Berlin-Paris in der Krise

Kolumne | Paul Lendvai, 21. Jänner 2013, 18:40

Deutschland macht zwar nur knapp zwanzig Prozent der Bevölkerung der EU aus, erbringt jedoch dreißig Prozent ihrer Wirtschaftsleistung

Vor fünfzig Jahren am 22. Jänner 1963 hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle ihre Unterschrift unter den Élysée-Vertrag gesetzt, wie der deutsch-französische Freundschaftsvertrag nach dem Ort seiner Unterzeichnung genannt wird. Was dieser kurze Text für die Versöhnung zwischen den beiden ehemaligen "Erbfeinden" und für die europäische Integration bedeutete, kann man in den Erinnerungen der deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl nachlesen.

Diese zwei bedeutenden Staatsmänner haben die bahnbrechende Symbolik des Vertrags und der engen deutsch-französischen Zusammenarbeit stets als das eigentliche Kernstück des europäischen Einigungsprozesses betrachtet. Nicht nur Adenauer und de Gaulle haben Geschichte gemacht. Auch Schmidt und Kohl haben sehr bewusst und ohne Rücksicht auf die politische Farbe oder Weltanschauung der jeweiligen Partner (Giscard d'Estaing und Mitterrand) zum Zusammenwirken der beiden Länder beigetragen.

Was Schmidt 1990 (Die Deutschen und ihre Nachbarn) schrieb, ist - trotz der Verschiebung der Gewichte seit der Wiedervereinigung - nach wie vor gültig. Über seinen Status als Atommacht und die ständige Mitgliedschaft im Weltsicherheitsrat hinaus habe "Frankreich in der Völkergemeinschaft der Welt ein enormes, auf seine Geschichte und seine Kultur gegründetes Prestige als Nation, während auf uns Deutschen noch generationenlang die Erinnerung an Auschwitz und alle anderen Naziverbrechen lasten wird. Deshalb bedürfen wir Deutschen der Franzosen, ihres Verständnisses, ihrer politischen Initiativen und ihrer Führung in Europa."

Noch einprägsamer und emotioneller sind die Erinnerungen Helmut Kohls an seine symbolträchtigen Begegnungen mit dem langjährigen sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, vor allem an ihren Besuch zweier Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg im September 1984 bei Verdun. Im strömenden Regen bei eiskaltem Wind standen die beiden vor einem Katafalk beim französischen Militärfriedhof Douaumont. "Ohne dass es geplant war, ergriff François Mitterrand meine Hand, und wir verharrten beide lang Hand in Hand. Meine Gefühle lassen sich nur schwer beschreiben. Noch nie spürte ich eine solche Nähe zu unseren französischen Nachbarn. Die spontane Geste hatte mich überwältigt", schrieb Kohl in seinen zwei Jahrzehnte später veröffentlichten Erinnerungen.

Wer hätte damals gedacht, dass heute inmitten der europäischen Finanzkrise deutsche Wissenschafter bereits über die "deutsche Hegemonie", über die Handhabung der deutschen Führungsrolle debattieren? Deutschland macht zwar nur knapp zwanzig Prozent der Bevölkerung der EU aus, erbringt jedoch dreißig Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Nun versucht Staatspräsident François Hollande zusammen mit den von Krisen geschüttelten Südländern Italien und Spanien eine Achse gegen die deutsche Vormacht unter Angela Merkel zu schmieden.

Das Jubiläum des Élysée- Vertrages wird zwar gefeiert, doch es gibt weder personell noch sachlich die Chance für einen Neustart zwischen Paris und Berlin, und damit auch nicht für eine Bewältigung der europäischen Krise.   (DER STANDARD, 22.1.2013)

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Der Hintergrund für den "Freundschaftsvertrag" war wesentlich prosaischer,

als uns das Paul Lendvai glauben machen möchte. Tony Judt schreibt darüber in seiner "Geschichte Europas":
"Wie die meisten aufmerksamen Beobachter nahm er (gemeint ist De Gaulle; Anm.) zu Recht an, dass Großbritannien auf eine mittlere Position zwischen Europa und Amerika setzte und sich im Zweifelsfall für die Amerikaner, gegen Europa, entscheiden würde . ...
Vor diesem Hintergrund verkündete de Gaulle auf der Pressekonferenz vom 14. Januar 1963 seinen Widerstand gegen einen britischen Beitritt zur EWG. Wenn die Engländer Satelliten der Amerikaner sein wollten, bitte sehr, aber sie könnten nicht gleichzeitig 'Europäer' sein. Dann unterzeichnete er den hoch symbolischen, wenn auch wenig substantiellen Freundschaftsvertrag mit Bonn."

Und Tony Judt schreibt dann weiter:

"Der Vertrag mit Deutschland bekräftigte nur Frankreichs Hinwendung zu Europa. Aus de Gaulles Sicht lautete die Lektion des 20. Jahrhunderts, dass Frankreich seine verlorene Größe nur zurückerlangen konnte, wenn es in das europäische Projekt investierte und es nach seinen Bedürfnissen gestaltete. Algerien war verloren. Die Kolonien waren verloren. Engländer und Amerikaner waren abweisend wie eh und je. Die vielen Niederlagen und Verluste der letzten Jahrzehnte ließen Frankreich keine andere Wahl, wenn es seinen Einfluss wieder geltend machen wollte."

