Spitzensportler machen sich gut in der Wirtschaft

Interview23. Jänner 2013, 05:30
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Laut einer Studie sind ehemalige Leistungssportler besonders motiviert und diszipliniert - Probleme bei dualer Ausbildung

Eigenschaften, die am Arbeitsmarkt gefragt sind, attestiert eine aktuelle Studie deutschen Top-Athleten. An der Analyse der EBS Universität in Wiesbaden haben über 1.000 von der Deutschen Sporthilfe geförderte Spitzensportler teilgenommen. Im Interview mit derStandard.at erläutert Studienleiter Sascha Schmidt, warum Unternehmen von Sportlern profitieren und welche Hürden einer "dualen Karriere" noch im Weg stehen.

derStandard.at: Die Grundaussage der Studie ist, dass Spitzensportlern ein großes Potenzial für die Karriere danach haben. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Schmidt: Wir wollten mit der Studie hinter die allgemeine Grundannahme blicken, dass Spitzensportler sehr fokussiert, leistungsorientiert und zielstrebig sind. Also Vorteile, die später bei Jobs zum Tragen kommen. Wir haben rausgefunden, dass insbesondere im Bereich Disziplin, also Planungsorientierung, Analyseorientierung, Sorgfalt, und im Bereich Engagement - also Wettbewerbs- und Karriereorientierung, Leistungsanspruch - Spitzensportler im Schnitt höhere berufsrelevante Persönlichkeitsmerkmale aufweisen als Fach- und sogar Führungskräfte in Deutschland. Ein weiteres Thema war Sozialkompetenz, da liegen sie gleichauf mit Fachkräften.

derStandard.at: Bei welchen Eigenschaften schneiden Sportler schlechter ab?

Schmidt: Im Bereich Dominanz sind die Kompetenzen im Vergleich zu Fachkräften leicht und im Bereich Kooperation deutlich unterdurchschnittlich.

derStandard.at: Welche Begründung gibt es dafür?

Schmidt: Man muss das noch weiter ausdifferenzieren. Mittels Cluster-Analyse haben wir vier verschiede Prototypen ermittelt - mit unterschiedlicher Ausprägung. Das Segment der "Kämpfer", wie wir sie bezeichnen, ist das kleinste mit 16 Prozent Häufigkeit. Dort ist die Dominanz überdurchschnittlich ausgeprägt, während in den Segmenten "Einzelgänger" (27% Häufigkeit) und "Teamplayer" (28% Häufigkeit) geringere Dominanzwerte vorzufinden waren.

derStandard.at: Die größte Gruppierung, jene mit 29 Prozent, bezeichnen Sie als "Meister aller Klassen". Wodurch zeichnen sich solche Sportler aus?

Schmidt: Die Größe dieser Gruppe hat uns überrascht. Das untermauert das Potenzial für die Wirtschaft. Diese Athleten sind aus einem Holz geschnitzt, wie sie jeder Arbeitgeber gerne hätte. Sie sind nicht nur leistungsorientiert und diszipliniert, sondern auch noch sozialkompetent, kooperativ und emotional stabil. Also Alleskönner, wie der Name schon sagt. Etwa der 18-jährige Junioreneuropameister, der auch noch die Matura mit einem Notenschnitt von 1,0 absolviert hat.

derStandard.at: Und weil diese "Meister aller Klassen" das größte Segment sind, glauben Sie, dass Sportler auch in der Privatwirtschaft reüssieren?

Schmidt: Wichtig ist, welcher Typ von Sportler in welchen Job passt. Es ist ja nicht so, dass Einzelgänger, Teamplayer oder Kämpfer keine speziellen Qualitäten mitbringen, die in der Wirtschaft relevant sind. Wenn man Fachexperten braucht, die sich sehr diszipliniert eines Themas annehmen, es bis ins kleinste Details bearbeiten und eine Lösung präsentieren, dann sind das spezifische Eigenschaften, die Einzelgänger an den Tag legen. Es kommt sehr stark auf das jeweilige Jobprofil an.

derStandard.at: Gibt es zwischen den Sportarten große Unterschiede hinsichtlich der Prototypen?

Schmidt: Es lässt sich nicht so einfach sagen, dass abhängig von der Sportart, ein bestimmtes Jobprofil passt. Tendenziell gilt, dass man in Präzisionssportarten häufiger den Sportlertyp Einzelgänger findet. In Kraftsportarten dominiert der Kämpfertyp. Man kann auch nicht sagen, dass Einzelsportler per se besser in diesen oder jenen Job passen, aber sie sind tendenziell eher Einzelgänger als Athleten, die aus Mannschaftssportarten kommen.

derStandard.at: Welche Jobs haben Sie vor Augen, wenn Sie an die verschiedenen Prototypen denken?

