Ölförderung in der Arktis: "Bei Katastrophe bleibt nur noch der Schrubber"

Interview23. Jänner 2013, 05:30
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Der Biologe Jörg Feddern erklärt, warum es hochriskant ist, in der Arktis nach Öl zu bohren

Bereits seit Jahren fließen tausende Tonnen Schweröl über sibirische Flüsse ins arktische Meer. Trotzdem bekam der Energiekonzern Shell von der US-Regierung eine Fördergenehmigung für die Arktis ausgestellt. Die könnte nach den jüngsten Unfällen mit Ölbohrschiffen aber wieder entzogen werden.

Derzeit gibt es keine sichere Fördertechnik, die der gefährlichen Witterung in der Arktis standhalten kann. Greenpeace-Experte Jörg Feddern befürchtet trotz aller Risiken für die Umwelt einen Run auf die arktischen Erdölvorkommen - die allerdings nur drei Jahre lang den Weltverbrauch abdecken könnten.

derStandard.at: Anfang Jänner lief das Shell-Ölbohrschiff "Kulluk" vor Alaska auf Grund. Wie gefährlich war der Zwischenfall wirklich?

Feddern: Jeder Unfall einer Plattform ist für die Umwelt gefährlich. Egal, wie viel Öl oder ölhaltige Substanzen an Bord sind. Wenn man das allerdings mit anderen Katastrophen wie der Exxon Valdez im Jahr 1989 vergleicht, war es ein eher kleiner Unfall. Dadurch hat sich aber gezeigt, dass Shell keine sichere Technik besitzt, um in der Arktis nach Öl zu bohren. 

derStandard.at: Welche Technik wäre dafür notwendig?

Feddern: Wir gehen davon aus, dass es überhaupt keine Technik gibt, um in diesen Regionen sicher nach Öl zu suchen. Bei dem Unfall der Exxon Valdez haben wir gesehen, wie schlimm es ist, wenn ein Ölunfall in der Arktis oder den arktischen Regionen passiert. Wir können heute noch, über zwanzig Jahre danach, die Auswirkung dieser Katastrophe feststellen. Es gibt Regionen auf dieser Welt, und dazu gehört die Arktis, die von der Öl- und Gasindustrie frei bleiben müssen.

derStandard.at: Sprechen Sie damit die gefährlichen Witterungsbedingungen an, die in der Arktis herrschen?

Feddern: Ja, vor allem die niedrigen Temperaturen, die halbjährige Dunkelheit, die unvorhersehbaren starken Stürme, die Eisdrift und die Eisbedeckung. Dadurch ist es aus unserer Sicht unmöglich, dort nach Öl zu bohren. Aber das ist gar nicht notwendig, denn es gibt Alternativen. Erneuerbare Energien brauchen wir künftig immer mehr. Das Ölzeitalter wird in absehbarer Zeit zu Ende gehen, weil das Öl aufgebraucht ist. Und die vorhandenen Ölvorkommen sind schwer zu erreichen und schwer zu fördern. 

derStandard.at: In der Arktis liegen nach Schätzungen etwa 13 Prozent aller unentdeckten Ölvorkommen. Wie viel ist das? Wie lange könnten wir von diesem Ölvorkommen überhaupt zehren?

Feddern: Wie viel es wirklich ist, weiß niemand. Man geht davon aus, dass die Ölreserven in dieser Menge weltweit einzigartig sind. Es handelt sich dabei um umgerechnet etwa 90 Milliarden Barrel Öl. Ein Barrel sind 159 Liter. Allerdings ist klar, dass nicht das komplette Volumen gefördert werden kann, das ist unmöglich. Diese Menge Öl würde zudem den weltweiten Verbrauch für nur rund drei Jahre abdecken.

derStandard.at: Was wäre ein "Worst-Case-Szenario" für einen Ölunfall in der Arktis?

