Warum ein Mädchen die "Neger-Debatte" im Nu beenden könnte

Analyse22. Jänner 2013, 18:30
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Die Definitionsmacht darüber, was rassistisch und ausgrenzend ist, besitzen ausschließlich die davon Betroffenen - und nicht das Feuilleton

"Sie haben Glück, dass ich zumindestens diesen Brief in Schönschrift schreibe." So beginnt der mit blauer Tinte verfasste Brief der kleinen Ishema Kane, der derzeit im Internet kursiert. Für die Schönschrift hat Ishema, die ihr Alter im Brief mit neuneinhalb Jahren angibt, wahrlich keinen Grund: Sie ist "sehr sauer", wie sie schreibt.

Empfänger des Briefes ist die deutsche Wochenzeitung "Zeit". Deren Literatur-Chefschreiber Ulrich Greiner hatte sich in der letztwöchigen Ausgabe zur "Neger-Debatte" geäußert - also zu der Frage, ob das N-Wort aus alten Kinderbüchern getilgt werden soll oder nicht. Anlass für diese Diskussion ist die Entscheidung des deutschen Thienemann-Verlags, das Wort "wichsen" aus seinen Kinderbüchern zu entfernen. Das Wort "Neger" hat der Verlag schon im Sommer aus seinen Kinderbüchern getilgt. Die Debatte darüber ist nun neu entflammt.

Ishema hat den Brief alleine verfasst

Die Stimmen, die an der Echtheit von Ishemas Brief zweifeln, ließen nicht lange auf sich warten: Keine Neuneinhalbjährige formuliere so, riefen die Unken, und welches Kind lese schon die "Zeit"? Ishemas Mutter, die Deutsche Katharina Lobeck, bestätigt die Echtheit des Briefes gegenüber derStandard.at: "Ich bin Zeit-Leserin und wir sprechen zu Hause viel über Politik." Ishema ist in drei Ländern aufgewachsen und spricht drei Sprachen. "Sie ist für ihr Alter sehr weit im Denken und hat sich schon viel mit ihrer Identität beschäftigt."

Katharina Lobeck erzählt, dass sich ihre Tochter sehr über die "Neger-Diskussion" gekränkt hat. "Da hab ich sie motiviert, einen Brief zu schreiben. Formuliert und verfasst hat sie ihn aber ganz alleine." 

Bestimmt der Kontext den Text?

Seit Tagen tobt also im deutschen Feuilleton, auf Facebook und auf Twitter der Kampf um die Worte. Die bürgerlich-konservative Front - vertreten etwa durch "Zeit"-Kritiker Greiner - sieht in der Befreiung der Kinderbücher von überholten Begriffen beinharte Zensur und ortet einen Exzess der "politisch Korrekten". Von "Kulturverlust" ist da die Rede und davon, dass es die Literatur und ihre Begriffe im Kontext ihrer Zeit zu lesen gelte. 

Woher kommt die Aggression?

Progressive Kommentatorinnen und Kommentatoren halten dagegen, dass das N-Wort heute schlicht rassistisch sei, im Kontext der Zeit nicht weniger rassistisch werde und dass der Furor der Bewahrer des Wortes nur auf deren eigenen Rassismus verweise. Kinderbücher seien, so deren Argumentation, nicht für Geschichtsaufarbeitung da. Sondern dafür, Kinder im Hier und Jetzt zu bilden - und zwar mit den Begriffen des Hier und Jetzt. 

Selbst wenn Eltern überholte Formulierungen in Kinderbüchern zum Anlass nehmen würden, sich mit ihren Kindern über Rassismus zu unterhalten, würde das nicht die rassistische Beleidigung eines einzelnen Kindes rechtfertigen, schreibt etwa Michel Reimon, Landtagsabgeordneter der Grünen im Burgenland, auf seiner Facebook-Seite. 

Die Geschichte, die erzählt wird

"Fast immer hat ein Kinderbuch etwas mit Identität zu tun, mit der schwierigen Suche danach, wer man selbst ist, wer man sein möchte, wie einen die anderen sehen, wie man sich selbst sieht", meint Georg Diez auf "Spiegel online". "Ob ein Buch etwas taugt, liegt nicht daran, ob ein Wort wie Neger vorkommt oder nicht. Es liegt an der Geschichte, die darin erzählt wird." Die Diskussion sei eine Scheindiskussion, so Diez. "Und ich frage mich, woher die Aggression derer kommt, die dieses schmutzige Wort verteidigen wollen."

Wie so viele akademische Diskussionen über Rassismus und Ausgrenzung schließt auch die Kinderbuch-Debatte die Sicht und Wahrnehmung der eigentlich Adressierten nicht oder kaum ein: jener Menschen, die heute unter Rassismus zu leiden haben. Wie die kleine Ishema. 

"Mein Vater ist kein Neger"

"Warum sollte es nicht verboten werden, in Kinderbüchern Neger zu schreiben?", fragt die in ihrem Brief an die "Zeit". Und fordert: "Man muss sich auch mal in andere Menschen hineinversetzen." Ishemas Vater ist Senegalese. Sie selbst sei "milchkaffee-braun", wie sie schreibt. "Ihr könnt euch nicht vorstellen wie sich dass für mich anfühlt wenn ich dass Wort Neger lesen oder Hören muss", heißt es in ihrem Brief. "Es ist einfach nur sehr sehr schrecklich. Mein Vater ist kein Neger und ich auch nicht. Das selbe gilt für alle anderen Afrikaner." 

Damit trifft die Neuneinhalbjährige den Kern des Problems - und zwar besser als so mancher ins eigene Wortgeklingel verliebte Feuilletonist: Die Definitionsmacht darüber, was rassistisch und ausgrenzend ist, besitzen ausschließlich die davon Betroffenen. Und nicht das Feuilleton.

Mittlerweile hat übrigens die adressierte "Zeit" auf den Brief reagiert: Redakteur Ijoma Mangold hat auf Facebook auf Ishemas Leserbrief geantwortet. (Lisa Mayr, derStandard.at, aktualisiert am 25.1.2013)

  • "Ihr könnt euch nicht vorstellen wie sich dass für mich anfühlt wenn ich dass Wort Neger lesen oder Hören muss", schreibt Ishema Kane an die "Zeit".
    foto: mesghena

    "Ihr könnt euch nicht vorstellen wie sich dass für mich anfühlt wenn ich dass Wort Neger lesen oder Hören muss", schreibt Ishema Kane an die "Zeit".

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