Schmidt: Einzelgänger können sehr zielstrebig arbeiten, etwa als Fachexperten. Kämpfer sind zum Beispiel jene Leute, die Veränderungen in Unternehmen herbeiführen können. Etwa ein Interimsmanager, der projektbezogen arbeitet und das Umfeld wechselt, sobald die Aufgabe abgeschlossen ist und auch gegen Widerstände angeht. Teamplayer sind äußerst kooperativ und sehr leicht in ein Umfeld zu integrieren. Die brauche ich in Funktionen wie beispielsweise in der Assistenz der Geschäftsführung. Also jene Leute, die sehr wichtig sind, aber nicht unbedingt in der ersten Reihe stehen und sich auch gut unterordnen können. Beim Meister aller Klassen findet man das typische Profil von potentiellen Führungskräften, sie eignen sich für Managementfunktionen.

derStandard.at: Mit welchen Problemen sind Athleten beim Übergang in den Job am ehesten konfrontiert?

Schmidt: Viele haben in ihren Kommentaren zum Ausdruck gebracht, dass fehlende Netzwerke ein Problem sind. Sportler kennen zwar viele Leute, die sind aber primär im Sportumfeld anzusiedeln. Das Netzwerk in jobrelevanten Bereichen fehlt oft - auch bei jenen, die nebenbei ein Fernstudium gemacht haben. Ein zweiter Punkt ist, dass manche Sportarten den Tagesablauf sehr stark vorstrukturieren mit detaillierten Trainingsplänen, der Organisation des gesamten Umfeldes. Fällt das weg, so müssen Spitzensportler ihren neuen Alltag selbst strukturieren. Das ist für viele ein Problem.

derStandard.at: Um später schneller den Übergang Richtung Arbeitsmarkt zu schaffen, müssten die Athleten schon während ihrer aktiven Zeit eine Ausbildung machen. Leichter gesagt als getan?

Schmidt: Das ist natürlich unsere Empfehlung. Selbst diejenigen, die es in die Weltelite schaffen, haben in den meisten Sportarten finanziell nicht ausgesorgt. Das zweite Standbein sollte für die meisten ein Thema sein, je früher, desto besser. Niemand kann sich wirklich darauf verlassen, dass er nach der Karriere finanziell abgesichert ist und nur noch zum Zeitvertreib beruflich aktiv werden muss.

derStandard.at: Schauen jene, die in Randsportarten tätig sind, tendenziell eher auf eine duale Ausbildung, weil sie davon ausgehen müssen, dass sie danach nicht von den vorher verdienten Preis- und Sponsorengeldern leben können?

Schmidt: Das gilt leider für so ziemlich alle Sportarten außer Fußball. Vor diesem Problem steht praktisch jeder Spitzensportler.

derStandard.at: Auch Tennisspieler und Leichtathleten beispielsweise?

Schmidt: Man muss sich nur vor Augen führen, was die Spitze der Spitze ist. Die Breite ist eine ganz andere. Beim Tennis sind vielleicht die Top-Dreihundert der Weltrangliste gut versorgt, aber was ist mit dem großen Rest? Der benötigt ein zweites Standbein. Spätestens im Alter zwischen 25 und 30 kristallisiert sich in den meisten Sportarten heraus, ob man es noch in die Weltelite schafft oder nicht. Mit zunehmendem Alter beginnt man sich aber auch Gedanken über die Zukunft zu machen, falls es nicht klappen sollte. Jene, die über eine Ausbildung verfügen, können sich befreiter dem Sport widmen, da sie etwas im Talon haben. Jene, die alles auf eine Karte setzen, laufen eher Gefahr zu blockieren. Ein Scherbenhaufen droht.

derStandard.at: Bräuchte es zusätzliche Bewusstseinsbildung auf Seiten der Vereine und Trainer, damit die das ihren Athleten klarmachen?

Schmidt: Es ist nicht so einfach, ein zweites Standbein von Athleten einzufordern, weil in der Praxis viele Sportarten mit einem sehr hohen Trainingsaufwand verbunden sind. Man müsste an mehreren Schrauben drehen. Letztendlich ist der Athlet auch eigenverantwortlich. Er muss zum Beispiel für Verständnis werben und auch einmal dagegen halten, wenn der Universitäts-Professor ihn nach einer internationalen Wettkampfreise mit den Worten begrüßt: "Na, haben Sie schönen Urlaub gemacht?" Und er muss die knallharte Disziplin aus dem Sportlichen auch auf das Lernen übertragen. Mehr Flexibilität sollte aber auch von Trainern, Verein und der Ausbildungsstätte kommen. Dieser Wunsch wurde von vielen Spitzensportlern geäußert.

derStandard.at: Meinen Sie Flexibilität in Bezug auf Trainingspläne, die individueller sein sollten?

