Wohlstandsverwahrloste Mimi

Stefan Ender, 22. Jänner 2013, 17:20

Puccinis "La Bohème", kurzgefasst und aktualisiert an der Wiener Kammeroper

Wien - Seit dieser Spielzeit ist die Kammeroper dem Theater an der Wien angegliedert - als Beiboot, Singschule und Spielwiese für den Nachwuchs. Der künstlerische Leiter Sebastian F. Schwarz stellte das junge Ensemble im Oktober in einem frühen Rossini-Einakter vor, die Uraufführung eines Kammer-Musiktheaters von Hans-Jürgen von Bose folgte.

Den Kategorien "Rarität" und "Neuheit" ließ Schwarz nun einen Kracher folgen: Puccinis La Bohème. Die Kammeroper spielt die Oper raumgemäß in einer Kammerfassung: Jonathan Dove hat diese fast ohne Verlust an Farb- und Stimmungsreichtum erarbeitet, das Wiener Kammerorchester interpretierte sie unter der Leitung von Claire Levacher mit einer Intensität, die beeindruckte.

Inszeniert wurde die auf 100 Minuten konzentrierte, mit Interludien vom Band (Sinem Altan) verbundene Rumpf-Bohème von Lotte de Beer, und die hatte da so eine Idee: Da de Beer wirkliche Armut in Künstlerkreisen im Erste-Welt-Heute als quasi inexistent empfindet, hat sie die Protagonisten in ein glattes Luxus-Penthouse (Ausstattung: Clement & Sanôu) verpflanzt. Deren Armut soll eine innere sein: Rodolfo & Co sind seelisch wohlstandsverwahrlost.

Irritierend nicht nur, dass manches inhaltlich keinen Sinn macht, sondern auch, dass de Beer die (angeblich) jungen Leut' von heut' halt doch wie Opernfiguren von schablonenhafter Gestrigkeit in die moderne Szene setzt (etwa den kraftvoll singenden Ben Connor als überdrehten Marcello). Andrew Owens spielte den Rodolfo natürlich, differenziert, berührend; sein klassisch italienischer, direkter Tenor fand ab dem dritten Bild zu seinem Schmelz.

Stimmstark und artikulationsschwach Gast Oleg Loza (Schaunard), solide Igor Bakan (Colline). Anna Maria Sarra war eine energische Musette, Cigdem Soyarslan präsentierte als Mimi einen starken Sopran. Sie stirbt einsam und weggesperrt im Krankenhausbett, wie sich das heute so gehört. Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 23.1.2013)  

Bis 24.2.

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11 Postings
Und wozu das Ganze?

schliesse mich gar nicht an

Bin kein Profi aber als häufige Operngeherin war das eine überaus berührende, mitreißende und unterhaltsame Vorstellung. Das junge Ensemble singt und spielt sich die Seelen aus dem Leib und schafft es so das Publikum für ein oft gesehenes, abgedroschenes Opernwerk zu begeistern. Inszenierung war erfrischend anders und die lustigen Teile dieser Oper wurden wunderbar herausgearbeitet. Am Ende waren wir sowieso in Tränen aufgelöst weil wir mit der wunderbaren Mimi mitgestorben sind.
Gratulation an alle Mitwirkenden!
Wer mal wieder etwas fühlen will bei einer Oper (und nicht 100%tige Sinnsuche in der (mM. tollen)Inszenierung betreiben will) der sollte hingehen und diese Aufführung genießen.

Abgedroschen?

Wie die 'Nachtwache' von Rembrandt - so oft gesehen, die 'Buddenbrooks' - so oft gelesen, die 'Raptusgruppen' von Giambologna - x mal angeschaut. Wissen Sie eigentlich, was Sie für einen Unsinn schreiben, wenn Sie ein Kunstwerk aus einer anderen Epoche als 'abgedroschen' bezeichnen? Haben Sie sich schon einemal mit einer Opernpartitur und der vitae des Komponisten befasst, um zu verstehen, was dieser aus seiner Zeit heraus dem Publikum mitteilen wollte?

abgedroschen

wollte damit die Schönheit und Wertigkeit des Stückes nicht schmälern sondern damit ausdrücken dass es an allen Opernhäusern und Festivals rauf und runter gespielt wird und diese Aufführung eben erfrischend anders war.
wollte Rossini nicht beleidigen

JA, JA - ROSSINI

nennen Sie diesen Namennun nur, um einen Ball zu werfen oder meinen Sie damit den Komponisten von LA BOHEME (es gibt auch ein 2. Werk dieses Namens, aber auch das ist nicht von Rossini).
Wenn Sie "abgedroschen" nicht als "abgedroschen" verstanden wissen wollten, warum haben Sie dann doch dieses Wort gewählt: war's gar Wortarmut?

'Rossini' wird nicht beleidigt sein,

wenn Sie ein verstümmeltes Werk Puccinis gut finden. Mein Rat: Gehen Sie in die Staatsoper und schauen Sie sich die legendäre Jahrhundertinszenierung von Zeffirelli dieses Werkes an, oder noch besser, die DVD, da haben Sie noch ziemlich die Originalbesetzung. Wenn Ihnen da im 3. Akt, bzw. beim 'corragio' des Marcello am Schluß nicht die Tränen kommen, brauchen Sie nicht mehr in die Oper zu gehen.

Mein Tränen-Test

findet bereits am Ende des 1. Bildes statt, wenn Mimi in Rodolfos "O, soave fanciulla" einstimmt; zwar sind Tränen in Finale der Oper vorprogrammiert, doch die pure Klangschönheit (Freni/Raimondi!, später Freni/Pavarotti - um in der Zeffirelli-Produktion zu bleiben) überwältigt mich immer wieder auf Neue....

Erich Kästner schrieb über dieses Werk:

'...die Musik klingt, als ob es süße Bonbons regnet...' was bis zu dieser Mailänder/Wiener Produktion Karajans ja auch häufig stimmte. Aber hier findet das statt, worum sich Regietheater-Fuzzis meist erfolglos bemühen: Wie beim Salzburger 'Ring' eine totale, gültige Neuinterpretation eines Werkes, wie man es noch nie vorher hörte.

Wenn ich das Wort Karajan höre,

dann entsichere ich meinen Browning.
Karajan als Künstler, auch nicht ganz unbestritten,
als Nazi einer der übelsten Karrieristen der österreichischen Opportunistenkünstler im "3.Reich". Da ist es sicher besser, wenns in der Kammeroper einen Dove-Puccini-Aufguss gibt, keine Frage. Tränen? Kommen einem bei ganz anderen Fragestellungen zu dem Thema...

ok ok Puccini, stimmt natürlich.
abgedroschen : bis zum Überdruss gebraucht
genau so hab ich es gemeint, die Oper verliert dadurch nicht an Bedeutung.
Die Zeffirelli Fassung in der Staatsoper kenn ich auch, Kammeroper hat mich mehr berührt weil die jungen Künstler für mich mehr Seele transportieren als oft die arrivierteren.
Es ist natürlich jedem seine persönliche Meinung unbenommen.
Mir hat es sehr gefallen in der Kammeroper und ich ermutige jeden sich diese Fassung anzuhören und sich ein Meinung zu bilden.

heul doch, heul doch

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