Bundesschulsprecher: "Wir sind Schüler und keine Berufspolitiker"

Interview18. Jänner 2013, 17:19
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Felix Wagner erklärt, wie viel Demokratie die Schule braucht

STANDARD: Wie schaut dein Alltag als Bundesschulsprecher aus?

Wagner: Es ist im Prinzip ein Vollzeitjob. Wir nehmen unter anderem an Sitzungen des Bildungsministeriums teil, für die man sich sehr gut vorbereiten muss. Zusätzlich veranstalten wir Fortbildungsseminare, deren Organisation auch sehr zeitintensiv ist. Außerdem bin ich auch noch Landesschulsprecher von Niederösterreich.

STANDARD: Wie bist du zu deinem Job gekommen?

Wagner: Ich wurde von meinen Schulkollegen angesprochen, ob ich nicht als Schulsprecher kandidieren will, weil es keine Interessenten gab, die wirklich etwas ändern wollten. Die Aufgabe als Schulsprecher hat mir so sehr gefallen, dass ich als Landesschulsprecher kandidieren wollte. Nach nur einem Jahr in der Landesschulvertretung (LSV) bewarb ich mich zum Bundesschulsprecher. Normalerweise gelingt der Aufstieg nicht so rasch. Ich bin quasi ein Quereinsteiger.

STANDARD: Stehst du nun auch im Rampenlicht?

Wagner: In der Schule schon. Auf der Straße bin ich persönlich noch nicht angesprochen worden, aber meine Mutter erzählt mir immer, dass Leute sie darnach fragen, was ihr Sohn macht.

STANDARD: An meiner Schule kennen dich die meisten Schüler nicht, obwohl du deren Vertretung bist.

Wagner: Wir haben letzten Herbst eine Umfrage durchgeführt, die unter anderem ergab, dass tatsächlich nur sehr wenige Schüler die Bundesschülervertretung kennen. Um dem entgegenzuwirken, haben wir Projekte wie "BSV on tour" gestartet, bei dem wir an österreichischen Schulen Gespräche mit Schülern führen. Wir können aber nicht monatelang durch Schulen touren, weil wir trotzdem in unserer eigenen Schule sitzen müssen.

STANDARD: Die "Aktion kritischer Schüler" fordert eine direkte Wahl der Bundesschulvertreter. Stört es dich, dass du nur indirekt gewählt wurdest?

Wagner: Nein. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was ein Wahlkampf für einen direkt gewählten Bundesschulsprecher bedeuten würde. Schon in der Zeit, als ich für die Landesschulvertretung kandidiert hab, war ich kaum in der Schule. Wir sind eben Schülervertreter und keine Berufspolitiker. Eine direkte Wahl wäre auch viel stärker politisiert. Die Parteien würden unter dem Vorwand der BSV-Wahl mehr an Schulen werben. Das fände ich nicht gut.

STANDARD: In der Bundesschülervertretung sitzen 27 Vertreter der ÖVP-nahen Schülerunion und nur zwei Vertreter von der SPÖ-nahen Aktion kritischer Schüler (AKS). Kommen die Interessen der AKS dabei nicht zu kurz?

Wagner: Die Mitglieder der AKS sind bei den Sitzungen immer anwesend, aber natürlich kommen in Grundsatzfragen eher unsere Interessen zum Tragen. Trotzdem bemühen wir uns, auch auf die Interessen der anderen Rücksicht zu nehmen. Meistens ziehen wir aber ohnehin an einem Strang: Stichwort Zentralmatura.

STANDARD: Gibt die ÖVP eine Richtlinie vor, an die ihr euch halten müsst?

Wagner: Nein. Die Schülerunion orientiert sich an ihrem eigenen Grundsatzprogramm, das am Bundestag letztes Jahr abgestimmt wurde.

STANDARD: Eine deiner Forderungen ist mehr Mitbestimmungsrecht für Schüler in Form eines Bundesschulgemeinschaftsausschusses. Wie stellst du dir das vor?

Wagner: Genau wie ein Schulgemeinschaftsausschuss, nur eben auf Bundesebene. Mit jeweils drei Schüler-, Eltern- und Lehrervertretern, die ein aktives Mitbestimmungsrecht bei Reformen besitzen. Ob das ein Vetorecht oder ein erweitertes Beratungsrecht ist, kann noch diskutiert werden. Mir ist vor allem wichtig, dass die Meinung dieser Vertreter auch wirklich zum Tragen kommt. Momentan wird deren Meinung nur Beachtung geschenkt, wenn sie dem Ministerium auch in den Kram passt.

STANDARD: Ebenfalls forderst du eine stärkere Förderung individueller Interessen.

Wagner: Prinzipiell finde ich den Gedanken gut, dass man sich seine Fächer selbst aussuchen kann. Dafür gibt es auch schon Konzepte, wie etwa die modulare Oberstufe, die in den nächsten Jahren für alle Schulen verpflichtend wird. Das könnte man insofern erweitern, dass ein Schüler sich seine Fächer selbst aussuchen kann und auch die Möglichkeit hat, die Fächer, die ihm nicht gefallen, abzuwählen. Im Moment wird ein Großteil der Zeit in der Schule einfach versessen. Jeder Schüler hat sicher schon einmal im Unterricht gedacht: "Das brauche ich nie wieder." Die Schule ist dazu da, den Schüler in die Richtung zu lenken, in die er will, und nicht, um ihm Steine in den Weg zu legen.

STANDARD: Wenn ein Schüler ungeliebte Fächer abwählen kann, wäre dann die Teilnehmeranzahl in Mathematik nicht extrem gering?

Wagner: Solche Einzelheiten müsste man noch diskutieren. Mathematik wäre vermutlich ein zu wesentliches Fach, um es abzuwählen, weil grundsätzliche mathematische Fertigkeiten auch in gewissen Studienrichtungen gefordert werden. Eine abgespeckte Variante wäre eine Möglichkeit.

STANDARD: Wie kannst du deine Ideen endgültig durchsetzen?

Wagner: Einerseits habe ich eine Beraterfunktion bei Claudia Schmied inne, andererseits können wir im BSV enormen Druck ausüben, weil wir die Vertretung von 1,1 Millionen Schülern sind. Mitbestimmung funktioniert aber nicht über den direkten Weg: Meisten erhalten wir erst sehr spät nach Einreichung eines Vorschlags eine Antwort, manchmal sogar gar nicht. Die Bildungsministerin Schmied gibt sich zwar Mühe, aber es könnte mehr Wille da sein, uns zu unterstützen.

STANDARD: Strebst du eine weitere politische Karriere an?

Wagner: Jetzt will ich erst einmal dieses Jahr im Amt auskosten und dann schaue ich weiter. Momentan habe ich keine Zeit, um über meine weitere Zukunft nachzudenken. Das Weiteste, das ich geplant habe, ist mein Zivildienst kommendes Jahr. (Philipp Koch, DER STANDARD, 19.1.2013)

FELIX WAGNER (19) ist seit 30. September 2012 Bundesschulsprecher. Er besucht die HTL Mistelbach.

  • Felix Wagner fordert mehr Selbstbestimmung bei der Fächerwahl.
    foto: standard/cremer

    Felix Wagner fordert mehr Selbstbestimmung bei der Fächerwahl.

  • STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Demokratie
    foto: standard

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