Feddern: Wenn ein Blow-out, also ein unkontrollierter Austritt von Öl aus dem Meeresboden, kurz vor Ende des Sommers passiert, kann man keine Ölbekämpfungsmaßnahmen durchführen. Dann wird es dunkel, das Eis kommt und schwere Stürme werden erwartet. Das heißt, man müsste mindestens ein halbes Jahr warten, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen. 

Das ist für uns Grund genug, um zu sagen: Hände weg von der Arktis. Wir haben gesehen, wie lange es dauert, einen Blow-out wie im Golf von Mexiko in den Griff zu bekommen. Das war schon schlimm genug. Jetzt stellen Sie sich vor, das passiert in der Arktis, wo das Öl so gut wie nicht abgebaut werden kann. Das wäre für diese Region ein Desaster. 

derStandard.at: Wie groß wäre ein Austritt, wenn man ein halbes Jahr nicht eingreifen kann?

Feddern: Das ist ganz schwer zu sagen und kommt darauf an, wie viel Öl in diesen Reservoirs ist, die sie anbohren wollen. Shell weiß das selber nicht und deshalb führen sie diese Probebohrungen durch. Es gibt aber Schätzungen, dass der Austritt zwischen 25.000 und 60.000 Barrel pro Tag betragen kann. Und wenn das im September passieren würde, dann läuft jeden Tag eine sehr große Menge Öl aus. Da wird die Katastrophe im Golf von Mexiko noch einmal potenziert und das in einer Region, wo Ölbekämpfungsmaßnahmen massiv beschränkt sind.

derStandard.at: Das wäre jetzt nur eines der Szenarien. Was wäre ein weiteres?

Feddern: Wir befürchten natürlich, wenn Shell mit seinen Bohrungen fortfährt und zeigt, dass es wirtschaftlich funktioniert, Öl in der Arktis zu fördern, dass sich auch andere Ölkonzerne wie Gazprom oder Esso auf den Weg machen. Diese Ölreserven bedeuten für die Konzerne pures Geld. Da ist für sie die Umwelt zweitrangig. Wenn andere Konzerne folgen, entwickelt sich die noch unberührte Arktis zu einem gigantischen Industriegebiet. Es ist nicht nur so, dass die Reserven vor der Küste Alaskas sind, sondern auch vor der Küste Grönlands, Russlands, Norwegens. Überall dort ist damit zu rechnen, dass ein Run auf die Arktis einsetzt.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hätte das auf das Ökosystem Arktis?

Feddern: Die Nordsee ist ein gutes Beispiel dafür, was so ein Run auslösen kann. Viele Menschen fahren dort gerne auf Urlaub hin, aber kaum jemand weiß, dass sich nur 100 bis 150 Kilometer weiter nördlich eines der größten Industriegebiete Europas befindet: die Öl- und Gasindustrie in der Nordsee. Die Förderungen haben in den 1960er- und 70er-Jahren begonnen und die Aktivitäten sind jetzt gigantisch.

Die Ölförderung befindet sich dort zwar im Abschwung, weil die Ölfelder langsam erschöpft sind, aber alleine durch den alltäglichen Betrieb kommen 10.000 Tonnen Öl ohne Unfälle in die Nordsee. Wenn man sich vorstellt, dass diese Firmen in der menschenleeren Arktis nach Öl bohren, kann man nie sicher sein, dass sie so sauber arbeiten, dass die Umwelt nicht belastet wird. Hinzu kommt, dass das Öl verbrannt wird und CO2 entsteht. Das sorgt bereits jetzt dafür, dass die Arktis unter massivem Druck steht. 

derStandard.at: Es gibt derzeit keine Möglichkeit, Öl von Eis zu entfernen ...

Feddern: Das ist richtig. Man schätzt, dass man prinzipiell von ausgetretenem Öl unter den besten Bedingungen nur zehn Prozent bergen kann, und das ist schon richtig gut.

derStandard.at: Wie würde man also bei einem Ölunfall vorgehen? Müsste man mit Besen und Schrubber losziehen?

