Stronach mit "Dislikes" zur Vernunft voten

18. Jänner 2013, 17:19
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Ist das Publikum des Mitbestimmens in Sing-, Tanz- und Talenteshows müde? Gegenwärtige Erschöpfungstendenzen lassen das vermuten, Experten sehen die Zukunft des Votens in Politdiskussionen. Talker Stefan Raab macht es bereits vor

Wien - Wie es laufen kann, demonstriert derzeit Der Bachelor. Seit Anfang Jänner verteilt ein Jüngling wöchentlich Rosen an schmachtende Anbetende. Frauenverachtend, aber RTL ist das egal: Von Beginn an stimmt die Quote. Anders beim Showschlachtross Deutschland sucht den Superstar. Dieter Bohlens Geätze legte in der zehnten Auflage den zweitschwächsten Start hin. Im Gegensatz zur Castingshow entscheidet der Bachelor allein, was die Frage erlaubt: Ist das Publikum nach einem Jahrzehnt nahezu permanenten Anrufens und Simsens des Mitbestimmens überdrüssig und überlässt den Protagonisten wieder die Qual der Wahl?

Im Fall des Bachelor scheint es fast so. Hier hat sich die Zuschauergemeinde für andere Aktivitäten entschieden. Auf allen Webkanälen wird heftig diskutiert: Aussehen und Auftreten des Brautwerbers gewertet, über Schönheits- und Peinlichkeitsfaktoren der Kandidatinnen abgestimmt.

Shows können heute auch ohne Voting erfolgreich sein, sagt ORF-Chefentwickler Stefan Ströbitzer. Mitbestimmung sei "eine nette Zutat, aber nicht entscheidend". Darauf verzichten werde man in Zukunft dennoch nicht, vor allem aus Mangel an Alternativen: Seit längerem leidet die Showbranche an chronischer Ideenlosigkeit: "Alle setzen auf ähnliche Rezepte", sagt Ströbitzer.

Das Instrument des Votings hat Tradition im Fernsehen. Als Ursprung der Bürgerbeteiligung gilt die stilbildende Spieleshow Wünsch dir was! Dietmar Schönherr rief in den 1970ern das Publikum auf, Klospülung und Lichtschalter zu drücken, um Sieger zu bestimmen. Die Zuschauer drückten begeistert. Wasser- und Elektrizitätswerke schickten die Ergebnisse. Die moderne Zeitrechnung televisionären Mitbestimmens begann am 23. August 1979. Nach einer Umfrage des Magazins Schauplatz Berlin "Wird Hertha BSC Deutscher Meister?" konnten 600 Zuschauer eine ihnen bekannte Nummer anrufen.

Eine erste Konjunktur brachte TED. Mit dem "telefonischen Dialog" ermittelte Wetten, dass...? Wettkönige. 10.000 Anrufe pro Minute konnten verarbeitet werden, dennoch kam es gebietsweise zu Ausfällen in den Netzen.

Rekordhalter Song Contest

Im Vergleich zu heute mutet dieses System altertümlich an: 1997 wurde der TED durch ein leistungsstärkeres Anrufsystem ersetzt. Rekordhalter ist jährlich der Song Contest: 20.000 Anrufe und SMS gehen während der Show ein - pro Sekunde.

Vor dem Hintergrund sinkender Beteiligung bei politischen Wahlen überrascht der starke Gebrauch des Stimmrechts. Noch dazu, wo die Beteiligung im Fernsehen nicht einmal gratis ist: 50 Cent verlangt der ORF pro Anruf und SMS, bei Privatsendern variiert der Preis. Als das Voten noch funktionierte, riefen 25 Millionen bei Deutschland sucht den Superstar an. RTL erwirtschaftete 9,45 Millionen Euro.

Demokratisierung finde heutzutage über Medien statt, sagt der US-Webaktivist Ethan Zuckerman: Wer politisch etwas bewirken will, wendet sich nicht mehr an Parteien, sondern gründet eine Facebook-Gruppe. Glücklich ist jeder Sender, dem es gelingt, Facebook-User zu integrieren. Entwicklungen sieht Ströbitzer demzufolge bei Infoformaten. Zuletzt zeigte Stefan Raab vor, wo es langgeht: In der Politdiskussion Absolute Mehrheit bestimmten Zuschauer, wer am besten diskutierte. Der Sieger gewann 100.000 Euro. Raab war an dem Abend in der Kernzielgruppe Marktführer.

Man stelle sich vor: Bei Armin Wolf in der ZiB 2 sitzt ein rabiater Frank Stronach, der wortreich Antworten verweigert. Hätte der Politeinsteiger ebenso gezetert, wenn das Publikum noch in der Sendung massenhaft "Dislikes" geschickt hätte? "Finger weg von der ZiB", wehrt Ströbitzer ab. Bei Politdiskussionen kann er sich Facebook als Mittel direkter TV-Demokratie durchaus vorstellen.

Demokratisierung ereignet sich im Fernsehen über die Fernbedienung: Die Zuschauer machen sich längst ihr eigenes Programm, wählen über Festplatte, DVD und Video-on-Demand, was und wann sie sehen wollen. Vielleicht ist das der Grund für Votingverdruss. (Doris Priesching, DER STANDARD, 19./20.1.2013)

  • STANDARD-Schwerpunktausgabe Direkte Demokratie

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    Direkte Demokratie

  • An "Deutschland sucht den Superstar" verlieren die Zuschauer das Interesse. Die Zukunft gehört der politischen Stimme im TV.
    foto: ap photo/volker wici

    An "Deutschland sucht den Superstar" verlieren die Zuschauer das Interesse. Die Zukunft gehört der politischen Stimme im TV.

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