"Frankreich in der Völkergemeinschaft der Welt ein enormes, auf seine Geschichte und seine Kultur gegründetes Prestige als Nation, während auf uns Deutschen noch generationenlang die Erinnerung an Auschwitz und alle anderen Naziverbrechen lasten..."

Das soll "nach wie vor gültig" sein? Das wären ja tolle Aussichten für die Deutschen. Mehr leisten als alle anderen, katzbuckeln vor den ethisch-moralisch, geschichtlich und kulturell so überlegenen westlichen Prestigenationen und trotzdem immer eher geduldet als gleichberechtig sein. Was in der unmittelbaren Nachkriegszeit politisch klug gewesen sein mag, verkommt heute doch zum devoten Altherrengeschwafel. Warum sollte irgendein junger Deutscher diesen Pfad der Selbsterniedrigung weiterhin gehen?

sinnloses Geschwafel

Selbstbeweihraeucherung, die realitaet sieht anders aus. Welches Match gewinnt Deutschland nicht?
Automobilindustrie? zu null
Technologiefuehrerschaft? zu null
saemtliche Wirtschaftsindices? zu null
bald wirds vorbei sein mit der Freundschaft, wenn Merkel nein sagt zur schuldenunion, Faymann wird ja sowieso nicht gefragt. Alles ist momentan derart fragil, es ist nur mehr eine Frage von Monaten, bis das Eu Werkel hochgeht.

Dem Herrn Lendvai einen guten Rat.

Hätten Sie heute auf PHOENIX das "schlechte" Verhältnis zwischen Berlin und Paris besichtigt, hätten Sie sich Ihren Irrtum ersparen können. Schuster Lendvai, bleib bei deinen Leisten (Ungarn, Tschechien und Slowakei).

Die besondere deutsch-französische Freundschaft war schon immer eher ein politisches Wunschkonzert der Eliten denn gelebte Realität. Die eklatanten Unstimmigkeiten zwischen den beiden Ländern lassen sich mittlerweile kaum noch verbergen und werden teilweise auch thematisiert, siehe z. B.:

http://www.spiegel.de/politik/a... 78985.html
http://www.zeit.de/politik/a... -interview

adenauer, brandt, schmidt oder kohl (egal, was man sonst von ihnen halten mag) dachten nicht nur an deutschland, sondern auch an europa, während merkel sehr imperialistsch agiert (z.b. gegenüber griechenland). daß hollande dem entgegensteuern möchte, find ich insofern nicht nur verständlich, sondern auch richtig.

Erklären Sie uns einmal ...

was an Merkels Verhalten gegenüber GR "imperialist-isch" sei?

Etwa wenn den Griechen nahegelegt wird, dass Sie
ihr Staatswesen i.A. und ihr Steuerwesen i.B. in Ord-
nung bringen sollen? Oder gar, wenn man von ihnen
erwartet, dass sie ihre Schulden bezahlen?

daß sie ihr volk in die armut treiben und damit die volkswirtschaft ruinieren sollen. das militärbudget zu kürzen, wird von den griechen z.b. nicht gefordert, denn da machen ja deutsche firmen und merkel gute rüstungsgeschäfte...

Die Militärausgaben sind nun wirklich nicht die Ursache von GR's Misere. Darüber hinaus ist der Ankauf von Rüstungsgüter eine ausschließlich
griech. Entscheidung.

Aber was macht Angela Merkel zur Imperialistin?

es ist das gute recht, von ländern einen budgetkonsolidierungskurs zu verlangen. aber das müßte so abgehen: ihr habt eure schulden um so und so viel bis zu dem und dem zeitpunkt zu reduzieren - aber WIE ihr das macht, ist eure sache, hauptsache, das ziel wird erreicht. während die troika - massiv auch unter dem druck von merkel - sehr konkrete (und volkswirtschaftlich gesehen völlig sinnentleerte) vorgaben gemacht hat. und das ist sehr wohl imperialismus.

Sie reden blanken Unsinn.

In den Zeiten Adenauer bis Kohl gab es keine Euro-Krise. In der Krise war es ein Gebot, dass jemand die Führungsrolle übernimmt. Und das war Merkel, "nachdem sich unser Weltstaatsmann Faymann sich als Flop erwies".

Hollande is auf dem besten Weg die Grande Nation ökonomisch an die Wand zu fahren. Quelle: sämtliche Fundamntaldaten Frarnkreichs.

Lendvai mag sich in der Innenpolitik Ungarns auskennen, aber sonst ist er wie Sie von Unwisen gekennzeichnet.

Es ging all die Jahrhundert um Lothringen...

Europa ist nunmal Paris - Berlin und wir sind die Satelliten drumherum. Je besser diese Achse funktioniert, umso besser geht's uns allen!

Also bon anniversaire bzw. Gratulation zum Jubiläum!

Und Herr Lendvai, bei allem nötigen Respekt: man muss Krisen nicht immer mit aller Gewalt herbeireden. Zu Tode gefürchtet und gesudert ist auch gestorben!