Feddern: Ja, falls es das Wetter zulässt, bleiben nur noch Besen und Schrubber. Öl, das an die Oberfläche kommt, wird sich auf und unter den Eisschollen bewegen. Wie man das aus dem Wasser bekommt, darauf kann Shell gar keine Antwort geben. 

Im Jahr 2008 gab es einen kleinen Unfall im Fjord von Oslo. Damals ist ein Containerfrachter verunglückt und hat etwa 200 Tonnen Treibstoff verloren. Man hat es nur mit großer Mühe geschafft, einen Teil des Öls zu entfernen. Obwohl Sperren installiert wurden und mit Baggern versucht wurde, die Eisschollen rauszuholen, ist das alles gescheitert.

derStandard.at: Was sind konkrete Forderungen von Greenpeace und was sollten die nächsten Schritte sein, die man einleiten kann, um zu verhindern, dass in der Arktis gebohrt wird?

Feddern: Unsere Forderung ist, dass die Ölindustrie aus der Arktis verschwinden muss. Wir fordern ein Schutzgebiet rund um den Nordpol, in der hohen Arktis. Dieses Gebiet ist momentan noch hohe See und gehört letztlich uns allen. Über eine UNO-Resolution kann man es schaffen, dieses Gebiet als Schutzgebiet zu deklarieren. Damit wäre jegliche industrielle Nutzung ausgeschlossen. Das werden wir nicht heuer und nicht nächstes Jahr erreichen. 

Ein Weg ist auch jener der US-Regierung, dass Pläne der Ölindustrie auf den Prüfstand gestellt oder sogar keine Lizenzen mehr vergeben werden. Vorhandene Lizenzen sollten zurückgezogen werden.

derStandard.at: Nach dem "Kulluk"-Zwischenfall hat der amerikanische Innenminister eine Untersuchung angeordnet. Was könnte das für die Bohrgenehmigung von Shell bedeuten?

Feddern: Ich glaube, spätestens nach dem Zwischenfall mit der "Kulluk" ist die amerikanische Regierung hellhörig geworden und stellt sich die Frage, ob Shell überhaupt in der Lage ist, in der Arktis Öl zu fördern. Nun findet ein 60-tägiges Überprüfungsverfahren statt. Danach ist es gut möglich, dass die US-Regierung die Bohrerlaubnis zurückzieht.

Es gab ja nicht nur den Unfall der "Kulluk". Auch das andere Bohrschiff von Shell, die "Noble Discoverer", hatte sich im Juli 2012 losgerissen und den Meeresgrund berührt. Danach wurde das Notfallequipment getestet, allerdings nicht unter arktischen, sondern unter normalen Bedingungen. Dieser Test ist vollkommen fehlgeschlagen. 

derStandard.at: Inwiefern?

Feddern: Die amerikanische Regierung legte nicht zuletzt wegen des Unfalls der "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko neue Auflagen für Ölunternehmen fest, um in solchen Regionen wie der Arktis zu bohren. Eine davon ist zum Beispiel, dass mindestens zwei Ölplattformen vorhanden sein müssen. Sollte es zu einem Blow-out, kommen, wird die zweite Plattform dazu benutzt, eine Entlastungsbohrung durchzuführen. Außerdem ist es vorgeschrieben, dass eine Art von Glocke mitgeführt wird, die bei einem Blow-out über das Loch gestülpt wird, um den Ölaustritt zu beenden. 

Diese Glocke wurde im vergangenen September in der Nähe von Seattle getestet, also nicht einmal in der Nähe der Arktis, und es traten mehrere Defekte auf. Ein beteiligter Arbeiter beschrieb, dass die Glocke unter Wasser wie eine Bierdose zusammengedrückt wurde. Außerdem räumt Shell selbst ein, dass unter bestimmten widrigen Wetterbedingungen Ölbekämpfungsmaßnahmen eingestellt werden müssten.

derStandard.at: Haben Sie persönlich einen Vorschlag, wie Unternehmen, denen ein Ölunfall passiert, zur Verantwortung gezogen werden können?

