"Ich bin die typische kleine Schwester"

Interview21. Jänner 2013, 18:24
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Mit Schwester Marlies lässt sich Slalomläuferin Bernadette Schild nicht vergleichen. Gegen eine WM-Medaille hätte sie aber nichts einzuwenden M

Standard: Sie waren beim Slalom in Zagreb Siebente, feierten beim Heimrennen in Flachau vor einer Woche als Sechste ihr bestes Karriereresultat und bewahrten das ÖSV-Team vor einer Blamage. Wie sehr denken Sie schon an Ihre WM-Premiere in Schladming?

Bernadette Schild: Am Wochenende kommt noch ein Slalom in Marburg. Aber ich denke schon, dass ich bei der WM fix dabei bin. Ich merke, dass ich immer besser in Form komme.

Standard: Ertappen Sie sich manchmal dabei, mit einer Medaille zu spekulieren?

Schild: Ein 20. Platz bei einer WM ist schön, bringt aber nichts. Ich weiß, dass ich noch mehr Gas geben kann. Wenn ich sage, eine Medaille ist das Ziel, dann ist das vermessen. Aber ich glaube, dass es möglich ist, wenn alles passt.

Standard: Ihre so erfolgreiche ältere Schwester Marlies steht seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie damit um?

Schild: Es ist nicht immer leicht. Ich muss mich mit ihr vergleichen lassen. Aber ich habe einen Weg gefunden, das nicht zuzulassen. Wir sind verschiedene Persönlichkeiten, allein der Altersunterschied ist groß, da liegen neun Jahre zwischen uns.

Standard: Wie unterscheiden Sie sich?

Schild: Marlies ist organisierter, strukturierter, denkt immer ein paar Schritte voraus. Ich bin eher die typische kleine Schwester. Bei mir geht's chaotischer zu, ich bin leicht vergesslich, träume gerne vor mich hin.

Standard: Nervt es Sie, über Marlies reden zu müssen?

Schild: Auf keinen Fall. Sie ist ein Teil meiner Familie. Mit ihr und über sie rede ich gerne. Ich bin ja auch stolz, so eine Schwester zu haben.

Standard: Ihre Schwester war im Weltcup-Zirkus Ihre Kontaktperson. Was hat sich seit der Verletzung von Marlies vor Weihnachten und dem WM-Aus der Titelverteidigerin für Sie geändert?

Schild: Es ist eine neue Situation. Aber ich muss auch sagen, ich mache meine Sachen so, wie ich sie gerne habe. Natürlich, wir waren im Bus immer zu dritt unterwegs, haben uns Servicemann Rudi Berger geteilt. Da fehlt jetzt schon ein Teil. Wann Marlies wieder Ski fahren kann und ob sie weiterfährt, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Sie weiß das vielleicht selbst noch nicht.

Standard: Ihre Schwester musste sich bereits sieben Knieoperationen unterziehen. 2008 stand sie nach einer Verletzung vor dem Karriereende. Hat Sie diese Zeit geprägt?

Schild: Den Winter damals habe ich schon ordentlich zu kämpfen gehabt. Du stehst am Start und denkst dir: "Nimm doch besser die runde Linie mit weniger Risiko." Ich hab' ja auch mitgelitten mit Marlies, die Zeit im Krankenhaus war nicht leicht. Aber mittlerweile kann ich damit umgehen. Die aktuelle Verletzung ist lange nicht so schlimm.

Standard: Ihre Eltern Rosi und Josef gründeten eine Skischule, Ihre älteren Geschwister Josef und Marlies fuhren schon im jungen Alter Skirennen. War Ihr Weg vorgezeichnet?

Schild: Natürlich tut man das gerne, was Eltern und Geschwister vormachen. Es war schnell klar, dass ich auch Talent habe. Als kleines Kind steht man am Treppchen gerne oben. Dieses Erfolgsgefühl, das man als Kind hatte, will man als Erwachsener wieder haben. Das ist wie eine Sucht.