Da Deutschland die Löhne ungerechtfertigt gesenkt hat,

ist die größere Leistung aber auf Kosten der südlichen Länder gegangen. Frau Merkel will Siegerin sein anscheinend und das um jeden Preis.
Sie sollten sich die Vorträge v.Prof.H.Flassbeck anhören, Hr.Lendvai.

Löhne gesenkt? Wer, wo?

Deutschland hat in 2012 eine Steigerung der Realeinkommen zu verzeichnen. Und die Gewerkschaft, die eine LOhnsenkung mitmacht, gibts höchstens bei uns in Österreich.

Auch wenn man diesen Quatsch hundertmal wiederholt, wird er trotzdem nicht wahr

Deutschland (und auch Österreich) ist kein Billiglohnland. Der deutsche Export basiert auf der Qualität seiner Produkte und dem Know-how mit dem diese erstellt werden. Kein Grieche würde plötzlich einen Job bekommen, weil in der Deutschen Automobilindustrie 10% mehr Gehalt gezahlt würde.

die Löhne sind nicht "gesunken" sondern nicht so schnell gestiegen wie bei den Nachbarn. Bei der Euroeinführung war die "DM" relativ hoch als Basis bewertet worden, gleichzeitig Strukturprobleme und die hohen Lasten der Wiedervereinigung mit riesigen Transfers (im Billionen Euro-Bereich insgesamt). Dann kam um 2000 die Öffnung nach Osten mit Billiglohnländern gleich nebenan. Das hat wiederum alles zu steigenden Arbeitslosenzahlen und damit zu Druck auf die Löhne geführt. Langsam scheint sich das (soweit nicht noch ein dickes Ende wegen Südeuropa kommt) zu lösen.

Ein schmaler Grad den Deutschland da gehen muss. Man sollte hier erst gar keine Ressentiments aufkommen lassen. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Ich denke, dass Deutschland bisher einiges richtig gemacht hat in punkto Eurokrise. Sicher nicht ganz uneigennützig, aber dafür effizient. Trotzdem wird Deutschland in Zukunft mehr Rücksicht auf seine Partner nehmen und sich seiner Verantwortung, ob seines Einflußes, bewußt sein müssen. MMn hat die Merkel das nötige Fingerspitzengefühl um die europäischen Partner nicht zu überfahren. Hoffentlich opfert sie das nicht zugunsten des anstehenden Wahlkampfs.

also die franzosen haben noch einen weiten weg zu gehen, bis die wieder wirtschaftlich tritt gefasst haben. so wie die engländer glauben die noch immer einen kolonialstaatsbonus zu haben. Grand Nation- wenn ich das schon hören. Sind auch noch stolz auf ihre napoleon, die ganz europa mit krieg überzogen haben.

Nur mir protektionismus werden die jedenfalls nicht punkten können.

Wenn, Grande Nation. Die Franzosen verwenden das selber aber nicht, das ist heute nur (oft nicht unberechtigter) Spott von außen, wenn Sie das hören.
Anosnsten völlige Zustimmung.

Es heisst "Grande Nation", und lesen können Sie den Begriff ohnehin nur in deutschsprachigen Zeitungen, in Frankreich hat der nie existiert.
Wer billigen Klischees aufsitzt, hat schon verloren.

also einen Mangel an "Patriotismus" und Stolz auf ihre Geschichte kann man den Franzosen nicht vorwerfen...

Was Napoleon angeht +1

Er hat einige fortschrittliche Reformen in der Verwaltung gebracht aber auch millionenfachen Tod. Und er dürfte zur Entwicklung des Bild vom "Erbfeind" Frankreich in Deutschland beigetragen haben (mit allen Folgen für Europa). Ein sehr gemischtes Bild.

Sie können das Protzen nicht lassen

Was alle Urlaubsdestinationen der Deutschen so nervt, ist ihre Besserwisserei, das Protzen.
Warum die Hochnäsigkeit der Franzosen die Mitmenschen weniger stört? Sie zeigen ihre Großmannssucht mehr im eigenen Land. Als Gäste sind sie eher interessiert, angenehm und geistreich.
So mögen die Deutschen noch so tüchtig sein, aufgrund ihrer Besserwisserei fallen sie uns übrigen Europäern auf die Nerven und verbreiten ob ihrer Effizienz eher Angst (vor KZ?) als Freude. Wer bringt denen die nötige Selbstironie und Ich-Distanz bei, die im seriösen Umgang der Menschen angebracht ist?

ich mache fast jedes Jahr Urlaub in Tirol und bin noch nie auf so negative Reaktionen gestossen. Auch bin ich mir meiner "Großmannssucht" nicht bewußt. Vielleicht können Sie mich ja mal aufklären wie sich "Großmannssucht" bei Deutschen ausdrückt...

Na sowas, solange du deine Urlauberspendierhosen anhast und immer schön viel "Göld loscht" in Tirol, wirst du dort natürlich auf keine negative Reaktionen stossen.
Nur ist die Touristenbrille im täglichen Alltag nicht als Maßstab geeignet.

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