Feddern: International gibt es keine einheitlichen Regeln. Man sollte dafür sorgen, dass Ölkonzerne komplett für einen Ölschaden aufkommen müssen. Außerdem sollen alle Plattformen auf den technisch höchsten Standard hin überprüft werden. Sollte der nicht gegeben sein, dann muss die Genehmigung entzogen werden. 

Dabei macht es keinen Unterschied, ob sich die Plattformen an Land oder im Meer befinden. Ich war selbst in der arktischen Komi-Region in Russland und habe dort Ölunfälle gesehen, die täglich passieren. Selbst die Behörden räumen ein, dass etwa 500.000 Tonnen Öl allein über die sibirischen Flüsse in die Arktis gelangen. Das sind gigantische Mengen, die wir uns nicht vorstellen können. (Bianca Blei, derStandard.at, 22.1.2013)

Jörg Feddern, geboren 13. September 1960, ist Diplombiologe und seit 1994 bei Greenpeace beschäftigt. Ab 1997 war Feddern als Energiekampaigner für den Ausbau Erneuerbarer Energien zuständig und hat maßgeblich am Aufbau des zweitgrößten deutschen Ökostromanbieters, Greenpeace energy eG, mitgewirkt. Seit 2000 ist Feddern bei Greenpeace für das Thema Öl zuständig. Dies umfasst Einsätze bei Tanker- oder Plattformunfällen und Dokumentationen von Verschmutzungen von Ölplattformen in der Nordsee. Im März 2011  war er zwei  Wochen lang am Golf von Mexiko, um die Auswirkungen des Deepwater-Horizon-Unglücks ein Jahr danach in Augenschein zu nehmen.

  • Anfang Jänner lief das Shell-Ölbohrschiff "Kulluk" vor der Küste Alaskas auf Grund. Das Schiff führte dort Probebohrungen für den Energiekonzern durch.
    foto: reuters/u.s. coast guard/petty officer 2nd class zachary painter/handout

    Anfang Jänner lief das Shell-Ölbohrschiff "Kulluk" vor der Küste Alaskas auf Grund. Das Schiff führte dort Probebohrungen für den Energiekonzern durch.

  • Im April 2010 havarierte die Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. Nach der Katastrophe liefen 4,9 Millionen Barrel Öl ins Meer.
    foto: epa/us coast guard / handout

    Im April 2010 havarierte die Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. Nach der Katastrophe liefen 4,9 Millionen Barrel Öl ins Meer.

  • Am 19. November 2008 lief das Containerschiff "Crete Cement" vor Oslo auf Grund. Trotz Ölsperren konnte die Verschmutzung durch Schweröl und Treibstoff nicht aufgehalten werden.
    foto: ap photo/ cornelius poppe / scanpix

    Am 19. November 2008 lief das Containerschiff "Crete Cement" vor Oslo auf Grund. Trotz Ölsperren konnte die Verschmutzung durch Schweröl und Treibstoff nicht aufgehalten werden.

  • Eine der größten Ölkatastrophen weltweit war der Unfall der "Exxon Valdez" am 24. März 1989 im Süden 
Alaskas. Dabei verlor das Schiff rund 40.000 Tonnen Rohöl. Küstengewässer und Küste wurden verseucht, hunderttausende 
Tiere verendeten.
    foto: ap photo/john gaps iii

    Eine der größten Ölkatastrophen weltweit war der Unfall der "Exxon Valdez" am 24. März 1989 im Süden Alaskas. Dabei verlor das Schiff rund 40.000 Tonnen Rohöl. Küstengewässer und Küste wurden verseucht, hunderttausende Tiere verendeten.

  • "Die Ölindustrie muss raus aus der Arktis", sagt Diplombiologe Jörg Feddern.
    foto: greenpeace

    "Die Ölindustrie muss raus aus der Arktis", sagt Diplombiologe Jörg Feddern.

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