Schmidt: Zum Beispiel, aber auch flexible Prüfungszeiten. Eine Studiengestaltung wäre wichtig, wo man vielleicht in nicht-olympischen Jahren mehr fürs Studium machen kann und danach wieder weniger. Natürlich ist es auch für den Trainer einfacher, wenn er seinen Zögling jederzeit zur Verfügung hat und bei der Erstellung von Trainingsplänen keine Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen muss.

derStandard.at: In Österreich ist das ja nicht der Fall. Gibt es in Deutschland eine Verpflichtung, parallel zum Bezug der Sportförderung eine Laufbahnberatung absolvieren zu müssen?

Schmidt: Ja, es gibt die Laufbahnberater in den Olympiastützpunkten und es existieren zusätzliche Fördertöpfe, die an bestimmte Kriterien gekoppelt sind. Zum Beispiel das Elite Plus-Programm der Deutschen Sporthilfe. Hier werden Stipendien für Studiengänge vergeben mit der Auflage, dass dieser Studiengang ernsthaft verfolgt werden muss.

derStandard.at: Gibt es Angebote von Unternehmen?

Schmidt: Neben den Laufbahnberatern kommen noch Angebote von Firmen, die speziell für Sportler Weiterbildungsseminare anbieten., etwa Rhetorikkurse oder Bewerbertrainings. Es gibt auch Unternehmen, die gezielt Spitzensportler rekrutieren wollen. Wenn man sich bei ihnen als Spitzensportler bewirbt, kann man einen Code eingeben, damit die Bewerbung nicht in dem Massenbewerbungsverfahren landet und dort untergeht. Sonst würden Sportler aufgrund ihrer häufig längeren Studiendauer oder aufgrund ihrer Noten automatisch aussortiert werden.

derStandard.at: Das heißt, es gibt bereits Firmen, die gezielt auf der Suche nach Spitzensportlern sind?

Schmidt: Einige haben das für sich entdeckt, von einem flächendeckenden Phänomen kann man aber nicht sprechen. Eine Aussage der Studie ist ja auch, dass Unternehmen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gezielt in Nischen Mitarbeiter suchen müssen. Hier sind die Spitzensportler ein sehr interessantes Segment, das sich zielgruppenspezifisch gut ansteuern lässt. Als Firma kann ich mir schon überlegen, welche Jobprofile gebraucht werden und dann das Sponsoring auf ausgewählte Sportarten konzentrieren. Auf diese Weise lässt es sich sehr gezielt rekrutieren.

derStandard.at: Quer durch alle Branchen?

Schmidt: Absolut. Es ist auch nicht an die Unternehmensgröße gekoppelt. Ob das ein DAX-Unternehmen oder ein mittelständischer Betrieb ist, spielt letztendlich keine Rolle. Das Segment der Athleten, die von der Sporthilfe gefördert werden, ist mit 3.800 Leuten relativ überschaubar. Man darf aber nicht vergessen, dass es in Deutschland 13.000 Kaderathleten gibt und ein Vielfaches an ambitionierten Sportlern, die mehrmals pro Woche trainieren und ähnliche Qualitäten mitbringen. So gesehen, lohnt es sich auch für Großunternehmen, mal darüber nachzudenken.

derStandard.at: Firmen könnten also bereits auf der Ebene der Vereine mit der Rekrutierung anfangen?

Schmidt: Ja, oder bei Verbänden, wenn eine Sportart Profile liefert, die gut zum Unternehmen oder zu bestimmten Jobprofilen passen. Hier könnte mal als Förderer eines Verbandes oder beispielsweise einer Turnierserie auftreten. Das kann unter Umständen sogar wesentlich günstiger sein, als in altbekannte Sportarten zu investieren. (Oliver Mark, derStandard.at, 23.1.2013)

Sascha Schmidt ist Professor und Leiter des Instituts für Sports, Business & Society an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden.

An der Studie haben 1.006 der ungefähr 3.800 derzeit von der Deutschen Sporthilfe geförderten Spitzensportler sowie 117 Studenten der EBS Business School teilgenommen. Für den Persönlichkeitstest standen die Ergebnisse von Vergleichsgruppen des Bochumer Inventars zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung mit 7.757 berufstätigen Fach- und Führungskräften zur Verfügung.

In Österreich unterstützt der Verein "Karriere danach" (KADA) Sportler beim Sprung in den Arbeitsmarkt - Geschäftsführerin Roswitha Stadlober im derStandard.at.-Interview.

  • Studienleiter Sascha Schmidt identifizierte mit seinem Team vier Prototypen von Sportlern: Einzelgänger, Kämpfer, Teamplayer und Meister aller Klassen.
    foto: ebs

    Studienleiter Sascha Schmidt identifizierte mit seinem Team vier Prototypen von Sportlern: Einzelgänger, Kämpfer, Teamplayer und Meister aller Klassen.

  • Spitzensportler gelten als besonders diszipliniert und willensstark. Eigenschaften, von denen Unternehmen profitieren, so die Quintessenz einer Studie.
    foto: ap/dapd/goldman

    Spitzensportler gelten als besonders diszipliniert und willensstark. Eigenschaften, von denen Unternehmen profitieren, so die Quintessenz einer Studie.

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