Händels "Radamisto": Opernlichter eines düsteren Charakters

Ljubiša Tošic, 21. Jänner 2013, 17:20
  • Verhalf im Theater an der Wien einer Inszenierung zu Glanz- 
momenten: Florian Boesch als Diktator Tiridate.
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    foto: lilli strauss/dapd

    Verhalf im Theater an der Wien einer Inszenierung zu Glanz- momenten: Florian Boesch als Diktator Tiridate.

In einem soliden Umfeld glänzte Florian Boesch als Tiridate. Auch das Freiburger Barockorchester unter Dirigent Rene Jacobs überzeugte

Wien - Es wäre zweifellos erwägenswert, ihm in der Operngalerie der schillernden Machtungustln einen würdigen Platz einzuräumen: Tiridate, dem seine Gattin Polissena nur noch lästig ist. Tiridate, König Gnadenlos Armeniens, der von Familienaufstellung als Problemlösungsansatz nichts hält, der vielmehr die nächsten Verwandten seiner Gattin in einem Kriegszug auszuradieren bereit ist - schlicht, da er an einer heiklen Stelle Regungen verspürt.

Dass seine neue Angebetete, Zenobia also, mit Radamisto verheiratet ist, dem Bruder seiner ihm (wie gesagt) lästigen Gattin Polissena, tangiert ihn nicht sonderlich. Tiridate ist bereit, alles aus dieser Welt fegen zu lassen, was der Trieberfüllung im Wege steht. Also auch den Herrscher von Thrakien - Farasmane, Vater seiner Gattin und von Radamisto. Ein solches Monster verleiht einer Barockoper reichlich dramaturgische Energie. Wenn es auch noch der Obhut eines Darstellers von der Güteklasse eines Florian Boesch überantwortet wird, steht Georg Friedrich Händels Oper Radamisto im Theater an der Wien vor der Umbenennung in Tiridate. Regisseur Vincent Boussard sieht in diesem Werk die Initiationsstory des Prinzen Radamisto, der zum Herrscher wird und seines Amtes schließlich mit (Happy End bewirkender) Mildtätigkeit auch waltet.

Ein düsterer Charakter

Boesch dominiert die Szenerie mit einer in die Tiefe gehenden Auslotung eines düsteren Charakters. Sein Tiridate ist ein sich mangelnder Empathie bewusster Darsteller aller Gefühlslagen, die ihn seinen Zielen näher bringen. Da sind kindlicher Charme und Erpressung. Momente schrulligen, unberechenbaren Narzissmus stehen neben eitlem Einüben von Posen, wenn es darum geht, sich auf die Begegnung mit der wenig begeisterten Zenobia (intensiv, aber vokal nicht immer sattelfest Patricia Bardon) vorzubereiten, die mit samtig-weichem Tonfall umgarnt wird.

Virtuos, wie Boesch dies alles auch vokal auszudrücken vermag - ob er nun auf einem langen Tisch oder vor einem imaginären Spiegel steht. Ob er in diesem kahlen Raum aus einer der drei Türen kommt (Bühnenbild: Vincent Lamaire) oder seine potenziellen Opfer antobt. An sich will man diese Charakterstudie auch der Regie aufs Ideenkonto gutschreiben. Auch die Kostüme des französischen Designers Christian Lacroix waren in ihrer multihistorischen Offenheit eine Augenweide. Skeptisch stimmt allerdings, dass Vincent Boussard um Boesch herum vielfach nur ein Arienkonzert inszeniert hat, behübscht mit Filmprojektionen quirliger Zierfische.

Mit solch Illustrationen sollte so etwas wie die unbewusste Traumebene der Figuren transparent werden. Leider jedoch wirkt dieses Aquarienambiente reichlich abgekoppelt von den Bühnenvorgängen, bleibt somit ohne inhaltlichen Zusammenhang mit der Geschichte.

Der solide Gesang

So wirkt Boesch letztlich als subtile Ein-Tyrann-Oper im Milieu der szenischen Versteifungen. Traumsymbolische Interpretationen von - in der Oper eher alltäglichen - Utensilien (wie Schirm und Tisch) können sie nicht auflockern. Auch von der vokalen Seite her gibt es keine Erhebung über das Solide hinaus. Am stabilsten wirkte im Grunde Sophie Karthäuser (als Polissena), passabel auch Jeremy Ovenden (als Tigrane) und Fulvio Bettini (als Farasmane).

