Raspberry Pi: "Wir dachten, wir verkaufen tausend Stück"

22. Jänner 2013, 09:11
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Bildungsprojekt als Erfolgsstory - viele Projekte zeigen das große Potenzial der kleinen Platine

Ein 35 Dollar Linux-Rechner "Raspberry Pi" hat vergangenes Jahr die Herzen der Bastler im Sturm erobert. Mit der großen Popularität der "Himbeere" hatten selbst seine Erfinder nicht gerechnet, wie sie gegenüber ZDNet zugeben.

100.000 Bestellungen am ersten Tag

Den ersten Blick auf das Gerät erheischte die Welt schon im Mai 2011 in einem Video der BBC. In den kommenden Monaten war schnell klar, dass man die ursprünglich geplante Stückzahl an zu produzierenden Platinen deutlich erhöhen müsse. "Wir dachten, wir verkaufen tausend Stück", hatte man zuvor noch bescheiden geschätzt.

Also wurde der erste Produktions-Durchlauf auf 10.000 Geräte aufgestockt. Im Februar 2012 startete man schließlich und erhielt schon am ersten Tag Bestellungen für die zehnfache Menge. Die Folge: massive Lieferverzögerungen für viele Besteller. Mittlerweile kann man mit dem Bedarf einigermaßen Schritt halten, insgesamt wurden bisher über 700.000 "Pis" ausgeliefert.

"Die Kinder waren verrückt danach"

Das Vorhaben des Raspberry Pi-Projektes war es, das Interesse junger Menschen an Computern und dem Programmieren zu wecken. Weswegen das Projekt sich ursprünglich an Schulen richtete. Dass dies funktionieren würde, war zuerst einmal nur eine Annahme.

Entsprechend groß war die Nervosität, als man den kleinen Rechner erstmals dem Zielpublikum vorstellte. "Wir haben die Geräte eine Woche vor dem Start in eine Schule mitgenommen und die Kinder waren verrückt danach", erklärt Eben Upton, einer der Mitgründer der Raspberry Pi-Stiftung. "Es wäre herzzerbrechend gewesen, wenn sie kein Interesse gezeigt hätten."

Das Gefühl, eine Maschine kontrollieren zu können das, was Kinder zum Programmieren bringt, meint er. "Es ist dieses Gefühl der Macht darin, einen Computer dazu zu bringen, etwas bestimmtes zu tun."

Immer mehr Bestellungen von Unternehmen

Der Pi wird, insbesondere seit dem es möglich ist, große Stückzahlen auf einmal zu bestellen, auch zunehmend für Unternehmen interessant. Seit Massenbestellungen angenommen werden, verzeichnet Lieferant Premier Farnell eine beständige Zunahme von derartigen Bestellungen. Im Businessumfeld wird der Pi gerne für Automatisierungsprozesse eingesetzt.

Nachfolger geplant, aber noch nicht 2013

Auch über eine zweite Generation des kleinen Rechners macht man sich bei der Stiftung bereits Gedanken, man möchte aber abwarten, damit das Potenzial des aktuellen Modells noch ausgeschöpft wird. "Es wird irgendwann einen Nachfolger geben", sagt Upton. "Ich denke 2013 ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich will nicht die 700.000 Pis, die schon im Umlauf sind, zu Waisen machen."

Die Konzentration gilt derzeit Performancesteigerungen durch softwareseitige Verbesserungen. "Die ARM11-Architektur hat nicht besonders viel gezielte Optimierung erhalten, die Früchte hängen also tief". Allein im Sommer haben Update für die "Raspbian"-Linux-Distribution massive Fortschritte gebracht. Nach Uptons Vorstellung könnte man das Betriebssystem künftig um wenig benötigte Features reduzieren und den User der Einfachheit halber direkt in eine Entwicklungsumgebung booten lassen.

Bescheidene Hardware, großes Potenzial

Trotz der relativ bescheidenen Hardware - das Gerät läuft mit einer 700 MHz-ARM-CPU sowie 256 MB bzw. 512 MB RAM (B-Version seit Oktober 2012) - haben findige Tüftler auf der ganzen Welt die verschiedensten Projekte damit umgesetzt. Wired hat einige davon vorgestellt.

RasPiLapse

Beispielsweise eine Zeitraffer-Kamera. Statt eine vierstellige Summe in ein professionelles Gerät zu stecken oder auf die erfolgreiche Umsetzung diverser Kickstarter-Projekte zu warten, hat Rick Adam eine solche im Eigenbau umgesetzt. Mithilfe des Raspberry Pi und ein paar hundert Dollar für Alurahmen, Motoren und Akkus sowie der Programmiersprache Python verwirklichte er das Projekt "RasPiLapse".

Fire Hero 3

Heiß geht es zu bei "Fire Hero 3". Weil ein Heavy-Metal-Konzert mit pyrotechnischer Unterstützung gleich viel mehr Charme versprüht, setzte das Team rund um Chris Marion mit der offenen Platine eine Steuereinheit für ihr feuriges Equipment um. Die kleine Platine sorgt nun dafür, dass zwei große und sechs kleine Feuerkanonen den E-Gitarrenklängen eine würdige, optische Untermalung verpassen.

Micro Arcade Machine

Ebenfalls einen Blick wert ist die Raspberry-Pi-basierte "Micro Arcade Machine", die die Herzen von Retro-Gamern erwärmen dürfte. Mit einem kleinen Case, LCD-Display, einem Analogstick, Buttons und einer "Raspbian"-Installation mit modifiziertem Kernel sowie dem "Advanced MAME"-Emulator hat der Niederländer Jeroen Domburg einen kleinen Spielhallenautomaten realisiert. Dieser braucht zwar noch Optmierung, aber immerhin führt die kleine Maschine bereits die Klassiker "Bubble Bobble", "Nemesis" und "Robotron" aus.

R2D2

Auch Star Wars-Freunde können so manches Ding aus der Science Fiction-Filmreihe dank dem Raspberry Pi zum Leben erwecken. Ein chinesischer Bastler hat seiner Freundin dank dem Minicomputer und etwas zusätzlicher Elektronik eine Miniaturausgabe von R2D2 gebaut, der sogar auf Sprachkommandos und Bewegungen reagiert, Gesichter erkennt und via Ultraschall Hindernissen ausweicht.

Flug in den Himmel

Der Brite Dave Akerman schickt wiederum schickt den kleinen Rechner regelmäßig per Ballon in baumgartnersche Höhen. Der Pi löst Kameraufnahmen der Flüge aus und dient auch als Tracker zur Nachverfolgung von Strecke und Höhe. "PIE1" schaffte es im Juli vergangenen Jahres dabei fast auf eine Höhe von 40 Kilometern. (red, derStandard.at, 21.01.2013)

  • Ein kleines Stückchen Star Wars: Eine mit dem Rasperry Pi realisierte Mini-Ausgabe von R2D2.
    foto: greensheller @ youtube

    Ein kleines Stückchen Star Wars: Eine mit dem Rasperry Pi realisierte Mini-Ausgabe von R2D2.

  • Die "Micro Arcade Machine".
    foto: jeroen domburg

    Die "Micro Arcade Machine".

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