Standard: Kam für Sie nie etwas anderes infrage?

Schild: Ich muss gestehen, in der Schülerzeit war ich wirklich nicht schnell. Da habe ich alles andere gemacht außer Skifahren. Ich bin geklettert, war Turnerin und Langläuferin, bin Cross-Country gelaufen und habe überall Wettkämpfe bestritten. Zu dieser Zeit war Skifahren das, wo ich am wenigsten Erfolg hatte. Und dann hat mich Skifahren wieder am meisten gereizt.

Standard: Sind Sie mit Ihrer sportlichen Entwicklung zufrieden?

Schild: Als junge Läuferin wollte ich sofort vorn mitfahren. Die Realität schaut aber anders aus. Ich habe erst lernen müssen, mit kleinen Schritten zufrieden zu sein. Als nach meinem siebenten Platz im Dezember 2010 im Slalom von Courchevel nichts weitergegangen ist, war schnell Ernüchterung da. In dieser Saison habe ich viel trainiert, viel getüftelt, bin stabiler geworden. Das genieße ich. Solange es nach vorn geht, passt alles bestens.

Standard: Lassen Sie sich Zeit?

Schild: Ich bin ein Mensch, der sein Leben passieren lässt. Wenn etwas länger dauert, muss man das akzeptieren. Wer weiß, wofür das gut ist. Ich lerne gerne, mir kann man noch genug Sachen beibringen.

Standard: Planen Sie voraus?

Schild: Ich weiß nicht einmal, was ich im nächsten Jahr machen werde. Skifahren schon, aber vielleicht probiere ich ganz andere Ansätze und Anreize beim Training aus. Wenn ich auf Urlaub fahre, habe ich überhaupt keinen Plan. Ich weiß ungefähr, in welches Land ich will, aber sonst nicht viel. Beim letzten längeren Urlaub bin ich mit meinem Freund im alten VW Bus nach Sardinien gefahren. Wir haben das Ticket für die Fähre gehabt, sonst nichts. Wo es uns gefallen hat, sind wir stehen geblieben.

Standard: Im Sport ist alles viel durchstrukturierter. Wie kommen Sie damit zurecht?

Schild: Es ist vieles Punkt für Punkt vorgegeben, das stimmt. Man steht auf, geht trainieren, schaut Videos, regeneriert, isst zu Mittag, trainiert weiter. Heute ist man da, morgen dort. Damit habe ich lernen müssen umzugehen. Ich hab's nicht gern, wenn mir jemand sagt, was ich zu tun habe. Den Freigeist in mir lebe ich im Urlaub aus.

Standard: Und wie funktioniert das während der Skisaison?

Schild: Ich probiere für mich, Kreativität in den Alltag einzubringen. Das ist nicht leicht, zugegeben. Aber es ist zum Glück nicht alles auf den Sport ausgerichtet. Ein paar Stunden Zeit für mich und meine Freunde, und dann habe ich auch gegen ein bisschen Struktur nichts einzuwenden.

Standard: Angenommen, Sie würden noch mehr Fokus auf den Sport legen: Wären Sie erfolgreicher?

Schild: Sicher nicht. Ich hab schon probiert, viel mehr in den Sport zu investieren und nichts anderes mehr zuzulassen. Das hat bei mir aber nicht funktioniert, weil ich die Freude daran verliere. Da muss ich mich einengen, und das pack ich nicht. Da klappt dann das Skifahren auch nicht mehr. (David Krutzler, DER STANDARD, 22.1.2013)

Bernadette Schild (23) aus Saalfelden wurde 2008 Junioren-Weltmeisterin im Slalom. Im Disziplinen-Weltcup ist sie aktuell Elfte.

  • "In der Schülerzeit war ich nicht schnell. Da hab ich alles andere gemacht außer Skifahren", sagt Bernadette Schild (li).
    foto: apa/ gindl

    "In der Schülerzeit war ich nicht schnell. Da hab ich alles andere gemacht außer Skifahren", sagt Bernadette Schild (li).

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