David Daniels (als Radamisto) schlug sich wacker im Lyrischen und bei Koloraturen, blieb aber doch einiges an Präsenz - sowohl vokal wie auch rollenmäßig - schuldig. So blieb es am Freiburger Barockorchester unter Rene Jacobs, das musikalische Niveau über den Durchschnitt zu heben. Ein verlässlich das Geschehen tragendes Kollektiv ließ sich bisweilen von Jacobs zu erfrischend ruppigen Akzenten animieren, denen theatrale Kraft innewohnte. Mühelos allerdings setzte man zwischendurch auch elegant delikate Phrasierungspointen. Eine Glanzleistung im Mikro- und Makrokosmos der Partitur. In den Applaus mixten sich Buhs für die Regie. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 22.1.2013)

22., 24., 27., 29. und 31.1., 19.00

Dramaturgische Klippen elegant umschifft

Radamisto ist ja kein einfaches Werk - Schauplatzwechsel, Handlungslücken, eher schwache Dramaturgie des Librettos (mit wenig Interaktion der Figuren) und ein aufgesetztes Happy End.

Letzteres umschifft Boussard mit dem famosen Florian Boesch elegant: Der, ein fast kindhaft triebgesteuerter Brutalo im Liebesrausch wähnt sich nämlich schon die letzte halbe Stunde, angesichts der unerschütterlichen Tugendhaftigkeit und Prinzipienfestigkeit der anderen Hauptfiguren sichtbar im falschen Film - und streicht schließlich die Segel.

Tiridate ist einfach der dramaturgische Motor der Oper - alle anderen Figuren reagieren eigentlich nur auf ihn und sind sonst eher "autistisch".
Schöne, atmosphärische Bilder; einige starke szenische Detailarbeiten.

22.01. - Musikalisch großartig

Irgendwie seltsam - von den bei Premieren immer wieder bekrittelten Stimmproblemen einzelner Sängerinnen und Sänger ist bei den Folgeaufführungen bereits nichts mehr zu hören.

Daniels war gestern jedenfalls großartig - vor allem im zweiten Teil mit seinen extrem kräfteraubenden Arien. Da hat sich gezeigt, was dieser (auch nicht mehr ganz junge) Mann an stimmlichen Mittel aufzubieten hat. Zudem haben auch Countertenöre (wie Tenöre) unterschiedliche Fächer - und Daniels ist der klassische "Heldencountertenor".

Boesch gewohnt toll, Karthäuser und Bardon ebenfalls sehr gut - letztere mit großer Präsenz und Emotion. Die oft etwas "ruppigen" tiefen Töne in den Kolloraturen sind übrigens ein Markenzeichen von Jacobs, der diese ausarbeitet.

ich fand sowohl boesch als auch daniels in der darstellung einfach nur peinlich. die regie und ausstattung sinnlos und jacobs wie immer überschätzt. wenn ich da an das freiburger barockorchester unter bolton bei gluck denke, verstärkt sich noch der negative eindruck...
der intendant sollte das saallich-anschalten nicht so lange hinauszögern, sonst derstessen sich irgendwann einmal die leute beim rausgehen...

Niemand zwingt die Leute, sofort hinauszustürmen.

Wer vorher zwei, drei Stunden in einer Oper gesessen ist, wird es auch noch ein paar Minuten aushalten.
Oder soll jetzt das Orchester schneller spielen oder das Stück auf 45 Minuten gekürzt werden, damit die Leute noch früher das Theater verlassen können?
Dass Applaus und Verbeugen Teil einer Theatervorstellung oder eines Konzerts sind, scheinen manche Leute auch nach Jahren noch nicht begriffen zu haben.

sie scheinen nicht begriffen zu haben, dass es jedem frei steht, das theater wann immer zu verlassen - und ich nahm bezug darauf, dass der intendant immer versucht, wenn der applaus abzuebben beginnt, gegenzusteuern, indem er das saallich solange es geht nicht aufdrehen läßt und bereits der größte teil des publikums in dunkelheit zu den ausgängen tappt und das ist unverantwortlich und gibt`s nur im th. a. d. wien.

Das SAALLICHT

- mit dieser Hinauszögerung wird doch nur versucht, Applaus auszulösen. Würde's gleich hell, nützten viele Besucher doch diese Chance zur Flucht!

andere vorstellung?

da waren sie wohl in einer anderen vorstellung als ich? ich fand daniels eher enttäuschend, aber ansonsten eine stimmige runde inszenierung mit einem herausragenden boesch.

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