Psychoanalyse unter dem Hakenkreuz

22. Jänner 2013, 18:31
8 Postings

Sigmund Freud war der prominenteste Forscher, der 1938 aus Wien fliehen musste. Doch was passierte mit seinem Eigentum? Und was mit seiner Lehre?

Als die Nazis vor ziemlich genau 75 Jahren in Österreich einmarschierten, war Sigmund Freud ein alter, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung gezeichneter Mann. Trotz der absehbaren Bedrohung durch die Nationalsozialisten hatte der Begründer der Psychoanalyse zunächst nicht die Absicht gehabt, seine Heimatstadt zu verlassen. Doch das sollte sich unmittelbar nach dem "Anschluss" schlagartig ändern.

Am 15. März wurde die Wohnung des 82-Jährigen polizeilich durchsucht und dabei die damals beträchtliche Summe von 6000 Schilling beschlagnahmt. Diese und andere Übergriffe führten bei Freud spätestens am 19. März zum Entschluss, seine Heimatstadt zu verlassen. Dazu kam, dass seine Tochter Anna am 22. März von der Gestapo verhört wurde, wenig später aber wieder freikam. Zudem begannen die Nazis damit, möglichst viel vom Vermögen Freuds zu beschlagnahmen und die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft aufzulösen.

Prominente Interventionen

Wiens damals mit Abstand berühmtester Forscher war mit seinen Sorgen um sich und seine Familie nicht allein: Auch US-Präsident Roosevelt aber auch Benito Mussolini ließen für Freud intervenieren. Währenddessen bemühte sich der nach Wien gereiste britische Psychoanalytiker Ernest Jones, für seinen Lehrmeister und seine Familie Einreise-Visa nach England zu bekommen.

Nach einigen Wochen des bangen Wartens wurden der Familie Freud am 12. Mai die Pässe ausgehändigt, am 4. Juni unmittelbar vor der Abreise aus Wien musste Freud eine Erklärung unterzeichnen, die belegen sollte, dass er von den NS-Behörden gut behandelt wurde. Oft zitiert wurde Freuds angebliche handschriftliche Anmerkung auf diesem Schreiben, die Ernest Jones in seiner Freud-Biografie zitiert: "Ich kann die Gestapo jedermann bestens empfehlen."

Wie nun allerdings die Zeithistorikerin Christiane Rothländer herausgefunden hat, dürfte es sich bei diesem Zitat eher um eine Erfindung von Jones handeln. Die Wiener Forscherin hat auf Basis aufwändiger Archivrecherchen die Flucht Freuds aus Wien, die "Arisierung" seines Vermögens und die Liquidation der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft rekonstruiert. So zeigt Rothländer, die kürzlich erst eine umfangreiche Studie über die Anfänge der Wiener SS vorlegte, welche Personen bei der "Arisierung" von Freuds Besitz die Fäden zogen oder wie die Universität Wien zu den Nutznießern der "Arisierung" zählte, weil nämlich das Orientalische Institut in die Räumlichkeiten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in der Berggasse 19 einzog. Neu sind außerdem Rothländers Erkenntnisse über die Liquidation des Internationalen Psychoanalytischen Verlags, mit der sich die Nazis auch noch nach Freuds Flucht Zugriff auf seine Gelder im Ausland sicherten.

Mehrjähriges Großprojekt

Nachzulesen sind diese aufwändigen Spurensuchen im gerade erschienen Sammelband, der den schlichten Titel Materialien zur Geschichte der Psychoanalyse in Wien trägt und vom Wiener Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash herausgegeben wurde. Das umfangreiche Werk bildet zugleich den Abschluss eines mehrjährigen interdisziplinären Großprojekts, das sowohl aus psychoanalytischer wie auch aus historischer Perspektive die nicht immer leicht zu entziffernden Spuren der Psychoanalyse in Wien während der NS-Zeit freilegt.

Schlüsselfigur dieser Bemühungen, psychoanalytische Erkenntnisse und Behandlungen nach 1938 auch unter den Bedingungen der NS-Diktatur weiterzuführen, war August Aichhorn. Der Psychoanalytiker und Pädagoge betrieb eine Privatpraxis und leitete eine Arbeits- und Ausbildungsgruppe. Entsprechend standen Aichhorn und sein Umfeld im Zentrum der Forschungen des interdisziplinären Teams um Ash.

Dieser Forschergruppe gehörte auch Aichhorns Enkelsohn an, der Wiener Psychoanalytiker Thomas Aichhorn, der im Rahmen des Projekts bereits die Korrespondenz seines Großvaters mit Anna Freud herausgab. Für den zweiten Teil des neuen Bandes hat Birgit Johler nun den Patientenkalender August Aichhorns akribisch aufgearbeitet und ein Soziogramm seiner 153 Patientinnen und Patienten erstellt.

Mythen der Geschichte

Der besonders umfangreiche dritte Teil schließlich hat die erhaltenen Protokolle von Aichhorns psychoanalytischem Ausbildungsseminar während der NS-Zeit zum Thema. Nicht zuletzt um dieses Seminar ranken sich auch einige Mythen, die von der Forschergruppe zum Teil infrage gestellt werden. Eine dieser "Erzählungen" nach 1945 besagte, dass Aichhorn ein Naheverhältnis zum Widerstand gegen das NS-Regime hatte, da die späteren Widerstandskämpfer Ella und Kurt Lingens sowie Karl Motesiczky an den frühen Sitzungen dieses Ausbildungsseminars teilnahmen.

Die Beiträge im Sammelband, der sich eher an ein Fachpublikum wendet, legen demgegenüber nahe, dass auch diese Geschichte wohl etwas komplizierter war, als bisher geschrieben wurde: Um die Psychoanalyse unter dem Hakenkreuz fortführen zu können, waren natürlich auch Anpassungen nötig, die man nach 1945 aber eher vergessen machen wollte - um den Neubeginn der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung nicht unnötig zu erschweren. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 23.01.2013)

  • Sigmund Freud an seinem Schreibtisch in London nach seiner Flucht Flucht aus Wien, die er und seine Tochter Anna
mit einem Teil ihres Vermögens erkaufen mussten. Vor allem dank August Aichhorn 
lebte die verpönte Psychoanalyse auch nach 1938 in Österreich weiter.
    foto: reuters/freud museum london

    Sigmund Freud an seinem Schreibtisch in London nach seiner Flucht Flucht aus Wien, die er und seine Tochter Anna mit einem Teil ihres Vermögens erkaufen mussten. Vor allem dank August Aichhorn lebte die verpönte Psychoanalyse auch nach 1938 in Österreich weiter.

  • Mitchell G. Ash: "Materialien zur Geschichte der Psychoanalyse in Wien 
1938-1945", 688 Seiten. Frankfurt/Main, Brandes & Apsel 2012
    foto: brandes & apsel

    Mitchell G. Ash: "Materialien zur Geschichte der Psychoanalyse in Wien 1938-1945", 688 Seiten. Frankfurt/Main, Brandes & Apsel 2012

Share if you care.