Schnellbahn-Kollision nach Weichendefekt: Strecke wieder befahrbar

22. Jänner 2013, 10:35
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Dem S-Bahn-Crash ging ein Weichendefekt und wahrscheinlich menschliches Versagen voraus - Die beiden Lokführer dürften Schlimmeres verhindert haben - Einer von ihnen wurde schwer verletzt, ist aber außer Lebensgefahr

Wien - Fünf Schwerverletzte, mindestens 41 Leichtverletzte, enormer Sachschaden und eine vor übergehende Sperre der Westbahnstrecke - das ist die Bilanz einer Kollision zweier vollbesetzter Schnellbahnzüge der Linie S45 zwischen den Stationen Hütteldorf und Penzing am Montagvormittag. Die Unfallursache sei wahrscheinlich menschliches Versagen, hieß es am Montagabend von den ÖBB. 

Der Lokführer, der sich nach der Kollision noch in Lebensgefahr befand, ist inzwischen in einem stabilen Zustand, sagte eine Sprecherin der AUVA-Landesstelle Wien am Dienstag. Er war einer der fünf Schwerverletzten und wurde nach dem Unglück notoperiert.

Strecke wieder befahrbar

Die Westbahnstrecke ist seit Dienstag, 4.00 Uhr, bereits wieder befahrbar. Die S45 konnte zum Frühverkehr den Zehn-Minuten-Takt im Abschnitt von Penzing bis Hütteldorf noch nicht zu Gänze einhalten, laut OEBB-Streckeninformation soll dies aber seit 10.00 Uhr wieder möglich sein. Auch die vom Unglück ebenfalls betroffene S50 ist wieder voll im Einsatz.

Ab Betriebsbeginn der S45 entfielen ab Penzing jeweils die Züge zur Minute 22 und 52 sowie ab Hütteldorf jeweils die Züge zur vollen Stunde und Minute 30 im Streckenabschnitt Wien Penzing und Wien Hütteldorf. Ersatz war laut ÖBB die jeweils nachfolgende S-Bahn bzw. die Züge der Linie S50 sowie die planmäßig in Penzing haltenden Regionalzüge.

Technische Störung und menschliches Versagen

Nach einer technischen Störung bei einer automatischen Weiche übernahm der Fahrdienstleiter die Steuerung - und gab einem Zug Richtung Penzing die Fahrerlaubnis, obwohl auf der einspurigen Strecke bereits ein Zug in die Gegenrichtung unterwegs war. Ein endgültiger Bericht über den Unfall soll aber erst in den nächsten Tagen vorliegen. Der Betriebsrat der ÖBB warnte umgehend vor "Vorverurteilungen" noch vor Abschluss der Ermittlungen.

Vorortelinie

In Wien ist die S45 besser unter ihrem historischen Namen Vorortelinie bekannt. Sie war Teil der Stadtbahn, die von Otto Wagner geplant worden war und 1898 in Betrieb ging. Als einziger Teil des Stadtbahnnetzes ist sie aber nie in den Besitz der Stadt übergegangen, sondern bei den ÖBB verblieben.

Heute verbindet sie auf 17 Kilometern sechs Bezirke. Zwischen Hütteldorf und Handelskai sind täglich 30.000 Fahrgäste unterwegs - am schnellsten mit bis zu 100 km/h üblicherweise dort, wo jetzt die Kollision geschehen ist, zwischen Hütteldorf und Penzing.

Zum Zeitpunkt des Unfalls dürften die Züge aber nur mit jeweils rund 30 km/h unterwegs gewesen sein. Beide Fahrer der modernen Niederflurtriebwagen haben wahrscheinlich mit Bremsmanövern Schlimmeres verhindert. Einer der beiden Fahrer konnte sich nicht mehr rechtzeitig nach hinten begeben und wurde bei dem Zusammenstoß schwer verletzt.

