Nachhaltiger Tourismus in Rumänien

22. Jänner 2013, 07:58
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Eine Gruppe junger Rumänen forciert nachhaltigen Tourismus abseits der Klischees, eingebunden in Ökolandwirtschaft. Eine der Ideen kam aus Wien

Recht konventionell muteten bei der heurigen Ferienmesse in Wien die meisten Rumänien-Angebote an: All-inclusive-Reisen zu den Betonhotels an der Schwarzmeerküste; Busreisen zu der willkürlich zum Dracula-Schloss stilisierten Törzburg (Bran), eventuell noch Abstecher in mittelalterliche Städte Siebenbürgens, ebenfalls auf den Spuren des erdichteten Blutsaugers. Dass Rumänien nichts zu erdichten braucht, um poesiereife Authentizität zu bieten, erfuhr man aber am Messestand einer Handvoll junger Anbieter aus Sibiu (Hermannstadt).

In der Stadt, die, nachdem sie Europäische Kulturhauptstadt 2007 gewesen war, zu einem touristischen Brennpunkt aufstieg, entstand ein Netzwerk von Enthusiasten, die sich für sanften Tourismus, Ökolandwirtschaft und die Pflege der Kulturlandschaft entschieden.

Bürgerverantwortung

In der Valea Hartibaciului (Harbachtal) schloss man sich beispielsweise zu einer von der EU mitfinanzierten "Mikroregion" mit Ökolandwirtschaft, gemeinsamem Bioladen und regelmäßigen Slow-Food- oder Handwerksmärkten zusammen. Politisch will man dadurch solidarische Gemeinschaften ermöglichen, "im Geiste des 'Civisme' (Bürgerverantwortung) die Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich Menschen überhaupt für politische Entwicklungen interessieren können", wie Mitbegründer Jochen Cotaru im Standard-Gespräch betont.

Neuen Aufschwung bringen beispielsweise leidenschaftliche Pferdewagenrennen, eine neu instand gesetzte Dorfschmiede oder Brotverkostungen in der renovierten Mühle mitsamt Bäckerei - alles noch Geheimtipps, was die Betreiber auch am liebsten so belassen würden. "Es ist durchaus ein Dilemma", gibt Cristian Cismaru, der ein Reisebüro für behutsam gestaltete Individualreisen betreibt, im Gespräch zu, denn " wachsende Touristenzahlen, die wir uns ja wünschen, bedeuten einen unvermeidlichen Authentizitätsverlust."

Bei den von ihm initiierten "Transsilvanian Brunches", zu denen jeweils eine siebenbürgische Dorfgemeinde einlädt, vermitteln lokale Schmankerl und ein Kulturprogramm das Spezifische der Region: Da werden die Gäste etwa durch das bemalte Interieur einer Kirche geführt, fahren die Strecke von Hermannstadt bis Agnita (Agnetheln) mit einer Bahn aus k. u. k. Zeiten; oder man singt Lieder im sächsischen Dialekt, eine Bauernfamilie führt die Zubereitung des beliebten Gemüseallerleis Zacusca vor, und lokale Musiker spielen am Tambal (sprich: Tsambal), einer seltenen Hackbrettvariante, nicht nur Folklore, sondern auch Jazz.

Das hinterlässt ganz andere Spuren als ein Besuch des als weltweit zweitgrößtes öffentliches Gebäude nach dem Pentagon beworbenen " Volkshauses" in Bukarest, eines größenwahnsinnigen Protzbaus des Diktators Nicolae Ceausescu. "Wir versuchen, einen sinnlosen Wettbewerb anhand von Sehenswürdigkeiten, die es in Zentral- und Osteuropa in Hülle und Fülle gibt, zu umgehen und lieber über Menschen statt über Gebäude zu erzählen", erklärt Cismaru.

Die zündende Idee kam ihm bei einem Schüleraustausch mit Österreich: Vom Wenzgasse-Gymnasium in Wien, mit dem seine Schule "verschwistert" war, kam 1991 die Geografielehrerin Ulrike Pistotnik nach Hermannstadt, ermutigte die Schüler, Dorfmonografien zu erarbeiten, und gründete eine Tourismusschule. "Das war alles wahrscheinlich halbillegal", scherzt sie im Gespräch. Offenbar hat es aber gewirkt, denn auch wenn es die Schule nicht mehr gibt, sind immerhin "acht der 30 Teilnehmer heute im Tourismusbereich tätig", freut sich Cismaru.

Auch im restlichen Rumänien kann man sich für nachhaltigen Tourismus entscheiden. Im türkisch geprägten Dorf Enisala am Eingang zum Donaudelta werden Unterkünfte in Schilfdachhäusern und kulinarische Reisen angeboten; im hohen Norden wiederum kann man im "Wassertal" in einer ursprünglich für den Holzabbau errichteten Schmalspurbahn Vollmondfahrten erleben und in historisch nachempfundenen Wagons übernachten.

Zu den bekanntesten nachhaltigen Initiativen im rumänischen Tourismus gehört der vom britischen Thronfolger Prinz Charles gegründete Mihai Eminescu Trust (MET), der Gemeinden wie Viscri (Weißkreuz), Saschiz (Kreisd) oder Malâncrav (Malmkrog) eine Zukunftsperspektive bot: renovierte Land- und Dorfhäuser werden an Reisende vermietet, lokale Erzeugnisse, von gestrickten Socken bis zu Bioprodukten international vermarktet.

Ungarische Landsitze

Erfreuen sich viele der siebenbürgisch-sächsischen Wehrkirchen, darunter die bekannteste in Biertan (Birthälm), nicht zuletzt dank des MET eines beachtlichen Besucherstroms, sind die einstigen Landsitze des ungarischen Adels noch weitgehend unbekannt. "Es gab kritische Situationen, in denen binnen weniger Jahre die Bauten einfach verschwanden, aber auch Bauten, die mit Respekt für Gemeinschaft und Tradition restauriert wurden", sagt Irina Leca von der Organisation Vergessene Denkmäler, die inzwischen mehr als 400 derartige Baudenkmäler dokumentiert hat.

Zu den prachtvollsten gehört das Bánffy-Schloss, das dank eines mustergültigen Projekts, das sich auch der Ausbildung von Fachkräften annimmt, fachkundig renoviert wird. In der Ortschaft Zabola, vom Gasthaus des Grafen Kálnöky aus, kann man wiederum Reitausflüge unternehmen.

An Potenzial und qualitativen Einzelprojekten fehlt es somit Rumänien keineswegs. Von Infrastrukturmängeln und klischeehaften Angeboten einmal abgesehen, hat Rumänien dank Enthusiasten aller Generationen Einzigartiges zu bieten. (Laura Balomiri aus Sibiu, DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2013)

  • Das Schild einer alten siebenbürgischen Dorfbäckerei verheißt Authentizität - ein Versprechen, das bei den "Transsilvanischen Brunches" eingelöst wird.
    foto: reky travel

    Das Schild einer alten siebenbürgischen Dorfbäckerei verheißt Authentizität - ein Versprechen, das bei den "Transsilvanischen Brunches" eingelöst wird.

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    foto: reky travel
  • Informationen: www.reky-travel.de
www.turism.sibiu.ro
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