Gnade für die Gnadenlosen?

Blog23. Jänner 2013, 07:00
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Frauen über 45 im Fernsehen: Der US-Serie "Hot in Cleveland" reicht das schon als Running Gag

Zwei Frauen mittleren Alters spielen eine Szene für eine Soap Opera. Eine davon liegt vermummt bis auf die Nasenspitze in einem Krankenbett, Text hat sie keinen. Für Tori, eine der Heldinnen der US-Sitcom "Hot in Cleveland", läuft es im Fernsehbusiness schon länger eher mau. Umso wichtiger ist es für sie, ihren Part in der Szene doch irgendwie gewichtiger zu gestalten. Doch ihre Kollegin hat keine Lust darauf, das Rampenlicht zu teilen. Ob der knappen Möglichkeiten für ältere Schauspielerinnen in L.A. passiert das scheinbar Unvermeidliche: Die beiden gehen aufeinander los.

Tori, früher stolze Emmy-Gewinnerin, die heute keine Rollen mehr ergattert oder eben nur mehr solche Mumien-Auftritte, täte ein Tapetenwechsel gut. Weg vom Jugendwahn, vom Fitnessterror und dem Schönheitskult, der in Los Angeles herrscht. Da trifft es sich gut, dass sie mit ihren etwa gleichaltrigen Freundinnen gezwungenermaßen ein gnädigeres Umfeld kennenlernt: Cleveland. Die drei Frauen wollen eigentlich einen Trip nach Paris machen, als ihr Flugzeug in Ohio notlanden muss. Tori, die Augenbrauen-Stylistin Joy und die Schriftstellerin Melanie beschließen schließlich, in diesem weniger oberflächlichen Umfeld zu bleiben. Sie beziehen gemeinsam ein Haus, dessen unverschämte Vermieterin Elka Ostrovsky (Betty White) die Runde komplettiert.

Nur die Idee bleibt

Eigentlich eine gute Serien-Idee, die aber möglicherweise aus Tina Feys Feder stammt. In der Serie "30 Rock" gab es bereits 2007 eine Folge, in der die Hauptfigur Liz Lemon nach Cleveland reist und sich in die Stadt verliebt, weil sie die Menschen dort für ein Model halten, während sie in New York zu den ästhetisch Unterprivilegierten zählt. 

Doch aus dem reizvollen Gedanken, nicht an sich selbst herumzuwerken, sondern die Welt da draußen einfach gegen eine bessere einzutauschen, wird in "Hot in Cleveland" leider nichts gemacht. Die einzelnen Plots der Serie sind unoriginell, witzlos und wurden schon von zu vielen Serien abgegrast: ein Flirt im Vorzimmer eines Therapeuten inklusive lustiger Spekulationen über die Gestörtheit des potenziellen Neuen, der Einsatz des Dekolletees zum Gefügigmachen von Männern und das Zelebrieren vermeintlich weiblichen Konkurrenzverhaltens.

Rose wird Sophia Petrillo

Alles, wovor die Frauen in der Serie flüchten, taucht in "Hot in Cleveland" über die Charaktere der Protagonistinnen wieder auf. Während die der Serie zugrunde liegende Idee Kritik an klischeebeladenen Frauenbildern übt, werden genau diese Bilder durch Tori, Melanie und Joy wieder forciert: Die drei sind oberflächlich, egozentrisch oder haben ein übersteigertes Konkurrenzverhalten. Die Flucht aus L.A. hätten sie sich eigentlich sparen können.

Auch "Golden Girl" Betty White kann "Hot in Cleveland" nicht retten. Als Elka verkörpert White nun das genaue Gegenteil der Figur, mit der sie durch die Erfolgsserie "Golden Girls" berühmt wurde: Elka ist eine knallharte alte Dame, die auf freundliche Umgangsformen pfeift und gerne von ihren wenig salonfähigen Lebenserfahrungen erzählt. Genau wie Sophia Petrillo, die das als älteste Bewohnerin der "Golden Girls"-Wohngemeinschaft schon in den 80ern tat. Um einiges besser übrigens als nun Betty White. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 23.1.2013)

Info

"Hot in Cleveland" läuft immer montags ab 23.15 Uhr auf ORF eins.

  • "Hot in Cleveland" sind Melanie, Elka, Joy und Tori.
    foto: ap/charles sykes

    "Hot in Cleveland" sind Melanie, Elka, Joy und Tori.

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