Leitern und Bergekörbe

Nach Angaben der Rettung erlitten zwei Menschen lebensgefährliche Verletzungen. Die Bergung aller Fahrgäste dauerte gut zwei Stunden, weil die havarierten Garnituren auf einem Bahndamm im Bereich der Zehetnergasse zum Stehen kamen. Verletzte mussten teilweise mit Leitern und Bergekörben der Feuerwehr heruntergeholt werden. Ein Passagier, der direkt hinter der Trieb wagenführerkabine gesessen war, wurde ebenfalls schwer verletzt und musste aus dem Wrack her ausgeschnitten werden.

Insgesamt waren etwa 70 Feuerwehrleute, dutzende Rettungskräfte und zwei Notarzthubschrauber im Einsatz. Die Schwerverletzten wurden im Unfall krankenhaus Meidling, im Wiener AKH und im Wilhelminenspital versorgt.

Chaos am Westbahnhof

Bis zum frühen Nachmittag blieb wegen der Bergungsarbeiten auch die parallel führende Westbahnstrecke gesperrt, was den Fahrplan gehörig durcheinanderbrachte. Trotz permanenter Durchsagen, dass - wegen "verkehrs bedingter Behinderung" - Züge Richtung Westen vom Hütteldorfer Bahnhof abfuhren, harrten zahlreiche Fahrgäste auf dem Wiener Westbahnhof aus. Passagiere, die mit U6 und U4 nach Hütteldorf fuhren, mussten jedenfalls kein Extraticket für die Wiener Öffis lösen. Heute, Dienstag, soll die S45 wieder den durchgehenden Betrieb aufnehmen. (simo, DER STANDARD/APA, 22.1.2013)

Links

Bilder vom schweren Zugsunglück auf der S45 in Wien

Streckeninformation der ÖBB

Chronologie

In den vergangenen Jahren kam es in Wien mehrfach zu Kollisionen im Bahnverkehr:

28.9.2012: Die Lokomotive und der erste Waggon eines Intercity nach Salzburg springen kurz nach der Abfahrt vom Westbahnhof aus den Schienen. Es wird niemand verletzt.

20. 06.2011: Beim Westbahnhof kollidieren eine Verschublok und eine Lok mit einer Garnitur leerer Waggons. Zwei Verschubmitarbeiter werden verletzt.

9.10.2009: Eine Schnellbahn stößt beim Matzleinsdorfer Platz mit einem Oberbauzug zusammen, beide sind auf dem gleichen Gleis unterwegs. Ein ÖBB-Mitarbeiter des Baufahrzeugs wird schwer, 13 Passagiere werden leicht bis mittelschwer verletzt.

30.4.2007: Am Südbahnhof kommt es zur seitlichen Kollision zweier Verschubzüge. Ein ÖBB-Mitarbeiter wird schwer verletzt.

28.9.2006: In der sogenannten Oswald-Schleife im Bereich Schöpfwerk-Tscherttegasse auf der Verbindungsstrecke zwischen West- und Ostbahn stößt ein Schnellzug aus Ungarn mit einer Draisine zusammen. Vier ÖBB-Arbeiter werden verletzt, drei von ihnen schwer.

Nachlese
Züge der S45 in Wien kollidiert: Problem mit Weiche als Ursache -
Insgesamt 41 Verletzte, zwei Menschen in Lebensgefahr - Bergung aller Fahrgäste dauerte zwei Stunden - Weststrecke bis Hütteldorf gesperrt

 

  • Zugunglück in Wien
    karte: apa

    Zugunglück in Wien

  • Zwei Garnituren der S45 sind in Wien-Penzing kollidiert. Die Triebwagen schoben sich frontal ineinander. Mehr Bilder von dem Unfall gibt es hier.
    foto: apa/roland schlager

    Zwei Garnituren der S45 sind in Wien-Penzing kollidiert. Die Triebwagen schoben sich frontal ineinander. Mehr Bilder von dem Unfall gibt es hier.

  • Fünf Personen wurden schwer verletzt, zwei davon schweben in Lebensgefahr.
    foto: apa/roland schlager

    Fünf Personen wurden schwer verletzt, zwei davon schweben in Lebensgefahr.

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