine Ecke getroffen? Ich dachte, ich hätte den Goalie direkt angeschossen.

derStandard.at: Nein, nein, unten links, gar nicht so schlecht geschossen, aber der Goalie war dran. Ich habe es mir noch mal auf Youtube angesehen.

Fjörtoft: (lacht) Das habe ich noch nie gesucht. Auf Youtube sehe ich mir lieber meine Tore an. (Philip Bauer, derStandard.at, 23.1.2013)

Jan Aage Fjörtoft (46) spielte von 1989 bis 1993 bei Rapid. 1989 war er Österreichs Fußballer des Jahres. Anschließend traf er auf der Insel für Swindon Town, den FC Middlesbrough, Sheffield United und den FC Barnsley. Die Frankfurter Eintracht rettete der Norweger 1999 mit einem Treffer vor dem Abstieg. Seit 2011 ist er als Fußballexperte beim Pay-TV-Sender Sky tätig. 

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  • Rapid-Ikonen unter sich:  Jan Aage Fjörtoft (links) mit Hans Krankl.
    foto: sky

    Rapid-Ikonen unter sich: Jan Aage Fjörtoft (links) mit Hans Krankl.

  • Insel-Jahre: Fjörtoft im Dress von Barnsley gegen David Platt von Arsenal.
    foto: reuters/chung

    Insel-Jahre: Fjörtoft im Dress von Barnsley gegen David Platt von Arsenal.

  • Bitter, 1989: Fjörtoft verschießt in der 85. Minute einen Elfmeter für Rapid gegen den RFC Lüttich.

  • Süß, 1999: Fjörtoft sichert Frankfurt den Klassenerhalt. Vorarbeit: Christoph Westerthaler.

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