Ächzende Geschwüre

20. Jänner 2013, 18:52
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Arbeiten von Hans Kupelwieser bei Zeitkunst Niederösterreich in St. Pölten

St. Pölten - Den Weg zur Kunst muss man sich durchaus engagiert erarbeiten. St. Pöltner Taxifahrer müssen ihn sogar suchen. "Wohin?", heißt es jedes Mal zweifelnd, wenn es gilt, Landesgalerie oder Landesmuseum im "Kulturbezirk" der niederösterreichischen Hauptstadt anzusteuern. "Kenn ich nicht." - Stille und Beschaulichkeit im Museum müssen selbstverständlich nicht zwingend damit zusammenhängen.

Und solch ungestörte Konzentriertheit ist der Begegnung mit Hans Kupelwiesers Arbeiten auch nicht abträglich. Etwa wenn dem Betrachter beim Blick in den rotierenden Spiegel schwindlig wird; denn unerwarteterweise dreht sich nicht nur die Scheibe, sondern mit ihr auch das eigene Abbild. Optische Phänomene so wie dieser nach Kupelwieser selbst benannte K-Effekt und Dinge, die den Erwartungen an Medium und Material zuwiderlaufen, begegnen dem Besucher seiner retrospektiven Ausstellung Reflections häufiger.

Ist eine Plastik wirklich fixiertes Volumen, scheint Kupelwieser (geb. 1948 in Lunz am See) zu fragen, während das blaue Objekt zu unseren Füßen ächzend und seufzend seine Form verändert (Ohne Titel, 2010). Ein geradezu gespenstisches Geschwür, wäre da nicht das alltägliche Geräusch eines Staubsaugers: Ein "Vacuum Cleaner" saugt die Luft in dem mit Bällen gefüllten Beutel ab. Alles andere als flexibel ist das riesige Polster daneben. Mit Luftdruck hat Kupelwieser das pneumatische Objekt aus Aluminium, Gonflable (2012), in Form gebracht.

Wenn Kupelwieser Objekte - und auf diese Art auch bildliche Vorstellungen - in Bewegung versetzt, hinterfragt er damit den klassischen Skulpturenbegriff. Auch seine Experimente mit Fotografie kratzen daran, beschäftigt er sie doch bei ihnen mit dem Übergang vom Drei- ins Zweidimensionale und wieder zurück.

"Aber die bloße Tatsache, dass wir uns bei den meisten Skulpturen mit 2-D-Fotografien begnügen, zeigt auf, dass es mit der 3-Dimensionalität der Skulptur nicht so weit her sein kann", zitiert eine Arbeit aus Aluminiumlettern seinen einstigen Professor Peter Weibel. Inwiefern kann Fotografie Raum abbilden und Skulptur repräsentieren? Es sind diese Leitfragen, die Kupelwiesers Spiel mit Zwei- und Dreidimensionalität erklären. Allerdings trifft man erst am Ende der Ausstellung auf sie. Der ungeschulte Betrachter tappt, in Ermangelung erklärender Saaltexte, daher die meiste Zeit ziemlich im Dunkeln.   (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 21.2.2013)

Bis 27. 1.

  • Kein fixiertes Volumen, sondern pneumatisches Objekt in steter Veränderung: Plastik ohne Titel (2010) von Hans Kupelwieser.
    foto: ch. fuchs

    Kein fixiertes Volumen, sondern pneumatisches Objekt in steter Veränderung: Plastik ohne Titel (2010) von Hans Kupelwieser.

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