"Geh runter, Murli!" oder Deutsch durch Muttersprache

Glosse21. Jänner 2013, 09:25
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Es war einmal eine abhanden gekommene Muttersprache: Ist Deutsch zu lernen wichtiger als Erstsprachenförderung?

"Geh runter, Murli!" Das war mein erster vollständiger deutscher Satz. Murli war der tiefschwarze, gelbäugige Kater der Familie K., die mich und meine Eltern aufgenommen hatte, als wir 1992 nach Österreich kamen. "Runter, Murli" dürfte einer der wichtigsten Sätze im Haus gewesen sein. Denn Murli hatte nämlich die Angewohnheit, seinen menschlichen Mitbewohnern ständig zeigen zu müssen, was er von ihrem Verbot hielt, auf Tische, Sessel und Arbeitsplatten zu springen: nichts. Und so ließ er sich immer wieder elegant am Küchentisch nieder und tunkte die Schwanzspitze in die Frühstücksbutter oder streifte genüsslich mit den Flanken um den Gugelhupf. Als ich ihn einmal so höflich, wie ich es gelernt hatte, zum Verlassen der für Menschen vorgesehenen Höhen aufforderte, gab er mir als Antwort mit der Pranke eine auf den Kopf.

Die Sprache, ein Sekret

In den ersten Tagen nach meiner Ankunft bei den K.s in Niederösterreich habe ich kaum gesprochen. Nur beobachtet und gelauscht. Mein Vater hatte mir zwar schon in Jugoslawien deutsche Märchen vorgelesen und einige Worte kannte ich so bereits. Doch die Flucht hatte auch mir redseligem Kind die Sprache verschlagen - bis zum Murli-Ausbruch eben. Die Sprache zu erlernen war bei mir also kein bewusster, aktiver Prozess. Sie ist nach genug Absorption einfach aus mir herausgesprudelt. Anders etwa als bei meiner Mutter: Sie löste täglich fleißig die Übungsaufgaben - Hausübungen, im wahrsten Sinne des Wortes - die mein Vater für sie vorbereitete.

Wiederholtes Rotkäppchen

Und immer wieder die Märchen: Alle in der Familie mussten mir vor dem Schlafengehen vorlesen. Meine Eltern und eben Ehepaar K., die mit der Zeit zu meinem dritten Paar Großeltern wurden. Manchmal musste dasselbe Märchen von allen Stimmen interpretiert werden. Und wenn die Vorleser eine Stelle übersprangen, weil es spät war und sie schon müde waren, wies ich sie verärgert darauf hin: Nach so vielen Wiederholungen kannte ich Rotkäppchen natürlich schon auswendig.

Stummes S-H

Familie K. lebte in Niederösterreich, und als sich unsere Situation besserte und meine Eltern in Wien Arbeit fanden, zogen wir in die Hauptstadt. Ab diesem Zeitpunkt hörte ich komplett auf, Serbokroatisch zu sprechen. Ich verstand es zwar und antwortete auch, wenn man mich ansprach, tat dies aber immer auf Deutsch. Auch als mein ebenfalls geflüchteter Onkel bei uns viel Zeit verbrachte und sich um mich kümmerte, mit mir und meinem Sandkastenwerkzeugkoffer ständig in den kleinen Park in der Nähe ging - auch da weigerte ich mich, Serbokroatisch zu sprechen. Wenn wir meine durch den Krieg in der Welt zerstreute Familie besuchten, blieb ich meist stumm und schüchtern.

Deklinationen, Dadaismus und Datenverschlüsselung

Eloquenter wurde ich erst wieder, als sich die politische Situation entspannte und sich der Aufenthaltsstatus meiner Familie klärte. Nun hatte ich auch regelmäßiger Kontakt zu Gleichaltrigen, die auch "Unsrisch" sprachen - Cousins und Cousinen, etwa. Aber mein Serbokroatisch war nun holprig, die Worte schwer greifbar, die ungeübte Zunge träge. Von Kongruenz, Konjugationen und Deklinationen gar nicht zu sprechen! Was ich da während meiner muttersprachlichen Resozialisation produzierte, hätte man irgendwo bei Dadaismus oder spontaner Datenverschlüsselung ansiedeln müssen. Diese Ausdrucksform sorgte naturgemäß unter Tanten, Onkeln und Bekannten für viel Belustigung, mich beschämte aber oft diese Ohnmacht und Unfähigkeit, mich auszudrücken.

Literatur für schlechtes Gewissen

Leider gab es in meiner Volksschulzeit keine Möglichkeit, Serbokroatisch-Unterricht zu nehmen, und so wurde diese gerade erst wieder zart erblühte Fähigkeit in meinem Kopf immer stärker und stärker vom Deutschen verdrängt. Währenddessen schenkte mir meine Familie verlegen regelmäßig Bücher in meiner Muttersprache, die ich - kaum angelesen und entmutigt - als Schlechte-Gewissen-Spender ins Regal stellte. Erst sehr viel später, in der Pubertät und als junge Erwachsene, kümmerte ich mich wieder darum. Doch das selbstständige Aufpäppeln der vertrockneten und etwas degenerierten Kenntnisse ist eine schwierige Aufgabe. Ich werde Serbokroatisch wohl nie mehr so gut und intuitiv beherrschen wie Deutsch.

Deutsch durch Muttersprache

Heute schreibe ich in Formularen und Bewerbungsunterlagen beim Punkt "Muttersprache": Deutsch/Serbokroatisch. Und der Schrägstrich ist hier Programm. Als stünden die beiden Sprachen in Opposition, als würde man sie durcheinander dividieren müssen, in ein angemessenes Verhältnis setzen. Ein Bruch mit der Herkunft, der Vergangenheit, der eigenen Identität. Das Ergebnis ist der Preis für den sozialen und Bildungs-Aufstieg in Österreich - eine ganz neue Form der "survivors guilt". Es gilt, die Muttersprache zu verkaufen, sie hintanzustellen, im Namen der Bildung, der "Leistung", der heiligen "Integration", Amen.

Bilinguale Erziehung

Wie mein damaliger launiger Nachhilfelehrer Murli ist auch mein eigener Kater heute überhaupt nicht durch verbale Kommunikation vom Waschbecken, der Küchenarbeitsfläche und dem Esstisch herunterzubringen. Obwohl er sogar bilingual aufgewachsen ist. (Olja Alvir, daStandard.at, 20.1.2013)

  • Das ist nicht Murli, sondern eine andere, ähnlich freche Katze aus einem Beispielfoto.
    foto: heribert corn

    Das ist nicht Murli, sondern eine andere, ähnlich freche Katze aus einem Beispielfoto.

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