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Monochrome Malerei und die großen Fragen des Seins

21. Jänner 2013, 10:27

Ab 16. Februar 2013 präsentiert ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH mit Rudolf Goessl unter dem Titel Verwandlungen die zweite Einzelschau im Landesmuseum Niederösterreich in St. Pölten und setzt damit das 2012 erfolgreich lancierte Projekt für zeitgenössische Kunst fort.

Bereits Ende der 1960er Jahre beschäftigt sich Rudolf Goessl als einer der Ersten in Österreich mit monochromer Malerei. Schon damals kreist seine Kunst inhaltlich um die großen Fragen des Seins und es gelingt ihm, die Spuren dieser Suche in meditativen Farbräumen von „unendlicher" Tiefe festzuhalten. Als gut informierter aber grüblerischer Einzelgänger bewegt er sich gerne etwas abseits des Kunstbetriebes und entwickelt in den folgenden Jahrzehnten in aller Stille sein bedeutendes malerisches Werk. Die umfassende Retrospektive versammelt nicht nur viel Unbekanntes, sie belegt zudem Goessls Rolle als „missing link" zur Generation der „neuen Wilden".

Rudolf Goessl wird 1929 als jüngstes von fünf Geschwistern in Kronberg im niederösterreichischen Weinviertel geboren. 1944 beginnt er sein Studium an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, die er durch die frühzeitige Einberufung zum Arbeitsdienst bis zum Kriegsende unterbrechen muss. Nach seiner Rückkehr im September 1945 nimmt er unverzüglich seine Ausbildung zum Grafiker wieder auf und schließt sie 1950 mit Diplom ab. 1953 heiratet er die Modeschöpferin Christine Pusch und bezieht mit ihr ein Wohnatelier in der Taubstummengasse im vierten Wiener Gemeindebezirk. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Goessl in dieser Zeit als Grafiker und Auslagengestalter in einem Wiener Warenhaus. Zwischen 1957 bis 1959 reift in Goessl der Entschluss, künftig als freischaffender Künstler zu leben. Er besucht regelmäßig die Abendakte bei Herbert Boeckl an der Akademie der bildenden Künste Wien und steht in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Fritz Wotruba und dessen Schülern.

Ab den späten 50er-Jahren trifft sich ein Teil der Wiener Kunstszene im Café Hawelka. Neben Schriftstellern und Kritikern verkehren Architekten und bildende Künstler in dem beliebten Nachtcafé. Hier verbringt auch Rudolf Goessl mit Freunden und Künstlerkollegen wie etwa Joannis Avramidis (*1922), Josef Pillhofer (1921-2010), Rudolf Wach (*1934) und Walter Pichler (1936-2012) viele gemeinsame Stunden.

Es ist die Zeit, in der Österreich seine kulturelle Agonie der Kriegszeit ablegt und Versäumtes nachholt - vor allem die Bildsprache der Abstraktion - und damit international erste avantgardistische Akzente setzt, etwa durch die performativen Beiträge der Wiener Aktionisten, die den Ausstieg aus dem Bild mit destruktiver Radikalität vollziehen.

Das Studium der alten Meister und die ständige Reflexion der jeweils aktuellen Tendenzen am Kunstmarkt bilden den Hintergrund, vor dem Rudolf Goessl sein malerisches Konzept entwickelt. Dabei wird die Auseinandersetzung mit der Farbe als Gestaltungsmittel der Malerei zum zentralen Thema. Nach einem Aufenthalt in New York, 1967, beginnt Rudolf Goessl die Farbfeldmalereien u. a. von Mark Rothko (1903-1970) und Clyfford Still (1904-1980) in seine formalen Gestaltungen miteinzubeziehen. Auch die minimalistischen monochromen Bildideen von Lucio Fontana (1899-1968) inspirieren sein malerisches Werk.

1973 präsentiert Rudolf Goessl erstmals auratische „Raumbühnenbilder" und eine Serie „Faltungen" in der Galerie nächst St. Stephan. Es ist dies die letzte Ausstellung, die noch von Monsignore Otto Mauer persönlich eröffnet wird, der charismatische Redner verstirbt noch im selben Jahr. Neben seinen Ausstellungsaktivitäten arbeitet Rudolf Goessl in den folgenden Jahren zurückgezogen an der Entwicklung seiner spezifischen malerischen Techniken. Zahlreiche Reisen führen ihn u. a. nach Frankreich, Deutschland, in die Niederlande, nach Italien, Ägypten und Griechenland, wo er auf der Insel Patmos viele Sommer mit Zeichnen und Aquarellieren verbringt.

Seit den 1980er Jahren charakterisieren grobkörnige Pigment/Sandmixturen seine Bildoberflächen, die gelegentlich von pastos gesetzten Pinselschlägen markiert werden: der sehr spezifische "körperliche" Umgang mit Farbe erweitert als wesentliches Stilmittel eine gleichzeitig subjektiver werdende Interpretation der Inhalte durch den Künstler. Von 2000 bis 2005 entstehen ausschließlich große Formate, darunter der 3-teilige Zyklus „Große Litanei". Goessls Beschäftigung mit dem Metaphysischen findet 2010/2011 in einer Reihe von beachtlichen Ölgemälden, von jeweils 200 mal 150 Zentimetern, erneut einen Höhepunkt. Seit 1994 arbeitet der Künstler kontinuierlich mit der Galerie Jünger, Baden bei Wien, zusammen. Er lebt und arbeitet in Wien.

Zu der von Andrea Jünger und Alexandra Schantl kuratierten Ausstellung Verwandlungen erscheint eine Publikation, die das künstlerische Werk von Rudolf Goessl umfassend illustriert und dokumentiert.


RUDOLF GOESSL
Verwandlungen

Landesgalerie für zeitgenössische Kunst ST. PÖLTEN
Landesmuseum Niederösterreich, Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten
16. Februar - 12. Mai 2013
Eröffnung: Freitag, den 15. Februar 2013

 

  • Blick ins Atelier des Künstlers Rudolf Goessl, 2011
    foto: ernst kainerstorfer

    Blick ins Atelier des Künstlers Rudolf Goessl, 2011

  • Rudolf Goessl, Zeichen, 2012Öl auf Leinwand, 200 × 150 cm
    foto: ernst kainerstorfer

    Rudolf Goessl, Zeichen, 2012
    Öl auf Leinwand, 200 × 150 cm

  • Rudolf Goessl, Diagonale/Steinbruch 1953/55Öl auf Leinwand, 36 × 50 cm
    foto: christoph fuchs

    Rudolf Goessl, Diagonale/Steinbruch 1953/55
    Öl auf Leinwand, 36 × 50 cm

  • Rudolf Goessl in seiner Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan (Wien, 1973), die Monsignore Otto Mauer noch persönlich eröffnete, bevor er im selben Jahr verstarb.
    foto: heidrun hubert

    Rudolf Goessl in seiner Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan (Wien, 1973), die Monsignore Otto Mauer noch persönlich eröffnete, bevor er im selben Jahr verstarb.

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