Attentäter wollte Parteichef "wachrütteln"

Bei seiner Abschiedsrede auf dem Parteitag sah der bulgarische Politiker Ahmed Dogan plötzlich in den Lauf einer Pistole. Der Attentäter, ebenfalls ein türkischstämmiger Bulgare, wollte den Parteichef "erschrecken"

Sofia/Istanbul - Bulgarien wäre nicht Bulgarien, wenn am Tag nach einem der dramatischsten Augenblicke in der Politik des Balkanlandes nicht gleich Vermutungen laut würden, der versuchte Mordanschlag auf einen Parteichef sei nur Inszenierung gewesen. Ein Bühnenkrach, um das Erbe von Ahmed Dogan und seiner Partei der türkischstämmigen Minderheit zu festigen.

"Solche Schauspiele sind in Bulgarien schon zuvor benutzt worden", sagt der Politologe Ognyan Mintschew und verweist auf die herrschenden Oligarchen im Land - Dogan inklusive -, die bei der sozialistischen Staatssicherheit angefangen hätten, bevor 1989 plötzlich Demokratie und Kapitalismus hereinbrachen. "Es ist ihr Job, in gewisser Hinsicht", sagt der langjährige politische Beobachter im Standard-Gespräch.

Noch laufen aber die Ermittlungen gegen den Attentäter. Der 25-jährige Oktai Enimehmedow war am Samstag vor laufenden Kameras mit einer Pistole in der Hand auf die Bühne des Parteitags der DPS in Sofia gestürmt. Ahmed Dogan, der Parteichef, hielt gerade seine Abschiedsrede.

Angreifer blutig geprügelt

Seinen Angreifer sah er gar nicht kommen. Dogan war in sein Manuskript vertieft. Er zuckte erschreckt zusammen, als der junge Mann in der schwarzen Lederjacke plötzlich neben ihm auftauchte und die Pistole direkt auf sein Gesicht richtete. Geistesgegenwärtig schlug der 58-Jährige den Arm des Angreifers mit der Pistole zur Seite. Dann versuchte Enimehmedow zu flüchten, wurde aber nach wenigen Metern von Parteitagsdelegierten zu Boden gerissen und blutig geprügelt. Staatliche Sicherheitsbeamte retteten den Attentäter vor der wütenden Menge. Einer soll sich dabei den Arm gebrochen haben.

Drei Patronen sollen in der Waffe des jungen Mannes gesteckt haben, einer Gaspistole türkischer Produktion: zwei Signalpatronen und eine dritte Kugel für einen Schreckschuss. Keine löste sich. Enimehmedow, auch er ein Angehöriger der türkischen Minderheit, konnte den Chef der Bewegung für Rechte und Freiheiten (DPS) nicht töten, erklärten Experten. Er habe den als autoritär geltenden Parteigründer Dogan lediglich "wachrütteln" wollen, soll er im Verhör angegeben haben.

Der Parteitag im Sofioter Kulturpalast NDK, einer Betonburg aus sozialistischen Tagen, war nach dem Anschlag für Stunden unterbrochen. Danach ließ Dogan den Rest seiner Rede verlesen. Sein Rückzug vom Vorsitz stand schon vor dem Angriff fest. Als Nachfolger wurde sein bisheriger Stellvertreter Ljutfi Mestan gewählt. In Bulgarien leben knapp 590.000 Türkischstämmige. (Markus Bernath, DER STANDARD, 21.1.2013)

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